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Freitag, 03.04.2009

Völlig vernetzt und gut im Saft

Weil Kirstin Walther bloggt, twittert und sich im Internet filmt, hat sie ihre Arnsdorfer Kelterei vor der Pleite gerettet.

Von Valeria Heintges

Die braune Locke hat ihren eigenen Willen. Immer wird sie von zwei energischen Fingern streng hinter das Ohr gesteckt, aber bockig rutscht sie wieder hervor und versperrt Kirstin Walthers rechtem Auge die Sicht. Wie ihre Locke hat auch Kirstin Walther ihren eigenen Willen. Schon die Kleidung – eng anliegender lila-weißer Pulli, blaue Jeans und Stiefel mit hohen Absätzen – zeigt, dass die schmale Person, die am Dienstag 38Jahre alt wird, nichts hält vom Bluse-und-Blazer-Auftritt der typischen Firmenchefin. Das ist auch gar nicht nötig. Denn unter den Händen dieser schmalen, etwas burschikosen Frau hat sich die Kelterei Walther in Arnsdorf in nur vier Jahren von einem hoch verschuldeten Betrieb in ein profitables Unternehmen gewandelt. Mit einem Umsatz von 3,5Millionen Euro und einem Vertriebsnetz in die ganze Bundesrepublik.

Neuer Dialog per Internet

Der Erfolg hat sicher viele Gründe. Die beiden wichtigsten sind die Offenheit der Chefin für technische Entwicklungen aller Art – und die Möglichkeiten, die ihr das Internet bietet. Vor über drei Jahren startete die Kelterei als eines der ersten Unternehmen Deutschlands einen Weblog. Im Internet berichtet Kirstin Walther über alle Themen, die ihr gerade unter den Fingern brennen, und illustriert die Artikel mit Fotos aus dem Handy oder der Digitalkamera und mit erklärenden Filmen. „2006 gab es noch überhaupt keine Literatur zum Thema Weblogs“, erzählt Kirstin Walther. Zusammen mit einem Berater entwickelte sie die Technik und begann, sich der neuen Aufgabe zu widmen, nach dem Motto „Versuch und Irrtum“.

Die Grundidee: Sie wollte wissen, was die Kunden denken und wünschen. Bis heute ist der erste Eintrag vom 12.Februar 2006 direkt auf der Walthers-Internetseite zu sehen. „Früher war alles besser“, heißt es da leicht ironisch. „Früher stand der Chef noch auf seinem Hof und unterhielt sich mit seinen Kunden. Viele kannte er sogar mit Namen. Und im Gespräch wurden Kritik, Anregungen und auch Lob unmittelbar ausgetauscht. Heute führt man kein Gespräch mehr mit seinen Kunden, sondern ist mit ihnen im Dialog, wie es neudeutsch heißt. Aber besser im Dialog, als gar nicht mehr im Gespräch.“ Den lockeren, unkomplizierten Ton hat Kirstin Walther in ihrem „Saftblog“ beibehalten, der sich deshalb flüssig und unterhaltsam lesen lässt. Natürlich drehen sich viele der rund 780Beiträge um das Thema Saft, um Früchte, Forschung und Gesundheit, den Keltereibetrieb, seine Mitarbeiter und Neuigkeiten aus dem Onlineshop.

Viele Kunden leben aber nicht in Arnsdorf, nicht einmal in Sachsen, sondern in der ganzen Bundesrepublik. Sie können virtuell durch den Betrieb spazieren, mit dem Sender „Saftkanal“ durch das Lager oder die Presse spazieren und mit den Mitarbeitern und vor allem der Chefin reden. Natürlich können alle Beiträge kommentiert werden, sodass sich manchmal eine richtige Diskussion entspinnt. Der Spitzenreiter hat 157 Kommentare, wie eine kleine Statistik vermerkt, ein anderer wurde fast 18000 mal angeschaut; normal sind 200 bis 300. Denn Kirstin Walther schafft es, die Leser ihre unkomplizierte Art auch im Internet spüren zu lassen.

Fehler offen eingestanden

Weil sie gleichzeitig wach und aufmerksam bleibt, registriert sie die Wünsche ihre Kunden und versucht sofort, sie umzusetzen. Ein Herr aus Wilhelmshaven – „ein Schlüsselkunde“, sagt Walther – stieß auf die Arnsdorfer Kelterei, weil ihm der Arzt Saft der Aroniabeere empfohlen hatte. Aber nach Ostfriesland konnten die Flaschen nicht geliefert werden – teuer, zerbrechlich, zu riskant. Und so wurde der Verkaufsschlager Saftbox geboren. Wenn man Saft zapft, zieht sich innen ein Plastikbeutel zusammen, ohne dass Luft eindringt. So bleibt der luftempfindliche Inhalt drei Monate haltbar – und kann im großen Stil geliefert werden. Auf der Deutschlandkarte an der Wand in Kirstin Walthers Büro drängt sich Pinnnadel an Pinnnadel – sie markieren die Läden, die Walthers Saftboxen verkaufen.

Als sich zu Beginn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch Luft in den Beutel stahl, der Saft gärte und manche Box sogar explodierte, stellte Kirstin Walther ein Bild des zerstörten Behälters ins Internet. „Mein Berater schlug die Hände über dem Kopf zusammen“, erinnert sie sich und grinst. „Er meinte, das würde alle Kunden vergraulen. Dabei habe ich doch geschrieben, dass wir das Problem gelöst haben. Und jeder macht doch mal Fehler.“ Sie schüttelt den Kopf, die Locken fliegen. Mit den schlauen Sätzen der Marketingstrategen kann sie nichts anfangen. „Sie sagen, man müsste sich die Haare kämmen, bevor man vor die Webcam geht“, Kirstin Walther lacht, die Locke baumelt vorwitzig vor dem Auge und wird energisch hinters Ohr verbannt.

„Ich versuche, im Netz einfach so zu sein, wie ich sonst auch bin“, erklärt Walther ihren Erfolg mittlerweile auch auf großen Konferenzen zum Thema Bloggen, zu denen sie ständig eingeladen wird. Am wichtigsten wäre, die „einfachsten Regeln des Anstands“ zu wahren und den anderen zu respektieren. „Wenn einer in mein Büro kommt und etwas fragt, bekommt er doch auch eine Antwort – also antworte ich auch auf jede Frage, die mir im Internet gestellt wird.“

Safttante mit 2400 Meldungen

Auch der Gedanke, dass Internetsuchmaschinen wie Google Beiträge bis zu 30 Jahre speichern, macht ihr keine Angst. Vielmehr hat sie sich jetzt auch auf allen gängigen Plattformen eingetragen, ihr Profil bei Facebook und Xing hinterlassen. Und auch im Botschaftensendedienst Twitter ist sie mit über 2400 Meldungen unter dem Pseudonym „Safttante“ ganz vorne mit dabei. Sie schickt ihre Bekannten mit einem Gute-Laune-Song in den Feierabend, hält ihre Touren mit dem Mountainbike im Foto fest, das sie im Netz verbreitet, nutzt aber auch diesen Weg vor allem für die Kelterei. Auf ihrem Computer bauen sich die Suchergebnisse nach Begriffen rund um das Thema Saft auf und zeigen ihr sofort, wenn sich jemand dazu äußert. „Unglaublich, was die Leute alles über uns schreiben“, kommentiert Walther, und die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Dort hat aber auch die Verantwortung für die Firma und die 16Mitarbeiter ihre Spuren hinterlassen. Die Eltern konnten nicht für den Ruhestand vorsorgen und sind auf sie angewiesen, der ältere Bruder Jens leitet die riesige Produktionsanlage im Arnsdorfer Gewerbegebiet. „Gerade meine Eltern verstehen gar nicht, was ich da im Internet mache“, sagt Kirstin Walther und seufzt.

Manchmal am Wochenende, wenn der elfjährige Sohn schon schläft und die allein erziehende Mutter am Computer sitzt und ihren Freunden schreibt, die im ganzen Land verstreut sind, fragt sie sich, „ob ich vielleicht doch einen Schaden habe“. Aber meistens weiß sie, dass sich die Opfer und die Anstrengungen gelohnt haben: „Ohne das Weblog wäre die Firma pleite. Definitiv“, sagt Kirstin Walther, und es klingt sehr energisch. Da bleibt auch die Locke lieber hinterm Ohr.