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Samstag, 28.01.2017

„Wir wurden belächelt und bedroht“

Bäcker Werner Raddatz über das plötzliche Aus für die Windparks rund um Großenhain – und letzte Ängste.

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© Symbolbild/dpa

  • Unternehmer Werner Raddatz hat sich seit 2009 als Macher und Mitmacher in der Bürgerinitiative eingebracht – hier mit gebackenen Windrädern 2012, die er bei Minister Thomas de Maiziere im Großenhainer Büro abliefert.
    Unternehmer Werner Raddatz hat sich seit 2009 als Macher und Mitmacher in der Bürgerinitiative eingebracht – hier mit gebackenen Windrädern 2012, die er bei Minister Thomas de Maiziere im Großenhainer Büro abliefert.

Im Großenhainer Land sind alle geplanten Windparks vom Tisch. Bis auf Thiendorf, und dort gibt es sogar noch erhebliche Einwände von Behörden. Vor allem die Großenhainer und Röderner, die 2009 über Nacht zu Windkraft-Gebieten erklärt wurden, dürften nach jahrelangen Protesten, der Mitarbeit in Arbeitsgruppen und unzähligen Vor-Ort-Begehungen nun jubeln. Aber ist Ihnen danach? Die SZ sprach darüber mit Werner Raddatz von der Großenhainer Initiative, wie er die Sache sieht.

Herr Raddatz, ist das schon der große Sieg der Bürgerinitiativen?

Klares ja. An Selbstbewusstsein hat es uns ja nie gemangelt. „Wir stoppen den gigantischen Windwahn“ konnte man schon vor Jahren auf unseren Plakaten lesen. Aber wir denken, es ist in erster Linie ein Sieg der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Wenn der Planungsverband diese Vorranggebiete nicht weiter verfolgt, bedeutet das für unsere Dörfer eine Zukunft. Unsere Kinder und Enkel können in einer lebenswerten Heimat aufwachsen. Unsere Gesundheit und Lebensqualität werden nicht einer, mehr als fragwürdigen, Energiewende geopfert. Wir erinnern uns: Geplant waren 200 Meter hohe Windräder, 50 Stück mit einem Abstand von 500 Metern bis zu den Häusern. Wir reden da von einen 560 Hektar großen Windpark, der 180 Grad der freien Sicht verbaut hätte.

Was hat überhaupt zu diesem unerwarteten Schwenk geführt, wo es jahrelang kein zurück gab?

Die Frage, warum plötzlich all die Fakten, die wir in den letzten fünf Jahren gesammelt haben und die in der Presse, im Radio und im Fernsehen veröffentlicht wurden, in die Planung einbezogen werden, haben wir uns auch gestellt. Wir gehen davon aus, dass von der Staatsregierung die Erlaubnis erteilt wurde. Es war einfach nicht mehr möglich, sich den gut vernetzten und im höchsten Maße mit Wissen und Fakten agierenden Bürgerinitiativen entgegenzustellen und sie zu ignorieren. Wir wurden belächelt, eingeschüchtert, unsere Plakate gestohlen, zerschnitten, angebrannt und man hat uns gedroht. Aber wieder einmal wurden die Bürger völlig unterschätzt.

Was bedeutet es für die ausstehende Klage des Windkraftbetreibers Teut, wenn das Gebiet Strauch/Stroga jetzt vom Planungsverband gar nicht mehr gewollt ist? Könnte sich Teut doch noch einklagen?

Eine Klage gegen die Erweiterung des Landschaftsschutzgebietes, das auch im Fall des Erfolges kein Vorranggebiet werden kann, halten wir für wirtschaftlich nicht sinnvoll. Das werden auch die Kläger so sehen. Wenn man die Begründung des Planungsverbandes für die Streichung des Vorranggebietes sieht, erkennt man, dass da die Belange des Artenschutzes die größte Rolle spielen. Das ist auch als eindeutige Bestätigung der Ausweitung des Landschaftsschutzgebietes zu sehen.

Was ist jetzt mit unterschriebenen Verträgen, wann läuft deren Bindung aus?

Sicher war der Abschluss der Verträge mit etwas Aufwand verbunden, aber gegen den enormen zeitlichen und materiellen Aufwand der Bürgerinitiativen ist das zu vernachlässigen. Da es kein Vorranggebiet mehr gibt, laufen diese Verträge alle ins Leere und werden wertlos.

Wie ist nach dieser Entscheidung die Stimmung in den Dörfern? Sicher gab es ja auch einige, die gern ein Windrad auf ihren Flächen gehabt hätten.

Die meisten Grundstückseigentümer wurden ja Opfer der ausgeklügelten Werbemasche der Windkraftplaner und wissen heute, was von deren Versprechungen zu halten ist. Einer der schönsten Sätze eines Grundstückseigentümers lautete: Der Frieden im Dorf ist wichtiger.

Hat sich die Arbeit der Bürgerinitiative jetzt erledigt oder gibt es Dinge, die Sie im Blick behalten?

Alles Schlechte hat auch was Gutes! Wir hätten niemals gedacht, was die fünfjährige Arbeit in den Bürgerinitiativen den Dorfgemeinschaften gebracht hat. Über alle Altersklassen und politischen Ansichten hinweg bestand Einigkeit, jetzt handeln zu müssen, für uns selbst und für alle die nach uns kommen. Das hat ungeahnte Kräfte und Kreativität freigesetzt und konnte nicht ohne Wirkung bleiben. Ich persönlich bin zuerst dankbar, dass wir so viel Unterstützung bei all unseren Aktionen, egal wo auch immer sie stattfanden, erhalten haben und auch sehr stolz, gemeinsam mit so vielen heimatverbundenen Menschen in einer für uns alle so wichtigen Sache gekämpft zu haben. Wie viel Zeit, wie viele Termine, wie viele Enttäuschungen, aber auch wie viel Optimismus und Hoffnung. All das war nicht umsonst und wird sicher auch zur geeigneten Zeit gefeiert.

Wie hat das Thema „Windpark Großenhain“ das Miteinander in den Orten verändert? Interessiert man sich jetzt auch für andere Themen gemeinsam?

Um die Frage nach der Zukunft zu beantworten, würde ich sagen: Die Strukturen stehen, die Bürger sind wachsam. Sobald es notwendig erscheint, melden wir uns sicher zurück. Denn, noch reden wir hier von einem Entwurf, den der Planungsverband vorgelegt hat.

Das Gespräch führte Birgit Ulbricht