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Mittwoch, 28.12.2016

Windrad wie Streichholz umgeknickt

Rund 500 000 Euro Schaden im Windpark Sitten. Für Experten ist das kein Einzelfall.

Von Heike Heisig und André Braun

Das Windrad am Boden

Das umgestürzte Windrad im Windpark Sitten. Die 65 Meter hohe Anlage knickte ein. Erst im Juni war die Anlage gemäß der gesetzlichen Vorgaben überprüft worden, damals wurden keine Mängel festgestellt.
Das umgestürzte Windrad im Windpark Sitten. Die 65 Meter hohe Anlage knickte ein. Erst im Juni war die Anlage gemäß der gesetzlichen Vorgaben überprüft worden, damals wurden keine Mängel festgestellt.

© André Braun

Neugierigen vermutlich so häufig besucht worden wie nie zuvor. Am Dienstagnachmittag ist eine der dort stehenden Windkraftanlagen abgeknickt. Mit dem teilweise heftigen Wind – bis zu 22 Meter pro Sekunde soll er an diesem Standort zum Unglückszeitpunkt geweht haben – muss das aber nicht unbedingt zusammenhängen.

Das Windrad am Boden

Hans Körner, Geschäftsführer und Monteur bei der Firma Rasmus Windkraftservice aus Königshofen (Thüringen), erklärt: „Wir gehen davon aus, dass es zu einem Schaden an einem Rotorblatt und infolgedessen zu einer Unwucht gekommen ist.“ Die wiederum habe den Stahlmasten umknicken lassen wie ein Streichholz. Noch während sich die Anlage um 16.30 Uhr abgeschaltet hat, sei sie umgeknickt. „Das ist mit der Reaktion vergleichbar, wenn eine Perlenkette reißt. Alles passiert in Sekunden“, veranschaulicht Körner.

Auch die Nachbarn stellen Vergleiche an. Einige hätten den lauten Aufprall gehört und meinen, so muss es klingen, wenn ein Flugzeug abstürzt. Die Anlage hat eine Nabenhöhe von 65 Metern. Ein Rotorblatt ist sieben Tonnen schwer. Die auf dem Feld zerschellten Rotorblätter sehen aus wie die fasrigen Maisblätter, wenn der Kolben herausgebrochen worden ist. Umgeknickt ist der Mast relativ nah über dem Boden. Dass Personen zu Schaden gekommen sind, davon ist nicht auszugehen. Eine entsprechende Anfrage ließ die Polizeidirektion Chemnitz am Mittwoch allerdings unbeantwortet.

Am frühen Mittwochnachmittag haben Mitarbeiter der Firma Rasmus auf einen bestellten Gutachter gewartet, um bei der Versicherung Schadensansprüche geltend machen zu können. Hans Körner spricht von einem Totalschaden der Anlage und von einem wirtschaftlichen Schaden von rund 500 000 Euro. Bis 2019 hätte diese Windmühle noch unter voller Leistung stehen müssen, dann wäre sie abgeschrieben gewesen, hätte aber mit gedrosselter Leistung durchaus weiter für die Energieerzeugung genutzt werden können.

Körner geht davon aus, dass die Firma Eurowind, die den Park vor rund zwei Jahren übernommen hat, die Anlage durch eine baugleiche ersetzen lässt. Vorher werden, wenn der Gutachter seine Arbeit beendet hat, die Trümmer der jetzt umgeknickten Windmühle beseitigt. „In ein paar Tagen wir an dieser Stelle erst einmal nichts mehr zu sehen sein“, meint der Windkraftservice-Chef.

Nach seinen Angaben ist die Anlage erst im Sommer entsprechend des gesetzlich vorgeschriebenen Turnus überprüft worden. „Reinschauen kann man in die Rotorblätter aber auch da nicht“, sagt Hans Körner. Ermüdungserscheinungen des Materials seien wahrscheinlich die Ursache dafür, dass das Blatt jetzt aufgerissen ist. Außer der üblichen Abnutzung müssen die Rotorblätter sämtlicher Windkraftanlagen einiges aushalten, zum Beispiel mehrmals im Jahr Blitzeinschlägen standhalten.

Dass ein Windrad umknickt, ist gar nicht so selten, wie der Laie vielleicht annimmt. „An die 20 Mal habe ich einen solchen Schaden schon gesehen“, sagt Körner, der für Eurowind in ganz Deutschland im Einsatz ist. Die Firma wird wahrscheinlich auch die neue Anlage in Sitten errichten.