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Montag, 01.01.2018

Vier Monate rauchfrei

Wie es ist, wenn man nach 30 Jahren von heute auf morgen die Kippe wegtut? Schwer. Und gut. Eine Zwischenbilanz einer Kamenzerin.

Von Ina Förster

Die freie Autorin Ina Förster gibt zu: Es war immer schön mit dir, geliebte Fluppe. Aber nach 30 Jahren ist eben auch mal gut. Seit 27. August ist sie rauchfrei. Von Zeit zu Zeit berichtet sie von ihrem neuen Leben und der vielen Zeit, die sie nun plötzlich hat. Ihr Credo: Man muss das alles selber wollen, sonst wird es nichts!
Die freie Autorin Ina Förster gibt zu: Es war immer schön mit dir, geliebte Fluppe. Aber nach 30 Jahren ist eben auch mal gut. Seit 27. August ist sie rauchfrei. Von Zeit zu Zeit berichtet sie von ihrem neuen Leben und der vielen Zeit, die sie nun plötzlich hat. Ihr Credo: Man muss das alles selber wollen, sonst wird es nichts!

© Matthias Schumann

Kamenz. Ich weiß bis jetzt nicht, warum ich es getan habe. Also, warum gerade an diesem Tag. Nach einer wundervollen Party mit guten Freunden. Wir hatten den Nachmittag gefeiert – das Leben, unsere Freundschaft und sieben Jahre Ehe. Zwei Aschenbecher quollen am Ende des Tages über. Später saß ich allein auf der Terrasse, schaute in die Kerze. Und anschließend in den Nachthimmel. Und dachte mir: Ich mag nicht mehr! Drückt die Kippe aus. Und habe mich ein bisschen vor mir selbst geekelt. Das war genau am 27. August dieses Jahres, punkt 23.10 Uhr.

Welche Hilfsmittel habe ich genutzt?
An das alles erinnere ich mich so genau, weil meine Nichtraucher-App es mir täglich verrät. Die habe ich mir nämlich am nächsten Tag aufs Handy geladen. Und sie hat mich bis jetzt durch manches Jammertal gebracht. Dank ihr weiß ich, dass ich genau 124 Tage rauchfrei bin. Und mir über 75 Schachteln nicht reingezogen und damit übrigens 472,50 Euro gespart habe! Allein das war es wert! Zudem habe ich rund 1 000 Milligramm Nikotin nicht inhaliert und über zwölf Gramm Teer. Mich gruselt es, wenn ich überlege, was da in fast 30 Jahren Raucherkarriere zusammengekommen war. Und dabei habe ich es „nur“ auf eine halbe Schachtel am Tag gebracht.

An manchen Tagen musste ich allerdings auch die Community der App bemühen. Alles Leute, die ebenfalls mit dem Rauchen aufhören wollen. Und genau wussten, wie ich gerade tickte. Wie eine Bombe kurz vor der Explosion. Von meinem Mann bekam ich moralische Rückendeckung – immerhin erträgt er seit 20 Jahren eine Raucherin an seiner Seite. Und freut sich seit August angeblich über ein nicht mehr so stark schnarchendes Weib. Und viel besser schmeckende Küsse. Ich frage mich heute, wie er es überhaupt ausgehalten hat. Er muss mich sehr lieben. Ansonsten bot mir meine Hausärztin kurz nach Bekanntwerden meines Entschlusses eine Bioresonanz-Therapie an, würde ich es allein nicht schaffen. Doch die musste ich nicht nutzen. Im Hinterkopf hatte ich außerdem Nikotin-Pflaster, Nikotin-Kaugummi, Akupunktur und auch von Hypnose hatte ich gelesen. Mir hat Reden gut geholfen. Manchmal war es meinen Freunden vielleicht zu viel. Dann habe ich ihnen gesagt, dass ich das jetzt brauche und gern ein bisschen jammern will. Der Schlussstrich war radikal, aber ich wollte keine Ersatzdrogen – keine E-Zigaretten dampfen ohne Nikotin beispielsweise. Manch einem hilft das vielleicht beim Ausstieg. Mir war schnell klar: Entweder ganz oder gar nicht. Und irgendwie klappte es. Aber es war verdammt schwer. Und ist es manchmal noch. Ich bezeichne mich deshalb nicht als Nichtraucherin. Ich bin eine ehemalige Raucherin, die auf einem guten Weg ist. Das ist ein großer Unterschied, habe ich gemerkt.

Was waren meine größten Gegner?

Klare Antwort: Ich selber! Und dieser dumme Kopf, der einem die Sucht erst minütlich, dann stündlich, später tageweise und mittlerweile Gott sei dank nur noch ab und zu unter die Nase reibt. Während der körperliche Entzug relativ einfach wegzustecken war und auch etwa nur eine Woche dauerte, ließen mich die Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Wo waren sie – meine geliebten Rituale? Die morgendliche Zeitungsschau auf der Terrasse mit einem Kaffee? Das Päuschen unterwegs mit dem Kollegen Fotograf? Das abendliche Runterkommen – wahlweise mit Anruf der Freundin am Ohr oder weinglashaltend mit Blick auf die alte Eiche vor dem Haus? Weg! Verloren. In den ersten 14 Tagen bin ich wie ein geprügelter Hund herum gelaufen, habe die Terrasse gemieden, wie der Teufel das Weihwasser. Im Bett flossen manchmal Tränen. Und ich hab mich ernsthaft gefragt, wozu ich das alles tue. Da war plötzlich so viel Zeit. Und ich wusste nicht, wohin mit mir. Der Verlust der eingefahrenen Dinge schmerzte ungemein. Es war fast so, als ob jemand gestorben war. Dazu kam, dass ich leider Probleme mit meiner Schilddrüse bekam. Dies sei hier nicht verschwiegen. Als Hashimoto-Patientin (chronische Schilddrüsenentzündung) merkte ich den veränderten Stoffwechsel enorm. Bis ich darauf kam, dass ich meine Tabletten umstellen musste, vergingen leider ein paar Wochen. Und die brachten unangenehme Begleiterscheinungen wie Herzrasen, verstärktes Schwitzen, Verdauungsprobleme und eine leichte Depriphase mit sich.

Wie reagierte mein Umfeld?
Wie bereits bemerkt: Der Mann freute sich. Die engsten Freunde hingegen waren da geteilter Ansicht. Je nachdem, welcher Kategorie sie angehörten – rauchende Fraktion oder Nichtraucher. Ungläubiges Staunen herrschte fast auf allen Rängen. Die „Förschtern“ und nicht mehr rauchen. Wer’s glaubt! Die, die immer die Letzte und ihr Spruch „Eene rooch mer noch und dann geht’s los“ legendär war und später mal auf ihrem Grabstein eingemeißelt werden sollte. Ja, ich gebe es zu: Ich habe immer gern geraucht. Selbst nach der Geburt meiner zwei Söhne habe ich wieder angefangen. Um so genauer wurde ich beobachtet. Tut sie es bald wieder? Oder nicht? Oder hat sie vielleicht schon heimlich? Ausflüge mit meinen Wellness-Weibern stellten mich auf eine harte Probe, der Karneval schmeckte plötzlich anderes. Bei manchen Geburtstagen saß ich mit vier übrig gebliebenen Nichtrauchern in der Stube, während meiner Auffassung nach unten die Party tobte. Aber eines war Fakt: Am Morgen danach war ich stolz wie Atze und klopfte mir immer auf die Schulter.

Hat sich denn etwas verbessert?
Natürlich! Nach etwa zwei Wochen merkte ich erste Veränderungen: Alles schmeckte besser. Und es roch so anders. Vor allem die Menschen um mich herum. Manchmal war das leider auch nicht schön. Frischer Nichtraucher fühlt sich ein bisschen an wie Schwangersein – man hat Appetit auf eigenartige Dinge, kann vieles nicht riechen, ist übellaunig, fängt wegen nichts an zu heulen. Und man nimmt irgendwann leider zu. Bei mir waren es nur 2,5 Kilogramm. Aber da ich nie die Zarteste war, schlägt es zu Buche in der Liste der unangenehmen Nebeneffekte.

Aber ein riesiger positiver Effekt war, dass man nach Partys keinen dicken Kopf mehr hatte. Ich habe seit 124 Tagen keine einzige Kopfschmerztablette mehr genommen. Ich komme die Treppe leichter hoch. Beim Singen erreiche ich Höhen besser. Und ich schlafe doppelt so gut, wie vorher. Das Beste aber ist die gewonnene Freiheit: Die wird von vielen ehemaligen Rauchern hochgelobt. Und von keinem einzigen Raucher verstanden. Aber es ist herrlich, dass mir der kleine Nikotinteufel keine Fesseln mehr anlegt. Ich muss mir keine Gedanken mehr machen, ob ich mit der halben Schachtel über den Abend komme, wohin ich sie stecke, wo wieder mal das Feuerzeug ist, wie oft ich die Jacke überziehen muss beim Rausgehen oder ob mein kleiner Schatz Eddie riecht, dass ich rauchen war. Einfach super!

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