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Mittwoch, 07.06.2017

Wer fährt mehr auf Strom ab?

Dresden und Leipzig wollen beide Modellstädte für die intelligente Mobilität der Zukunft werden. Die Messestadt hat dabei die Nase vorn – noch.

Von Nora Miethke

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Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (l.) fährt im Dienst E-Golf.
Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (l.) fährt im Dienst E-Golf.

© Thomas Kretschel, dpa/Peter Endig, Montage: SZ/Uwe Nitschke

  • Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (l.) fährt im Dienst E-Golf.
    Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (l.) fährt im Dienst E-Golf.
  • Leipzigs Stadtoberhaupt Burkhard Jung nutzt einen Elektro-BMW.
    Leipzigs Stadtoberhaupt Burkhard Jung nutzt einen Elektro-BMW.

Maria und Edgar Paulo stehen mit ihren beiden Söhnen im Scheinwerferlicht und blicken erwartungsvoll auf die grüne Plexiglas-Tür. Zu sanften sphärischen Klängen öffnet sich diese langsam und präsentiert auf einer Drehscheibe einen weißen E-Golf. Was wie für eine Automesse inszeniert wirkt, ist die Auslieferung in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen. Familie Paulo ist für die Übergabe extra aus dem 525 Kilometer entfernten Weil in Baden-Württemberg gekommen.

Sie sind die perfekten Vorzeigekunden, um das Thema Elektromobilität zu verkaufen. Denn der E-Golf von Familie Paulo ist ein Zweitwagen für Mama Maria und ihre kurzen Wege zu Kita, Schule und Fußballplatz. Um etwas für die Umwelt zu tun, wollte sie von der B-Klasse von Mercedes auf einen Stromer wechseln. Vater Edgar fuhr alles Probe, was mit Antriebsbatterie auf dem Markt ist, einschließlich eines Tesla. Die Wahl fiel auf den E-Golf, und Volkswagen nutzte die Gelegenheit für eine medienwirksame Übergabe. Denn die Elektromobilität braucht kräftig Werbung. 2025 soll jedes vierte verkaufte Fahrzeug von VW rein elektrisch fahren. Der Wolfsburger Autobauer treibt in Dresden den Wandel zu einer Modellstadt für Elektromobilität und Digitalisierung massiv voran mit der Gläsernen Manufaktur als Mobilitätszentrum der Zukunft. Die Termine überschlagen sich. An diesem Mittwoch gibt Oberbürgermeister Dirk Hilbert seinen Dienst-Phaeton ab und fährt im E-Dienstwagen wieder weg. Am 1. August ziehen sechs Mobilitätsteams in den neuen Startup-Inkubator ein. Am Dienstag hat die Umrüstung der Ladesäulen begonnen.

In der Leipziger Stadtverwaltung sieht man diese Entwicklung etwas mit gemischten Gefühlen. Denn auch die Messestadt fährt unter Strom. Leipzig wollte Hauptstadt der Elektromobilität in Deutschland werden. 2015 wurde das Ziel umbenannt in Modellstadt für intelligente Mobilität.

Leipzig vorn bei vernetztem Verkehr

Beide Städte starteten am gleichen Ausgangspunkt. 2009 legte die Bundesregierung ein Fördermittelprogramm für Modellregionen Elektromobilität auf, 2011 öffnete sie dann die bundesweit vier „Schaufenster Elektromobilität“. Sachsen arbeitete mit Bayern zusammen. 130 Millionen Euro flossen in diverse Projekte. Dresden konzentrierte sich auf die Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs. Die Dresdner Verkehrsbetriebe nahmen die Elektro-Buslinie 79 in Betrieb, auf der Pilotlinie 64 fährt ein Hybridbus. Dagegen stand in Leipzig die Umstellung kommunaler Fuhrparks im Mittelpunkt. Das bot sich an, produziert der Autobauer BMW doch seit 2011 seine Elektromodelle i3 und i8 in Leipzig. Die Stadt leaste 50 Fahrzeuge, die die Mitarbeiter der städtischen Betriebe nutzen sollen. Am Dienstag teilte BMW mit, dass die Elektroflotte im November auf 80 Autos aufgestockt wird. Für Oberbürgermeister Burkhard Jung ist die Erweiterung ein Zeichen „für das neue und nachhaltige Verständnis von Mobilität“ in Leipzig. Dabei spiele Elektromobilität eine Hauptrolle. Es wurde ein dichtes Netz mit derzeit 200 Ladepunkten aufgebaut, obwohl in der Stadt bislang nur 150 E-Autos zugelassen sind. In Dresden waren Anfang Juni 227 Pkws mit Elektroantrieb. Die Zahl der Ladepunkte liegt bei rund 90, soll aber auf 250 steigen.

Früher als die Landeshauptstadt setzte Leipzig auf das Thema Multimodalität, also die Vernetzung des Verkehrs. Wie diese aussehen kann, zeigen die ersten 25 Mobilitätsstationen in der Innenstadt mit jeweils zwei Stellplätzen für Carsharing, Elektroautos und Leihfahrräder inklusive Ladesäulen. Am Bildschirm der gelb-blauen Stelen „Leipzig mobil“ können Bus, Bahn und Auto gebucht und bezahlt werden, die Stromladung beglichen und die nächsten Verbindungen geprüft werden. Die App „Leipzig Mobil“ gibt es auch zum Herunterladen auf das private Smartphone. „Die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Mobilitätsanbietern herzustellen, das ist die ganz hohe Schule“, sagt Christian Grötsch vom Bundesverband Elektromobilität (BEM) in Leipzig.

Das muss Dresden erst noch lernen. Der Stadtrat hat im März das Konzept der intermodalen Mobilitätspunkte verabschiedet. 74 sind im Stadtraum geplant, die Eröffnung des ersten Mobilitätspunktes ist für den Herbst 2017 vorgesehen.

Experimentierfreudiger zeigt sich Leipzig bislang auch bei neuen Mobilitätsdiensten. Als erste Stadt erteilte sie Clevershuttle die Betriebslizenz. Berufstätige nach Feierabend, Pendler zur Messe oder Studenten auf dem Weg vom Biergarten nachts nach Hause nutzen gern die Sammeltaxis mit E-Motor. „Leipzig hat sich als sehr aufgeschlossen und interessiert gezeigt, bei der Genehmigung und auch jetzt im laufenden Betrieb“, lobt Nora Erdbeer, Sprecherin der GHT Mobility GmbH. Clevershuttle will dieses Jahr noch in Dresden starten.

Auch Teilauto-Geschäftsführer Michael Creutzer ist zufrieden. Der Carsharing-Anbieter zählt 8 500 Kunden in Dresden und 10 500 Kunden in Leipzig. Das Konzept der Mobilitätsstationen sei nur eine Möglichkeit, um Autos zu teilen, ein anderer Weg Corporate Carsharing als Fuhrpark, so Creutzer. Schon 2014 hat die Stadt Leipzig begonnen, 50 Dienstfahrzeuge durch Teilautos zu ersetzen, die nach Dienstschluss den Leipzigern zur Verfügung stehen. Auch die Stadt Dresden will langfristig auf einen eigenen Fuhrpark verzichten. Das Startup „CarlundCarla.de“ will im Dresdner VW-Inkubator dafür ein passendes Geschäftsmodell entwickeln.

Während in Dresden mehr die automobile Zukunft im Vordergrund zu stehen scheint, so Grötsch, habe Leipzig die klarere Strategie für einen wirklichen Mobilitätswandel. Grundlage ist ein Masterplan mit 46 Einzelmaßnahmen, der das Ergebnis eines zweijährigen Diskussionsprozesses ist, in den alle eingebunden waren – Bürger, Unternehmer und Verbände. Nun komme es darauf an, eine Infrastruktur zu schaffen, die für alle mobilitätsfreundlicher ist. Bei der Entwicklung neuer Wohnquartiere müssten Ladepunkte, Radkeller und Carsharing-Plätze schon mitbedacht werden. Da sieht der BEM-Experte Leipzig auf dem besseren Weg, weil die Idee der Verknüpfung dort schon länger gereift sei als in Dresden.

Doch die Gestaltung der Mobilität der Zukunft ist kein Wettlauf, den nur einer gewinnt. Eine Achse gemeinsamer Projekte könnte die öffentliche Wahrnehmung beider Modellstädte über Sachsen hinaus nur steigern. „Warum kann die erste Fahrspur für autonome Autos nicht von Dresden nach Leipzig verlaufen?“, fragt Grötsch.

VW reserviert in der Gläsernen Manufaktur in Dresden den 15. Juni 2017 für elf Probefahrten mit dem E-Golf und dem Passat GTE für SZ-Leser. Interessierte können sich per Mail wenden an sz.wirtschaft@ddv-mediengruppe.de

Leser-Kommentare

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Insgesamt 19 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Tut Nixzursache

    Nicht nur bei der Verkehrsmobilität liegt Leipzig vorn, ich sage nur offenes WLAN im Innenstadtring ...... schon ewig und 3 Tage. Aber für die Landeshauptstadt ist das bestimmt 'Neuland'. Dresden halt .....

  2. RS

    In der Entwicklung (ÖPNV, ÖPFV, Wirtschaft, Arbeitsplätze, Einwohnerzahl, Geburtenrate, Familienzuzug, offene bunte Gesellschaftsstruktur, ...) scheint Leipzig Dresden immer weiter anzuhängen. In 10 Jahren wird die Frage aufkommen, ob nicht Leipzig Landeshauptstadt werden sollte. Dafür gibts in Dresden das Muselgruseln, man zelebriert Deutschtümelei, zieht nur Billiglohnzahler an und schreckt internationale Zuzügler und Gestalter ab.

  3. Radlerin

    Auch der Mitteldeutsche Verkehrsverbund ist voraus: Die Mitnahme von Fahrrädern ist bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen im MDV-Gebiet sowie bei Verkehrsunternehmen OBS, PNVG im Saalekreis und PVG im Burgenlandkreisden generell kostenlos. OK in Leipzig und Halle auch nicht, aber dort kann man da ja dann das Rad selber fahren.

  4. Frank Paetzold

    Von wem läßt sich OB Hilbert und die Leipziger Stadtverwaltung die E-Autos bezahlen? Von den Dresdner und Leipziger Steuerzahlern! Interessant wäre zu Wissen, wie Familie Paulo die 525 km bis BW mit dem E-Golf von Dresden zurücklegt. Laut Datenblatt von VW hat der E-Golf eine praxisnahe Reichweite von 130-190 km. Eine Volladung mit Drehstrom dauert 8 Stunden, eine 80% Ladung mit Gleichstrom dauert 0,5 Stunden. Diese Ladesäulen sind allerdings ganz dünn gesät. Eine andere Frage ist die nach Personen, die kein Smartphone haben oder haben wollen. Hier scheint mir, daß riesige Bevölkerungsgruppen vorsätzlich diskriminiert werden, wenn diese an der Ladesäule stehen und kein Strom bekommen. MfG

  5. Igor

    @2: Meinen Sie mit offener bunter Gesellschaftsstruktur etwa Eisenbahnstraße, Drogenhandel, Einbrüche, Gewaltkriminalität? Ohja, da hat Leipzig wirklich mal die Nase vorn.

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