erweiterte Suche
Mittwoch, 23.03.2016

Von Wien nach Wilthen

Hertha Schäfer ist gerade 100 geworden. Sie lebt noch immer in ihrer Wohnung im vierten Stock. Umziehen will sie nicht.

Von Carmen Schumann

Hertha Schäfer aus Wilthen, die am Dienstag ihren 100. Geburtstag feierte, vor den Bildern ihrer Lieben. Sie hat drei Kinder, vier Enkel und fünf Urenkel.
Hertha Schäfer aus Wilthen, die am Dienstag ihren 100. Geburtstag feierte, vor den Bildern ihrer Lieben. Sie hat drei Kinder, vier Enkel und fünf Urenkel.

© Carmen Schumann

Wilthen. Wer Hertha Schäfer besuchen will, muss vier Etagen hoch steigen. Am Dienstag taten das viele. Alle wollten sie Hertha Schäfer zu ihrem 100. Geburtstag gratulieren. Natürlich auch der Wilthener Bürgermeister Michael Herfort. Ein Schreiben vom Bundespräsidenten ist auch gekommen.

Die agile Rentnerin mit der dreistelligen Altersangabe wohnt in einem der Neubaublöcke an der Karl-Marx-Straße, seitdem das Viertel errichtet wurde, also seit Ende der 1980er-Jahre. Sie liebt ihre kleine gemütliche Wohnung mit dem herrlichen Fernblick über die Felder und Wiesen hinüber zum Mönchswalder Berg. Doch der Aufstieg in den vierten Stock bereitet ihr zunehmend Probleme, seitdem sie vor einem Vierteljahr ins Krankenhaus musste. Aber ihre beiden Töchter, von denen eine in Wilthen und eine in Wehrsdorf wohnt, nehmen ihr die Besorgungen ab. Umziehen kommt für Hertha Schäfer nicht infrage. Schließlich verpflanzt man einen alten Baum nicht mehr so gerne.

Umzug nach Tschechien

Doch unterstützt von einer Caritas-Schwester kümmert sich die 100-Jährige noch weitgehend alleine. Dass sie jetzt einen Stock zu Hilfe nehmen muss, ärgert Hertha Schäfer ein bisschen. „Bis kurz vor Weihnachten habe ich sogar noch die Hausordnung selbst gemacht“, sagt sie. Aber sonst kommt sie noch gut zurecht. Sie schaut sich gern im Fernsehen Musiksendungen an, vor allem die mit Uta Bresan. Auch Tier- und Natursendungen mag die Jubilarin. Die Zeitung liest sie täglich und ab und zu greift sie auch mal zu einem Buch. Gestrickt und genäht hat Hertha Schäfer ihr Leben lang. Bis zu ihrer Erkrankung versorgte sie die ganze Verwandtschaft mit selbst gestrickten Socken. Und das Nähen ist ja sogar ihr Beruf. Die gebürtige Wienerin ist die Tochter einer Österreicherin und eines Böhmerwäldlers. Doch im Böhmerwald, wo sie aufgewachsen ist, fand Hertha Schäfer keine Arbeit in ihrem Beruf als Schneiderin. Deshalb zog sie mit 16 Jahren nach Schluckenau, dem heutigen tschechischen Sluknov. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann, Franz Schäfer, kennen, den sie mit 25 heiratete. Da der Ehemann den Krieg bis zum bitteren Ende mitmachen musste, zog sie ihre älteren Kinder anfangs alleine groß. Der heute 74-jährige Sohn lebt als Künstler bei Weißenfels, die ältere Tochter ist 72 und die jüngere 62. Der Familienvater Franz Schäfer starb bereits früh, im Alter von 60 Jahren. Von den beiden Töchtern hat Hertha Schäfer vier Enkelkinder und mittlerweile fünf Urenkelchen.

Schnell wieder auf den Beinen

Als die Deutschen aus den mittlerweile tschechischen Gebieten vertrieben wurden, verschlug es Hertha Schäfer mit ihren Kindern in das nur wenige Kilometer von Sluknov entfernte Sohland, wo sie im Zollhaus lebte. Dort war eine Firma ansässig, die Textilien herstellte. So war der Wohnort gleichzeitig auch ihr Arbeitsort. „Unter anderem säumte ich Leinenstoffe“, sagt Hertha Schäfer. Neben der Betreuung ihrer Kinder pflegte sie auch ihren Schwiegervater. „Ich war bis zu meinem 70. Lebensjahr berufstätig“, sagt Hertha Schäfer.

Sie sei in ihrem Leben kaum krank gewesen, und wenn, dann sei sie immer schnell wieder auf die Beine gekommen, sagt Hertha Schäfer. Doch jetzt sei alles ein bisschen schlechter geworden. Aber sie sei froh, dass es noch einigermaßen geht. Wichtig sei, dass es hier oben noch in Ordnung ist, sagt sie und deutet auf ihren Kopf.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein