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Freitag, 11.03.2016

Weil keiner mehr Fehler machen darf

Bundespräsident Joachim Gauck macht in Bautzen Mut zum fairen Streit. Und ein Bäcker findet den wunden Punkt.

Von Frank Seibel

Joachim Gauck in Bautzen

Hasskommentare und Demokratie passen nicht zusammen, sagte Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag im Saal des Sorbischen Nationalensembles in Bautzen. Mit seinem Besuch reagierte er auf fremdenfeindliche Ausfälle in der Stadt.
Hasskommentare und Demokratie passen nicht zusammen, sagte Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag im Saal des Sorbischen Nationalensembles in Bautzen. Mit seinem Besuch reagierte er auf fremdenfeindliche Ausfälle in der Stadt.

© Robert Michael

Bautzen. Der Skeptiker kommt dem Präsidenten gerade recht. Der Mann, der sich vor eineinhalb Jahren in Bautzen an die Spitze einer Gruppe von Menschen gestellt hat, die sich überrumpelt fühlten, als es hieß: In euer Quartier kommt ein Flüchtlingsheim. 300 Menschen in einen alten Büroblock, in dem mal 120 Menschen gearbeitet haben. Christian Haase erzählt an diesem Freitag in Bautzen von der anfänglichen Ablehnung, weil das doch alles vorne und hinten nicht passe. Der Bundespräsident sitzt ihm gegenüber an einem hohen Tisch und hört zu. Joachim Gauck hört, wie die Bürgerinitiative ihre Haltung wandelte und sich öffnete. Vom anfänglichen „Geht ja gar nicht“ zum „Machen wir eben das Beste draus“. Und als Christian Haase davon berichtet, wie er syrische Flüchtlinge und vor Jahrzehnten nach Bautzen geflüchtete Ungarndeutsche zu einer Veranstaltung seiner Bürgerinitiative einlud, da frohlockt der Präsident regelrecht: „Was Sie da leisten, ist schon beinahe Willkommenskultur!“

Joachim Gauck in Bautzen

Miteinander reden und einander zuhören, Sorgen pragmatisch angehen, statt Panik zu schüren, sich konstruktiv um die besten Lösungen streiten: Daran mangele es derzeit in unserer Gesellschaft, sagt Joachim Gauck. Deshalb sei er nach Bautzen gekommen. Es geht an diesem Tag um den klassischen Themen-Dreiklang des Bundespräsidenten: Freiheit, Demokratie, Verantwortung. Das Konzept ist erprobt, doch wurde die Veranstaltung kurzfristig nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim in Bautzen organisiert.

Gauck sitzt mit einer Handvoll Menschen aus verschiedenen Berufen an einem Tisch und mahnt gleich zur Offenheit. „Ich mag es nicht, wenn sich jetzt jeder jedes Wort dreimal überlegt, weil der Bundespräsident hier sitzt.“ Dazu knapp 100 Menschen im Publikum, alle eingeladen zwar, aber durchaus bunt gemischt in puncto Alter, Beruf, Geschlecht und politischer Einstellung. Der Theatersaal des Sorbischen Nationalensembles mitten in Bautzen bietet dafür die Kulisse.

„Ich möchte, dass die Menschen der politischen Mitte – und das sind die meisten von uns – beieinander bleiben“, sagt Joachim Gauck mit Verweis auf immer rüder werdende Attacken gegen Flüchtlinge, Politiker und Journalisten. „Es ist noch kein demokratischer Diskurs, wenn man sich zu Hause an den Computer setzt und möglichst gehässige und auffallende Aussagen postet.“ Woher kommt die Unzufriedenheit, woher die ganze Aufregung? Der Bäckermeister Roland Ermer, zugleich Präsident des Sächsischen Handwerkstages, sieht ein grundsätzliches Problem: eine „Null-Fehler-Toleranz“. Wenn jemand etwas nicht ganz richtig macht, „wird draufgehauen wie’s Böse“. Das gelte in der Politik ebenso wie im Handwerk. Ermer: „Das nimmt einfach kein Ende mehr.“

Im Extremfall mündet das in völlig unbegründeter Angst, sagt Joachim Gauck und erwähnt ein Beispiel, das ihm zuvor im Bautzener Rathaus von Bürgermeistern aus der Region geschildert wurde: Da hätten sich in einem Ort einige Hundert Bürger zusammengefunden, um gegen Flüchtlinge im Ort zu protestieren – obwohl ein Heim noch nicht einmal geplant gewesen sei. „Kann es sein, dass wir uns von unbegründeter Angst lähmen lassen?“, fragt Gauck. Über konkrete Sorgen und Ängste müsse man aber in jedem Fall sprechen dürfen, ohne gleich in eine politische Schublade gesteckt zu werden. Das ist auch eine Antwort auf die Sorge einer Frau, die gesagt hat, man werde „sofort in die rechte Ecke“ gerückt, wenn man sich kritisch zur aktuellen Asylpolitik äußere.

Joachim Gauck benennt auch ein Versäumnis vieler etablierter Politiker. Vor lauter Druck, immer neue komplizierte Probleme zu lösen, kämen die gar nicht mehr dazu, zu erklären, warum sie wie entschieden haben. Auch das sei ein Grund für die Entfremdung zwischen Wählern und Gewählten.

Die politische Mitte ist an diesem Tag in Bautzen „beieinander“ geblieben. Auch Christian Haase zählt sich in jedem Fall dazu. Deshalb lasse er in seiner Bürgerinitiative zum Asylheim auch keinen Platz für Extremisten. „Jeder, der hier wirklich zugehört hat, geht nachdenklich raus“, sagt Haase nach Abschluss der Veranstaltung.

Doch so beeindruckt die Menschen waren, die dabei sein durften, so gelangweilt bis ablehnend geben sich viele Menschen draußen auf der Straße. Manche sind genervt von der großen Polizeipräsenz, manche demonstrierten mit Körperhaltung oder Gesten jene „Distanz zwischen den Wahlberechtigten und den Gewählten“, die Gauck so sorgenvoll beschrieben hat. Ein „Stinkefinger“ samt Schmähparolen bleibt dennoch eine Randerscheinung.