erweiterte Suche
Mittwoch, 06.01.2016

Wann darf Winnetou Winnetou heißen?

Ein Streit zwischen den RTL-Filmproduzenten und dem Karl-May-Verlag verwirrt die Fans.

Von Marcus Krämer

16

Bild 1 von 2

Ende dieses Jahres will RTL seine große Neuverfilmung der „Winnetou“-Romane von Karl May zeigen. Schon die Filme der 60er-Jahre mit Pierre Brice (r) wichen etwas vom Original ab. Doch hat die neue Geschichte mit dem Albaner Nik Xhelilaj (l) in der Hauptrolle noch etwas mit dem Original zu tun?
Ende dieses Jahres will RTL seine große Neuverfilmung der „Winnetou“-Romane von Karl May zeigen. Schon die Filme der 60er-Jahre mit Pierre Brice (r) wichen etwas vom Original ab. Doch hat die neue Geschichte mit dem Albaner Nik Xhelilaj (l) in der Hauptrolle noch etwas mit dem Original zu tun?

© RTL/Nikola Predovic/RatPack, dpa

  • Ende dieses Jahres will RTL seine große Neuverfilmung der „Winnetou“-Romane von Karl May zeigen. Schon die Filme der 60er-Jahre mit Pierre Brice (r) wichen etwas vom Original ab. Doch hat die neue Geschichte mit dem Albaner Nik Xhelilaj (l) in der Hauptrolle noch etwas mit dem Original zu tun?
    Ende dieses Jahres will RTL seine große Neuverfilmung der „Winnetou“-Romane von Karl May zeigen. Schon die Filme der 60er-Jahre mit Pierre Brice (r) wichen etwas vom Original ab. Doch hat die neue Geschichte mit dem Albaner Nik Xhelilaj (l) in der Hauptrolle noch etwas mit dem Original zu tun?
  • Streitbarer Häuptling: Diese Winnetou-Zeichnung des Dresdner Künstlers Torsten Hermann entnehmen wir dem Bildband „Auf den Pfaden von Old Shatterhand und Winnetou“, erschienen im Engelsdorfer Verlag, 100 Seiten, 15 Euro.
    Streitbarer Häuptling: Diese Winnetou-Zeichnung des Dresdner Künstlers Torsten Hermann entnehmen wir dem Bildband „Auf den Pfaden von Old Shatterhand und Winnetou“, erschienen im Engelsdorfer Verlag, 100 Seiten, 15 Euro.

Was hätte Karl May dazu gesagt? Über die Neuverfilmung der „Winnetou“-Abenteuer für RTL ist ein dramatischer Streit entbrannt, den der Karl-May-Verlag in Bamberg und die Produktionsfirma Rat Pack vor Gericht austragen. Der Dreiteiler soll dieses Jahr zu Weihnachten auf RTL gezeigt werden. Doch das Drehbuch, so die Ansicht des Verlags, hat mit dem Werk Karl Mays wenig bis gar nichts mehr zu tun. Nach allem, was bislang bekannt ist, weichen einige Figuren und Handlungsorte vom Original ab.

Auch manche Erzählstränge wurden neu geknüpft. So wird Nscho-tschi, Winnetous Schwester, nicht erschossen, sondern heiratet Old Shatterhand. Für den Verlag, eine Art Gralshüter des Karl-May-Erbes seit über 100 Jahren, ist das offenbar eine Zumutung. Hinzu kommt, dass der Verlag derzeit eine eigene „Winnetou“-Verfilmung plant.

Was Werktreue betrifft, war schon mit dem berühmten sächsischen Schriftsteller nicht zu spaßen. „Jedes meiner Worte ist mein unangreifbares geistiges Eigentum“, schrieb er einmal. Und an anderer Stelle betonte er die Unantastbarkeit seines Romans: „Es darf kein Wort, keine Zeile daran geändert werden. Jede Änderung, sogar die allerkleinste, bedeutet eine Wunde; jede größere macht ihn gar zum Krüppel.“

Nun ist es bei Verfilmungen von Büchern üblich, dass das Original fürs Drehbuch gestrafft und dramaturgisch zurechtgebogen wird. Das wäre bei Mays 500-Seiten-Schinken auch gar nicht anders möglich. Schon die Kinofilme der 60erJahre wichen an einigen Stellen markant von der Vorlage ab. Zum Beispiel wird der Pierre-Brice-Winnetou nicht wie im Buch von einem Sioux-Indianer erschossen, sondern von dem weißen Banditen Rollins. Auch dem Karl-May-Verlag selbst wurde schon vorgeworfen, er habe die Urtexte im Lauf der Jahrzehnte weichgespült.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal von den „hybriden Bamberger Softie-Versionen“. Wobei es auch im Verlagswesen, zumal bei Unterhaltungsliteratur für Jugendliche, keine verwerfliche Praxis ist, Texte anzupassen an den sich wandelnden Sprachgebrauch. Mit „Winnetou“-Prosa von 1893 lockt man kaum einen Zwölfjährigen hinterm Smartphone hervor.

Im aktuellen Streit hat der Verlag kurz vor Weihnachten einen Teilsieg errungen: Das Landgericht Nürnberg-Fürth gab einer Klage gegen die Produktionsfirma Rat Pack statt. Die geplanten Titel für die drei Teile der Neuverfilmung dürfen nicht verwendet werden: „Winnetou und Old Shatterhand“, „Winnetou und der Schatz im Silbersee“, „Winnetous Tod“.

„Winnetou bleibt Winnetou!“

Zwar erlischt das deutsche Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod eines Autors. Auch heißen die „Winnetou“-Romane im Original völlig anders, nämlich „Winnetou – Erster Band“, „Zweiter Band“ und „Dritter Band“. Die genannten Titel fallen dennoch unter das Titelschutzrecht. Denn sie lauten genauso wie andere Bände aus dem Verlag. „Winnetou und Old Shatterhand“ etwa ist ein Bilderbuch mit Kurzfassungen einiger Wildwest-Abenteuer.

Wem das alles noch nicht verwirrend genug ist, für den geht das Abenteuer nun erst richtig los. Die Frage bleibt nämlich: Dürfen die RTL-Filme überhaupt „Winnetou“ heißen? Die Pressemitteilung des Gerichts war zugespitzt überschrieben mit den Worten: „Wo Winnetou draufsteht, muss auch Winnetou drin sein.“ Das hatte in etlichen Zeitungen zu noch zugespitzteren Schlagzeilen geführt, so zum Beispiel auf Spiegel Online: „Winnetou darf nicht Winnetou heißen.“ Kurz nach Weihnachten widersprach RTL-Sprecher Christian Körner in einem Interview: „Winnetou bleibt Winnetou!“ Das Urteil beziehe sich ausschließlich auf die Verwendung bestimmter Titel. „Nicht von dem Streit betroffen ist das Recht, unsere ,Winnetou‘Filme unter genau diesem Namen zu zeigen.“ Körner sagte, die Produktionsfirma werde gegen das Urteil in Berufung gehen.

Auf Nachfragen der SZ stellt der Vorsitzende Richter am Landgericht Nürnberg, Gert Burmeier, noch einmal klar, dass sich das Urteil allein auf die genannten Titel bezieht. Er will keine Einschätzung abgeben, inwieweit andere „Winnetou“-Titel zulässig wären. In der Pressemitteilung des Gerichts hieß es: „Die geplanten Filme würden sich so stark von den Romanvorlagen unterscheiden, dass nicht mehr von einer Verfilmung gesprochen werden könne.“ Das ganze Hickhack lässt sich bis hierher demnach so zusammenfassen: Der Filmproduktionsfirma wurde der Titel nicht etwa deshalb untersagt, weil das Drehbuch zu stark von Karl Mays „Winnetou“ abweicht – sondern von einem Bilderbuch mit gesammelten Kurztexten.

Ein rein juristisches Manöver? Dazu muss man wissen, dass der Verlag schon seit Jahren den Begriff „Winnetou“ als Marke schützen lassen will. Der Fall wandert durch die Gerichtsinstanzen. Zurzeit streiten sich der Karl-May-Verlag und die Filmproduktionsfirma deshalb auch vor dem Gerichtshof der EU. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

Im Gespräch mit der SZ lässt Verlagschef Bernhard Schmid durchblicken, dass er den RTL-Film möglichst aus dem Karl-May-Kosmos fernhalten will. Und er betont noch einmal, was er von dem Drehbuch hält: „Das ist nicht frei nach Karl May, sondern frei von Karl May.“ Zumindest eines hätte dem Abenteuer-Autor aus Sachsen aber gefallen: Es bleibt spannend.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 4

Insgesamt 16 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Glyn Chapman

    Winnetou gehoert zu Karl May und den verlag trotz der regelung um loeschung der urheberrechte.

  2. Shashtso

    Ich denke, Winnetou sollte dann Winnetou heißen dürfen, wenn er der Winnetou ist, der er nach dem Willen seines geistigen Schöpfers Karl May auch sein sollte. Die Figur Winnetou ist nach Karl May DIE Inkarnation des Edelmenschen und nicht ein beliebiger Indianerhäuptling; durch die Aussage der Produktionsfirma, Winnetou sei kein Jesus mehr, muss darauf geschlossen werden, dass man Winnetou von diesem Edelmenschenstatus herabstilisiert, aus dem edelsten aller Indianer somit einen gewöhnlichen Indianer macht ... und somit den Mythos Winnetou zerstört!!! Hinzu kommt, dass in dieser Produktion äußerst ignorant und respektlos mit dem kulturellen Erbe der indianischen Völker umgegangen wird: 1. Die angeblichen Apachen tragen Fantasiekleidung, die ein wenig dem Kleidungsstil der Plainskultur nachempfunden ist, aber mit der traditionellen Kleidung der Mescalero-Apachen rein gar nichts zu tun hat. 2. Die Apachen sprechen Lakota - eine Sprache, die dem Apache noch nicht einmal ähnelt ... usw.

  3. Uwe John

    Was bisher auf der Facebookseite der Produktion und in diversen Medienberichten veröffentlicht wurde, zeigt dass es sehr starke Abweichungen von den Romanen Karl Mays vorliegen. Das war in den alten Verfilmungen schon der Fall. Doch hier wird noch weiter gegangen. Die Romanhandlungen werden völlig verändert, Charaktere von Personen verfremdet, neue Personen erfunden usw. Die Verbindung zu den Vorlagen ist kaum noch zu entdecken. Ein weiteres Problem ist problematische Darstellung der Indianer. Auch dort wird nicht nur von Karl May stark abgewichen, sondern auch aus ethnotlogischer und historischer Sicht ist von sehr problematischem zu lesen. In Nordamerika mühen sich heute viele Indianer darum, dass ihre Kultur zutreffend dargestellt wird. Die neue Winnetouverfilmung ist da schmerzfrei. Indianische Völker werden wild durcheinandergewürfelt, alles sprechen die Sprache Lakota (die nur von den 'Sioux gesprochen wurde) u. a. Sehr fragwürdig, was uns RTL dort servieren wird.

  4. Shashtso

    Alle bisher erkannten Fehler in diesem Film aufzuzeigen, würde hier den Rahmen sprengen; deshalb hier nur die gröbsten: 1. Intschu Tschuna trägt eine Federhaube ... mit Gänsefedern ... made in Südostasien 2. Winnetou trägt Federn im Haar ... keine Adlerfedern oder Repliken, sondern weiße Gänse- oder Truthahnfedern. 3. Nscho Tschi trägt als Schamanin einen Wildlederbikini ... wobei diese ignorante und respektlose Darstellung beinahe schon die Grenze zum Rassismus überschreitet. 4. Die Apachen haben - wieder einmal - einen Totempfahl in ihrem Dorf, der aber kulturell an der Nordwestküste beheimatet ist ... 5. Im Winter schlagen die Apachen ihre Zelte in Höhlen auf ... sie suchen sich also Höhlen, um darin Zelte aufzubauen?!? 6. Das Pueblo hat man gestrichen, die traditionelle Behausung der Mescalero-Apachen. -das Wickiup- den Crows gegeben, um die Apachen in den traditionellen Tipis der Crows hausen zu lassen ... So ... das waren die größten Schnitzer dieser Produktion!!!

  5. Claudia Schlotterbeck

    Immerhin bleibt durch die Neuverfilmung das Thema "Winnetou" im Gespräch. In keiner Buchhandlung ist mehr ein Karl-May-Band zu finden, die Jugendlichen kennen den Namen höchstens von den Karl-May-Festspielen her. Daher bin ich RTL dankbar, ob sie nun die Geschichte sehr fantasiereich und verfremdet darstellen oder nicht. Ich bewahre Winnetou so im Herzen, wie ich ihn als Kind und auch jetzt noch liebe und verehre.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 4

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein