erweiterte Suche
Dienstag, 23.02.2016

„Wir lassen uns von Brandstiftern nichts diktieren“

Nach dem Feuer im Husarenhof will Bautzens OB, Alexander Ahrens, rasch neue Unterkünfte für Flüchtlinge finden.

Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens ist nach dem Brandanschlag auf den Husarenhof wütend. Er will nun noch enger mit dem Landratsamt zusammenarbeiten, um möglichst schnell neue Objekte zur Unterbringung von Flüchtlingen zu finden.
Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens ist nach dem Brandanschlag auf den Husarenhof wütend. Er will nun noch enger mit dem Landratsamt zusammenarbeiten, um möglichst schnell neue Objekte zur Unterbringung von Flüchtlingen zu finden.

© Robert Michalk

Bautzen. In der Nacht zu Sonntag lodern Flammen aus dem ehemaligen Hotel Husarenhof am Käthe-Kollwitz-Platz. 300 Flüchtlinge sollten hier eigentlich Mitte März einziehen. Oberbürgermeister Alexander Ahrens ist noch immer fassungslos. Die SZ sprach mit ihm über mögliche Ursachen, die Folgen für die Stadt und wie es weitergeht.

Herr Ahrens, nach dem Brand des Husarenhofes fragen sich viele, warum gerade jetzt und warum hier? Haben Sie schon eine Antwort darauf?

Nein. Eine konkrete Antwort darauf kann man glaube ich gar nicht finden. Wir haben die Diskussion rund um das Thema Flüchtlinge ja schon seit zwei Jahren. Es gibt mittlerweile vier Unterkünfte in der Stadt. Und wir haben an allen vier Standorten zwar sehr emotionale, aber auch sehr sachliche Diskussionen erlebt.

Hätte man damit rechnen können, dass es zu so einem Anschlag kommt?

Nein. Abzusehen war es wirklich nicht. Mit einer geringen Wahrscheinlichkeit muss man das Risiko immer im Hinterkopf haben. Dass es jetzt passiert ist, macht mich wütend und auch traurig. Nichtsdestotrotz werden wir die Gespräche zu dem Thema fortsetzen. Denn auch die große Mehrheit der Asylgegner ist nicht damit einverstanden, dass hier Häuser brennen.

Nachdem klar wurde, dass es sich um Brandstiftung handelt, haben Sie eine „Jetzt erst recht“-Haltung angekündigt. Was meinen Sie damit?

Damit meine ich, dass wir uns nicht von Brandstiftern diktieren lassen werden, wen, wie viele Menschen und unter welchen Bedingungen wir sie in Bautzen unterbringen. Und auch da bin ich mir sicher, dass die Asylgegner das genauso sehen.

Wo sehen Sie Ursachen dafür, dass es überhaupt so weit kommen konnte?

Ursachen sehe ich ganz klar darin, dass die Diskussion bundesweit zum Teil sehr verroht ist. Es scheint in Deutschland zu gewissen Themen ein Recht auf Hysterie zu geben. Sicherlich sind es sehr weitreichende und schwerwiegende Themen, über die man sich da unterhält, dennoch ist die Aufregung an manchen Stellen überzogen.

Welche Rolle spielen dabei Politiker?

Dieses unangenehme negative Klima wird natürlich verstärkt durch geistige Brandstifter, wie zum Beispiel die beiden Damen von der AfD Frau Petry und Frau Storch. Die in gespielter Unwissenheit darüber schwadroniert haben, Flüchtlinge auch mit Waffengewalt an den Grenzen aufhalten zu müssen. Zu den Wegbereitern einer solchen Verrohung gehört für mich leider auch der Herr Seehofer. Sicher war es nicht sein Ziel, aber es ist ein Ergebnis seiner Positionierung zu dieser Thematik. Denn er instrumentalisiert das Thema seit langer Zeit, um Druck auf Frau Merkel aufzubauen. Das finde ich sehr bedauerlich.

Und so entsteht ein Strudel, von dem sich die Menschen mitziehen lassen.

So fühlen sich Leute mit krimineller Energie ermutigt, solch einen Schritt zu gehen.

Hätte man den Anschlag in irgendeiner Form verhindern können?

Hinterher ist man immer schlauer. Es gab ja auch einen Wachschutz, der an dem Hotel unterwegs war. Der ist offensichtlich genau abgepasst worden. Was wiederum ein deutliches Indiz für die hohe kriminelle Energie ist. Wenn jemand entschlossen ist, so etwas umzusetzen, dann kann man das auch mit einem doppelten Wachschutz oder anderen Maßnahmen nicht verhindern. In einem unbeobachteten Moment aus einem toten Winkel heraus Brandsätze auf ein Dach zu schleudern, ist jederzeit möglich.

Fürchten Sie nun um den Ruf der Stadt – vom Image des „gelben Elends“ hin zum „braunen Elend“?

Das Problem ist schon eingetreten. Das liegt auch an der Dynamik in der Berichterstattung. Wir haben schon die ersten Schreiben bekommen von Reisegruppen, die ihren Aufenthalt in Bautzen absagen. Nicht nur jetzt, sondern auch für das kommende Jahr. Das sind die Effekte, die unmittelbar auftreten und an denen werden wir eine Weile zu knabbern haben. Das ärgert mich nachdrücklich. Gerade weil wir in den vergangenen Jahren immer sachlich zu dem Thema diskutieren konnten.

Es werden jetzt andere Unterkünfte gebraucht. Was kann die Stadt tun?

Wir werden noch enger an den Landrat heranrücken. Und zusehen, dass die teureren und aufwendigeren Möglichkeiten, die es noch gibt, zeitnah umgesetzt werden.

Welche sind das beispielsweise?

Auf der Infoveranstaltung im Theater wurde gesagt, dass die Husarenkaserne als Objekt erst mal nicht infrage kommt, aber man es nicht ausschließen könnte. Das, was jetzt passiert ist, daran hatte damals niemand gedacht. Aber vielleicht ist das jetzt ein Auslöser, auch wieder über die Husarenkaserne nachzudenken. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass wir noch kein konkretes Objekt im Blick haben. Die Gespräche mit dem Landratsamt werde ich erst in den kommenden Tagen führen. Eine Maßnahme, die wir vonseiten der Stadt machen wollen, ist eine Diskussionsveranstaltung zu dem Thema. Wir dürfen uns nicht verstecken. Ich versuche, in schlechten Dingen auch das Positive zu sehen. Und das Positive könnte sein, dass wir uns mit dem Thema intensiver auseinandersetzen und uns mit einbringen.

Der sächsische Innenminister und der Ministerpräsident wurden für ihre passive Haltung zu den Vorfällen in Bautzen und Clausnitz kritisiert. Fühlen Sie sich ausreichend von der Landesebene unterstützt?

Was ich positiv bemerke, ist, dass Herr Tillich die Tat scharf verurteilt hat. Aber ich würde mir schon wünschen, dass wir uns auf Landesebene mal zusammensetzen und überlegen, wie gehen wir mit dem Thema weiter um. Denn es ist sehr auffällig, dass solche Probleme häufig in Sachsen auftreten. Und das spricht dafür, dass wir hier etwas ändern müssen.

Warum gibt es gerade in Sachsen so viele Probleme?

In Sachsen leben wenig Ausländer. Das befördert die Furcht vor Zuwanderung. Ein schönes Beispiel ist in Bautzen selbst zu finden. Als das Spreehotel zur Asylunterkunft werden sollte, gab es viele Diskussionen. Die Angst war groß, dabei ist diese gar nicht begründet. Denn schon nach kurzer Zeit kehrte Ruhe ein. Ich denke, dass das auch beim Husarenhof so gewesen wäre.

Gespräch: Frances Scholz