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Montag, 07.03.2016

Wem der Flüchtlingszustrom nützt

Für viele Branchen im Landkreis ergeben sich durch Asylbewerber neue Aufträge. Nur sprechen nicht alle gern darüber.

Von Tobias Hoeflich

Die neuen Asylunterkünfte im Landkreis haben in den vergangenen Monaten die Nachfrage nach Sicherheitspersonal steigen lassen.
Die neuen Asylunterkünfte im Landkreis haben in den vergangenen Monaten die Nachfrage nach Sicherheitspersonal steigen lassen.

© dpa

Landkreis. Ein Problem dürfte die fast 300 Landräte in Deutschland derzeit einen: Unterkünfte für Flüchtlinge zu finden. Erst vergangenen Donnerstag debattierte der Verwaltungsausschuss des Meißner Kreistages über drei neue Anmietungen. Im Gespräch waren Objekte in Riesa, Lommatzsch, Niederau. Allein für den Umbau der Gebäude wären über 800 000 Euro nötig. Hinzu kämen die monatlichen Mietzahlungen des Landkreises. Eine Mehrheit der Räte aber legte fest, die Entscheidung zunächst auf Juni zu vertagen.

Worunter die Kommunen ächzen, freut Besitzer leerstehender Bürogebäude oder schlecht ausgelasteter Hotels und Wohnhäuser. Der Flüchtlingszustrom der vergangenen Monate hat vielen eine neue Perspektive für ihre Gebäude gebracht. Allein der Landkreis Meißen verfügt derzeit über 12 Unterkünfte mit über 1 200 Plätzen für Asylbewerber, sagt Landkreissprecherin Kerstin Thöns. Reichlich 2 100 sind zusätzlich in Wohnungen untergebracht, die der Kreis angemietet hat. Und weitere 3 000 Neuankommende erwartet der Landkreis 2016 nach einer Prognose des Freistaats. Die Not der Kommunen macht sich dabei manch’ Immobilienbesitzer zunutze – was Politiker auf den Plan ruft: So warnte kürzlich Düsseldorfs Stadtoberhaupt vor einer „Geschäftemacherei“. Kerstin Thöns bestätigt, dass die Gespräche nicht immer einfach sind. „Hier wird hart verhandelt. Der Preis ist abhängig von dem Zustand der Immobilie und notwendigen Investitionen.“

Gerade hier sehen manche aber auch eine Chance für die Wirtschaft. Schließlich würden Unterbringung und Versorgung der Asylbewerber Firmen neue Aufträge bescheren. „Die zusätzlichen Ausgaben wirken wie ein kleines Konjunkturprogramm“, sagte Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, unlängst der Tageszeitung Die Welt.

Von einer Euphorie ist in der Region aber derzeit kaum etwas zu spüren – auch wenn es positive Effekte gibt. Beispiel Handwerk: Viele Asylunterkünfte müssen vor ihrem Bezug saniert oder umgebaut werden. Oft sind regionale Betriebe beschäftigt. „Die Vergabe dieser Aufträge hat sicherlich zu einer Verstärkung des Auftragspolsters geführt“, schätzt Carolin Schneider von der Dresdner Handwerkskammer ein. Dieses Plus lasse sich aber noch nicht in Zahlen ausdrücken. Allzu groß, sagt sie, dürfte es ohnehin nicht ausfallen: Gemessen am Gesamthandwerk würden Tätigkeiten in Asylbewerberheimen nur einen kleinen Teil ausmachen. Profitieren würden demnach vor allem die Ausbauhandwerke – etwa Maler und Elektriker. „Das hat jedoch aus unserer Wahrnehmung nicht zu einem besonderen Ausschlag in der Bautätigkeit geführt.“

Ein Run auf Sicherheitspersonal

Über Sachsens Grenzen hinaus sind die Wohncontainer der Coswiger Firma Procontain gefragt. Im Berliner Stadtteil Zehlendorf zum Beispiel hat sie vergangenen Sommer Wohnraum für 340 Flüchtlinge geschaffen. Auch außerhalb Deutschlands, etwa aus der Schweiz, trudeln Aufträge ein. „Damit liefert Procontain einen Beitrag zur Bewältigung der aktuell steigenden Zahl an Asylbewerbern aus Krisengebieten“, ist in einer Broschüre des Unternehmens zu lesen. Öffentlich äußern will sich das Unternehmen jedoch nicht.

Das gilt auch für viele Sicherheitsunternehmen, die von der SZ zwischen Riesa und Radebeul angefragt wurden. Die Fragen blieben unbeantwortet. Dass die Nachfrage nach Personal gestiegen ist, daran hat Thomas Proschwitz keinen Zweifel. Er leitet die Private Arbeitsvermittlung Großenhain. „Beim Sicherheitspersonal hatten wir letztes Jahr einen richtigen Run. Ein gewisser Bedarf ist noch vorhanden, aber das hat sich weitestgehend beruhigt.“

Proschwitz sieht für seine Arbeitsvermittlung selbst mittelfristig in den Asylbewebern potenzielle Kunden. Bislang seien die Bemühungen in der Politik aber viel zu gering, Flüchtlinge an den Arbeitsmarkt heranzuführen. „Wir wären froh, wenn wir uns hier einbringen könnten, und haben schon Akquise betrieben. Es gibt eine Reihe Firmen, die bereit wären, Asylbewerber zu beschäftigen. Aber derzeit ist hier keine Bewegung zu erkennen.“ Sein Eindruck: Der Fokus liege zu sehr nur auf der Unterbringung, weniger auf Integration. „Dabei ist natürlich eines ganz wichtig: Sprache, Sprache, Sprache.“

Das führt dazu, dass auch Dolmetscher stärker gefragt sind. Die Aufträge seien aber überschaubar, sagt Thomas Schweitzer von der Radebeuler Agentur Schweitzer Sprachendienst. „Die Behörden, zum Beispiel Gerichte und Polizei, haben in der Regel eigene Dolmetscher-Verzeichnisse.“ Kapazitäten für die gängigen Sprachen der Flüchtlinge, vor allem aus dem arabischen Raum und dem Nahen Osten, wären zwar vorhanden. Bis auf ein paar syrische Führerscheine habe sein Büro aber bislang nichts übersetzt. Allerdings seien er und seine Angestellten auch eher auf Techniktexte spezialisiert. „Von daher macht sich bei uns die Thematik Asylbewerber kaum bemerkbar“, sagt Schweitzer.