erweiterte Suche
Dienstag, 23.02.2016

Weitere Helfer sagen für Tillichs Dankesfeier ab

Ministerpräsident Tillich will Flüchtlingshelfern danken, aber es häufen sich Absagen. Die Gründe sind schwerwiegend.

Von Wolf Dieter Liebschner

Dank? Nein, danke. Viele, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, sagen ihre Teilnahme an einer Feier mit Ministerpräsident Tillich ab. Der Grund: die jüngsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Sachsen.
Dank? Nein, danke. Viele, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, sagen ihre Teilnahme an einer Feier mit Ministerpräsident Tillich ab. Der Grund: die jüngsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Sachsen.

© SZ

Coswig. Der Landesvater will feiern, aber viele der dazu Eingeladenen winken dankend ab. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich möchte mit einer großen Party den vielen Helfern danken, die sich in Sachsen für Flüchtlinge engagieren. Zur Dankesveranstaltung, die am kommenden Freitag stattfinden soll, wurden ursprünglich rund 2 000 Gäste erwartet. Doch nun scheint die Veranstaltung in erheblich kleinerem Rahmen stattzufinden.

„Wir haben im Freistaat derzeit Wichtigeres zu tun, als uns zu feiern. Ich habe meine Einladung am Sonntag zurückgeschickt“, sagt Sven Böttger, Sprecher der Initiative Coswig – Ort der Vielfalt, die sich in der Stadt seit Längerem um Flüchtlinge kümmert. Ebenso reagierte auch die Vereinsvorsitzende Christiane Matthé.

Zwar hatte es für Aufsehen gesorgt, dass sich unter den Eingeladenen auch Siegfried Däbritz vom sogenannten Pegida-Orgateam befindet (SZ berichtete), doch entscheidend für die ablehnende Haltung sind die jüngsten Ereignisse in Sachsen. „Auch wir haben uns entschieden, nach den Vorkommnissen in Bautzen und Clausnitz und den Äußerungen des Chemnitzer Polizeipräsidenten Herrn Reißmann unsere Karten zurück zugeben und auf ein solches Fest zu verzichten! Wir hoffen, viele Helfer schließen sich dem jetzt an! So geht es nicht weiter“, schreiben Böttger und Matthé auf der Facebook-Seite des Vereins.

Mehrheit ist für den Boykott

Letzteres scheint nun Wirklichkeit zu werden. „Von unseren 160 aktiven Mitgliedern haben 50 eine Einladung erhalten“, so Böttger. „Natürlich schreiben wir niemandem vor, wie er sich zu verhalten hat.“ Doch die Anzeichen mehren sich, dass der Appell der Coswiger auf fruchtbaren Boden fällt. Nach Böttgers Angaben wurde der Beitrag rund 40 000-mal gelesen und bis gestern Nachmittag über 120-mal geteilt.

Und die Kommentare sind überwiegend positiv. „Richtig so, sollen sie sich – zusammen mit Typen wie Reißmann und ihren Pegida- und AfD-Genossen – selbst feiern. Auch wenn jeder Helfer reichlich Dank verdient hat, auf einer heuchlerischen PR-Veranstaltung wird einem dieser nicht zuteil!“, schreibt einer der Nutzer. „Dankeschön, dass ihr ein Zeichen setzt“, so ein anderer Kommentar. Einige wenige geben jedoch auch zu bedenken, dass die Veranstaltung eine Bühne sein könnte, um auf die drängendsten Probleme der Flüchtlingshelfer aufmerksam zu machen.

Die Mehrheit der Initiativen im Elbland scheint sich dem Boykott der Veranstaltung anschließen zu wollen. Das Bunte Meißen – Bündnis Zivilcourage e.V. wird der Einladung geschlossen nicht folgen. „Die Ereignisse der letzten Tage in Clausnitz und Bautzen haben uns einmal mehr gezeigt, dass wir ein massives kulturelles Problem in Teilen der Bevölkerung und mangelndes Problembewusstsein bei Teilen der Behörden und Politik haben“, teilt der Vorstand des Vereins auf seiner Facebook-Seite mit.

Moritzburgerin schickt Einladung zurück

Vorstandsmitglied Andreas Bärisch ergänzt: „Was an diesem Abend (19. Februar 2016 in Clausnitz) geschehen ist, ist eine Schande für Sachsen, für ganz Deutschland und es ist ebenso ein Schlag ins Gesicht der Tausenden ehrenamtlichen Helfer. Dass den Geflüchteten jetzt auch noch die Schuld an dem Geschehenen gegeben wird, schlägt dem Fass den Boden aus. Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort der Reue, kein Wort dahingehend, dass die Verantwortlichen Konsequenzen ziehen.“ Verantwortlich sei „nicht nur der Polizist, der einen 14-jährigen Jungen unter grölendem Beifall des rassistischen Mobs aus dem Bus gezogen hat“, sondern auch Sachsens Innenministers und der Ministerpräsident.

Auch Silva Garves von der Initiative Vielfalt Moritzburg hat eine Einladung. Sie, die sich in Moritzburg für den Deutschunterricht für Flüchtlinge engagiert, wäre eigentlich gern zu dieser Veranstaltung gegangen. „Doch nun werde ich meine Einladung zurückschicken.“ Vor allem die Äußerungen des Chemnitzer Polizeipräsidenten über die Mitschuld der Flüchtlinge an den Ereignissen in Clausnitz hält sie für verwerflich. „So einen Vergleich kann man doch überhaupt nicht ziehen. Und der sächsische Innenminister findet das Vorgehen der Polizei sogar noch angemessen.“