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Mittwoch, 27.01.2016

Wenn das Idyll nicht mehr sicher ist

Zeithain sorgt seit einem fremdenfeindlichen Überfall am Montag deutschlandweit für Schlagzeilen. Viele Anwohner haben Angst. Die SZ war vor Ort.

Von Antje Steglich

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Kirche, Dorfteich, schmucke Einfamilienhäuser – Zeithains Dorfmitte wirkt idyllisch. Doch im benachbarten Gewerbegebiet und der Neubausiedlung gibt es derzeit viele Konflikte.
Kirche, Dorfteich, schmucke Einfamilienhäuser – Zeithains Dorfmitte wirkt idyllisch. Doch im benachbarten Gewerbegebiet und der Neubausiedlung gibt es derzeit viele Konflikte.

© Sebastian Schultz

  • Kirche, Dorfteich, schmucke Einfamilienhäuser – Zeithains Dorfmitte wirkt idyllisch. Doch im benachbarten Gewerbegebiet und der Neubausiedlung gibt es derzeit viele Konflikte.
    Kirche, Dorfteich, schmucke Einfamilienhäuser – Zeithains Dorfmitte wirkt idyllisch. Doch im benachbarten Gewerbegebiet und der Neubausiedlung gibt es derzeit viele Konflikte.
  • Am Zeithainer Netto-Markt gab es am 16.Januar einen sexuellen Übergriff.
    Am Zeithainer Netto-Markt gab es am 16. Januar einen sexuellen Übergriff.
  • An der Nikopoler Straße gab es am 25.Januar einen Überfall mit einem Schwert.
    An der Nikopoler Straße gab es am 25. Januar einen Überfall mit einem Schwert.
  • An der Lichtenseer Straße mobilisierte die NPD am 19.Januar an die 200 Leute.
    An der Lichtenseer Straße mobilisierte die NPD am 19. Januar an die 200 Leute.
  • Im früheren Elektrolager An der Borntelle sind 130Asylbewerber untergebracht.
    Im früheren Elektrolager An der Borntelle sind 130 Asylbewerber untergebracht.

Dienstagabend. Es ist kurz vor sieben. Durch die Scheiben des Netto-Einkaufsmarktes am Rand des Gewerbegebietes dringt Licht nach draußen, wo es bereits dunkel ist. Ein Mann steht in einer schummrigen Ecke an den Einkaufswagen, die Flasche Bier in der Hand, während zwei Frauen beim Bäcker im Eingangsbereich des Marktes nach einem Zweipfünder fragen und gemeinsam scherzen.

An den Kassen hat sich eine Schlange mit fünf, sechs Leuten gebildet. Sie warten darauf, dass ein offenbar angetrunkener Mittvierziger sein Geld findet, um die nächste Flasche Sprit zu bezahlen. Junge Familien schlendern durch die Gänge. Auch Rentner oder Berufstätige, die schnell was fürs Abendessen holen. Die Mitarbeiterinnen füllen Regale auf und wechseln ein paar freundliche Worte mit den Kunden. Die Atmosphäre ist entspannt. Alles wie immer – nur dass am Eingang ein ganz in Schwarz gekleideter Mann Wache hält.

Denn seit vor zehn Tagen ein Asylbewerber eine Verkäuferin hier, zwischen den Regalen, sexuell belästigt hat, ist eben nicht mehr alles wie immer. Das Dorf wird von negativen Schlagzeilen und Gerüchten überschwemmt. Eine Anti-Asyl-Kundgebung der NPD in Sichtweite des Netto-Marktes mobilisiert kurz nach dem Übergriff knapp 200 Teilnehmer. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite eskaliert am Montag die Situation, als sich Asylbewerber und Anwohner erst lautstark beschimpfen und die Flüchtlinge schließlich mit Baseballschläger und Samurai-Schwert durch das Gewerbegebiet gejagt werden.

Bürgermeister Ralf Hänsel (parteilos) spricht davon, dass das Sicherheitsempfinden in seiner Gemeinde gelitten hat. Die Menschen haben Angst. Sie fürchten sich nicht vor den etwa hundert Asylbewerbern, die seit mehr als einem Jahr gegenüber vom Netto – in den Wohnblöcken der Nikopoler Straße – untergebracht sind. Mit diesen Familien ist es ein friedliches Miteinander, wird erzählt. Aber man hat Angst vor den 230  meist jungen Männern, die vom Landkreis seit dem Jahreswechsel im ehemaligen Elektrolager am anderen Ende des Gewerbegebietes untergebracht wurden. Dort steht Bett an Bett, es gibt weder Fernseher noch Radio und wenig Ablenkung. Die Langeweile wird im Ort totgeschlagen, oft in größeren Gruppen. Meist mit Alkohol, erzählt man. Und auch dass die Flüchtlinge gern die Wohnhäuser fotografieren und junge Frauen ansprechen.

„Dort wird ordentlich getrunken“, erzählt zum Beispiel ein Anwohner über eine Holzbude im Gewerbegebiet, die eigentlich für den Spargelverkauf gedacht und jetzt von den Flüchtlingen genutzt wird. Die sprechen auch sehr junge Mädchen an, bieten ihnen sogar Zigaretten an, sagt der Bärtige. Zum Beweis habe er Videos und Fotos. Eine Frau mit kurzen roten Haaren erzählt von ihrer elfjährigen Tochter, die sich kaum noch allein zur Bushaltestelle traut, weil immer „fünf, sechs Schwarze“ mitlaufen. Eine andere berichtet von nächtlichen Gelagen vor ihrem Haus – ungeniert werde getrunken, gekotzt und uriniert. „Im Dunkeln sieht man nur die Handys aufleuchten und die Umrisse von Gesichtern. Man weiß nicht, wer da sitzt. Ich habe Angst. Im Dunkeln gehe ich nicht mehr raus“, erzählt sie.

Aus Angst im Büro eingeschlossen

„Es ist armselig, wenn man sich so unwohl in seinem Dorf fühlt“, sagt auch eine Gewerbetreibende. Sie schließe sich aus Angst oft in ihrem Büro ein. Kollegen aus dem Gewerbegebiet beklagen zudem Umsatzeinbußen. Auch die Mitarbeiterinnen vom Lebensmitteldiscounter Aldi, der sich keine Hundert Meter vom Netto entfernt befindet. Die Frauen sprechen von einer Zunahme der Ladendiebstähle. „Was können wir tun“, fragen sie hilflos.

Bürgermeister Ralf Hänsel ist nach eigenen Aussagen permanent mit Polizei, Landratsamt und den Betreibern der Asylunterkünfte – Diakonie und DRK – in Kontakt. Denn „ich will, dass sich die Menschen hier sicher fühlen“, betont er. Und meint damit Deutsche wie Asylbewerber. Der Landkreis habe ihm bereits zugesichert, dass die Flüchtlinge nur noch wenige Wochen in der Lagerhalle unterkommen, dass sie schnell weiter verteilt werden.

Ruhestörern werde das Taschengeld gekürzt, und die Betreiber wollen stärker für Ablenkung sorgen. Das Polizeirevier Riesa richtet künftig Sprechstunden im Rathaus ein und setzt mehr Streifen in Zeithain ein. „Wir haben ein Augenmerk auf die Örtlichkeit“, sagt ein Polizeisprecher. Währenddessen laufen die Ermittlungen in beiden Fällen. Der Marokkaner ist nach dem sexuellen Übergriff auf freiem Fuß, nach den Tätern mit dem Samurai-Schwert wird noch gefahndet.

Anwohner und Gewerbetreibende fordern außerdem, den 24-Stunden-Wachschutz, den der Landkreis am Elektrolager einsetzt, auf das gesamte Gewerbegebiet auszudehnen. Denn zumindest im Netto hat sich der Türsteher positiv auf das „subjektive Sicherheitsempfinden“ ausgewirkt. „Wir fühlen uns dadurch auf jeden Fall sicherer. Wir Mitarbeiter, und auch die Kunden“, erzählt eine Verkäuferin mit Blick auf den Mann, der ab 14.30 Uhr zwischen Obstkörben und Kassen erst einmal jeden neuen Kunden taxiert – und mit der breiten Brust, Dreitagebart und Ohrring vielleicht auch ein bisschen einschüchtert. Die Frau im roten Poloshirt räumt gerade ein paar Sonderangebote ins Regal und scheint es zu bedauern, dass der Einsatz nur befristet ist. Doch bisher habe man grundsätzlich gute Erfahrungen mit Kunden verschiedener Nationalitäten gemacht, heißt es zur Erklärung aus der Netto-Pressestelle.