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Freitag, 30.12.2016

Verlorene Heimat

Nach dem Krieg strandete Helga Förster in Hirschfelde. Mit der Wende machte sie sich selbstständig. Kämpfte, mahnte, engagierte sich. Jetzt ist sie 74 Jahre alt und in der Privatinsolvenz.

Von Ulrich Wolf

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In ihrer ehemaligen Drogerie leuchtet für Helga Förster nur noch ein Herrnhuter Stern. Die 74-Jährige aus Hirschfelde hat die Hoffnung auf ein sorgenfreies Altern aufgegeben.
In ihrer ehemaligen Drogerie leuchtet für Helga Förster nur noch ein Herrnhuter Stern. Die 74-Jährige aus Hirschfelde hat die Hoffnung auf ein sorgenfreies Altern aufgegeben.

© kairospress

  • In ihrer ehemaligen Drogerie leuchtet für Helga Förster nur noch ein Herrnhuter Stern. Die 74-Jährige aus Hirschfelde hat die Hoffnung auf ein sorgenfreies Altern aufgegeben.
    In ihrer ehemaligen Drogerie leuchtet für Helga Förster nur noch ein Herrnhuter Stern. Die 74-Jährige aus Hirschfelde hat die Hoffnung auf ein sorgenfreies Altern aufgegeben.
  • Der angerostete Fahrradständer vor dem Laden erinnert Helga Förster an die Zeiten, in denen ihr Name noch ein Begriff in Hirschfelde war.
    Der angerostete Fahrradständer vor dem Laden erinnert Helga Förster an die Zeiten, in denen ihr Name noch ein Begriff in Hirschfelde war.
  • Unmittelbar nach der Wende machte sich Helga Förster selbstständig.
    Unmittelbar nach der Wende machte sich Helga Förster selbstständig.

Viel ist nicht geblieben. In dem Raum, der einmal ihr Leben war, stehen zwei Treppenleitern herum, eine Vitrine, ein Schreibtisch, ein Staubsauger, ein Besen, ein blauer Plastikeimer und zwei dürstende Zierpflanzen. Den Terrazzofußboden wischt Helga Förster immer noch. „Und sehen Sie“, sagt sie, „den Sims da oben mit dem Blumendekor, den haben wir selbst bemalt.“ An der Decke hängt wie zum Trotz ein Herrnhuter Stern.

Helga Förster aber trotzt nicht mehr. Die 74-Jährige ist mit den Kräften am Ende. „Mein Leben lang habe ich gearbeitet, gekämpft und doch verloren. Nur die Sterbegeldversicherung ist noch da, an die kann keiner ran.“ Sie wirft einen karierten Schal um den Hals. „Kommen Sie“, sagt sie, „wir gehen nach nebenan. Da ist es wärmer.“ Sie schließt die braune Holztür ab, den früheren Eingang ihres Geschäfts. Draußen auf dem Bürgersteig passiert sie achtlos den angerosteten roten Fahrradständer mit der Aufschrift „Förster Drogerie“.

Nur ein paar Meter weiter liegt das Reisebüro, das ihr zwar nicht gehört, in dem sie aber immer noch arbeitet. Mittwochs ist es geschlossen. Helga Förster nimmt an einem Schreibtisch Platz, hinter und neben ihr glänzen Reisekataloge mit Titelbildern, die glückliche Familien an den Stränden dieser Welt zeigen.

Sie wolle von ihrem Leben erzählen, sagt sie. Weil es erkläre, warum sich viele Ostdeutsche gedemütigt und ungerecht behandelt fühlten. Weil es klar mache, warum viele Menschen sich von der etablierten Politik abwendeten. Weil es verdeutliche, wie die Fehlentwicklungen nach der Wende kleine Orte kaputtgemacht hätten. Ihre Heimat Hirschfelde sei so ein Beispiel. Und dann erzählt Helga Förster ihre Geschichte. Mit wachen Augen, überaus konzentriert. Als habe sie lange auf diesen Augenblick gewartet.

Nach dem Krieg strandet sie in Hirschfelde bei Zittau, vertrieben aus ihrem Heimatdorf Zatonie, dem ehemaligen Seitendorf auf der polnischen Seite der Neiße. Der Vater gefallen. Die Mutter steht da, mit ihr und dem blinden Großvater im Leiterwagen. „Wir waren nicht willkommen, schliefen in verwanzten Betten, wurden behandelt wie Aussätzige.“ Mehr als die Grundschule sei für sie nicht drin gewesen, „dann musste ich Geld verdienen“.

Die Mutter schlägt sich durch, Helga Förster wird Fotolaborantin. 1961 heiratet sie, einen Maurer, ihren Klaus. Das Paar bekommt zwei Kinder. Nach der Geburt des Sohnes macht Helga Förster eine zweite Lehre, wird Drogistin. Der Inhaber stirbt, sie übernimmt das Geschäft. Die Familie zieht um in das Haus an der Zittauer Straße, in der die Drogerie untergebracht ist. Mitten im Dorf, am Markt.

Die „Förster Drogerie“ wird zum Begriff, er hält sich im Ort auch nach der Verstaatlichung durch den Konsum. „Schon damals wurde ich nicht gefragt. Ich machte weiter, und wir führten ein normales DDR-Leben, eine glückliche Familie mit 1 000 Ostmark im Monat.“ Die SED und ihre Apparatschiks ödeten sie an, sagt sie. An Ausreise habe sie dennoch nie gedacht. Auch nicht, als ihr Mann Ärger bekam, weil er für seine Baubrigade bessere Arbeitsbedingungen forderte. Drüben, in Polen, rüttelte die Solidarnosc-Bewegung am System. Als Jahre später die DDR zusammenbricht, schließen sich Försters dem Neuen Forum an. „Wir wollten was tun.“

3 000 Einwohner hat Hirschfelde zu jener Zeit. Der Marktplatz ist ihr Treffpunkt: Geschäfte, Kneipen, Gasthöfe, ein Hotel. Ein Kohlekraftwerk, die Eisenlegierung, das Chemiekombinat und drei Textilbetriebe geben Arbeit. Die meisten Beschäftigten wohnen am Nordpol; so nennen die Einheimischen die einen Kilometer vom Zentrum liegende Neubausiedlung. „Hirschfelde war damals rot“, sagt Helga Förster. Das „R“ im „Rot“ rollt im Lausitzer Slang durchs Reisebüro.

Tatsächlich wird die PDS stärkste Partei im Gemeinderat, der neue Bürgermeister ist der alte. „Ein Wendehals.“ Helga und Klaus Förster ziehen für die CDU in das Lokalparlament. Das Ehepaar wähnt sich am Ziel. „Ich wollte unbedingt privatisieren, so war doch der Zeitgeist.“ Die beiden kaufen dem Konsum die Drogerie ab, der Gemeinde das Haus. Im Nachbargebäude, das ihnen gar nicht gehört, richten sie ein Farbengeschäft ein. Sie malern, mauern, möbeln den Laden auf. Ihr einziges Eigenkapital: ihre Hände, ihr Wille, ihr Fleiß. 400 000 D-Mark kommen als Kredit von der Bank. Im Frühjahr 1991 ist alles fertig.

Fertig in anderem Sinn sind da schon die großen Arbeitgeber des Dorfes. Die Treuhand wickelt die ersten Betriebe ab. Überleben wird nur der Spülmittelhersteller Fit. Ältere Beschäftigte landen in Auffanggesellschaften, die jüngeren ziehen weg. Bei den Försters gehen die Umsätze fast komplett für die Kreditzinsen drauf. 1992 leistet sich die Familie dennoch einen Urlaub: zwei Wochen Italien. Es sollte ihr letzter werden.

„Als es schon abwärts ging, kam der Schlecker.“ Helga Förster ist jetzt wütend, ihre Augen funkeln, sie streicht das ergraute Haar beiseite. „Ohne Beschlussvorlage im Gemeinderat, einfach so, aus dem Nichts.“ Der Drogeriegigant siedelt sich am Nordpol an, Försters Kunden von dort kommen nicht mehr. In Dresden warnt die Industrie- und Handelskammer: Eine weitere Abwanderung aus den ländlichen Regionen Sachsens könne sich „zu einem sozialen Pulverfass“ entwickeln.

Auch Helga Förster ahnt das. Sie macht Druck in der Kommune, beharrt auf einem Plan, der die stagnierende Entwicklung des Ortes berücksichtigt. Doch die Verantwortlichen glauben weiter an einen unendlichen Fördermittelsegen, an blühende Landschaften, an eine prosperierende Zukunft. Kaum einer zieht in Betracht, dass ausgerechnet ihr Dorf zum Verlierer werden könnte. Fast ohne Widerspruch projektiert ein Ingenieurbüro eine viel zu große Kläranlage mit viel zu langen Abwasserleitungen. Ein 30-Millionen-Euro-Projekt.

Die Hauptachse des Dorfes, die heutige Bundesstraße 99, an der auch Försters Drogerie liegt, wird aufgerissen. Lieferanten können nicht mehr anliefern, Kunden nicht mehr parken. Drei Jahre wird der Abwasserbau dauern. Projektfehler, kalte Winter, Baustopps, im Bürokratiesumpf versickernde Fördermittelzusagen. Die Industrie des Ortes liegt weitgehend brach, die Abwanderung hält an. Konsum und HO geben auf, rund um die nahe Kreisstadt Zittau lassen sich Handelsketten auf der grünen Wiese nieder, Hirschfelde bekommt einen Diska- und einen zweiten Schlecker-Markt. „Für viele war das der Westen, über uns hieß es nur, wir wollten nur reich werden.“ Sozialneid auf Unternehmertum.

Helga Förster entlässt zwei Halbtagskräfte, dann ihren Mann. Er erkrankt und wird 1994 Invalidenrentner. Sie behält nur ihren Lehrling. „Fortan dümpelte es vor sich hin.“ Der Abwasserbau im Ort fordert seine Opfer: Autohaus, Polsterer, Milchbar, Fleischer, Gemüseladen, Hotel, Gaststätte. Nur die Handwerkerbetriebe in zweiter oder gar dritter Generation sollten das Desaster überstehen.

Dem Sterben ihrer Heimat will Förster nicht tatenlos zusehen. Sie müht sich um Investoren. Vergebens. Sie kontaktiert Holger Wenzel, damals Chef des Deutschen Einzelhandelsverbands. Bei ihm findet sie Gehör. Wenzel vermittelt, und Helga Förster bekommt Post: vom damaligen Städtebauminister Klaus Töpfer, von Bundesfinanzminister Theo Waigel, von Wolfgang Schäuble, vom sächsischen Wirtschaftsminister Kajo Schommer. Helga Förster antwortet, schreibt, mahnt, sitzt auf Podien, diskutiert. Ihre Korrespondenz aus jener Zeit füllt 30 Aktenordner. „Sie weisen zu Recht auf die herausragende Rolle unternehmerischer Selbstständigkeit hin“, steht in einem der Briefe. Und weiter: „Menschen wie Sie, Frau Förster, sind das Herzstück der sozialen Marktwirtschaft.“ Konkrete Hilfe aber bietet niemand an. Für Helga Förster steht fest: „Damals wie heute werden wir Bürger zwar gehört, aber letztendlich ist es den Verantwortlichen egal, ob wir klarkommen oder nicht.“

Die Försters versuchen alles. Sie bauen die Drogerie nochmals um, machen aus dem Farbgeschäft ein Reisebüro. Sie schulden um, ihr Sohn bürgt für einen weiteren Kredit. Sie suchen Rat bei Verbänden, setzen sich an Runde Tische. Sie klagen gegen die Bundesrepublik bis zum Oberlandesgericht: Der langjährige Abwasserbau an der Bundesstraße sei als „enteignungsgleicher Eingriff“ zu werten. Sie verlieren den Prozess, haben mehr als 10 000 Euro Gerichtskosten an der Backe, die Banken wollen ihr Geld zurück. Fernsehmann Peter Escher wird auf den Fall aufmerksam, aber auch er kann nicht helfen.

Im Jahr 2000 wird ihr Haus zwangsversteigert. Der neue Eigentümer ist der Schwiegersohn, er ist mit der Tochter nach Wolfsburg gezogen, arbeitet bei Volkswagen. So können sie zumindest in ihrer angestammten Wohnung bleiben. Mit ihren 25 Gläubigern einigt sich Helga Förster außergerichtlich, um die Schulden abzustottern. Sie bekommt noch einmal Post. Sachsens damaliger Finanzminister Georg Milbradt schreibt: „Ich kann ihren Unmut verstehen. Es hat offensichtlich Planungsfehler und Überkapazitäten beim örtlichen Abwasserzweckverband gegeben.“ Leider sei die wirtschaftliche und demografische Entwicklung in Ostsachsen sehr viel schlechter verlaufen, als dies für die meisten Entscheidungsträger vorhersehbar gewesen sei. (...) „Das ist aber leider nicht mehr zu ändern.“

2001 sitzt Hirschfelde auf neun Millionen Euro Abwasser-Schulden, täglich werden 1 500 Euro für die Zinsen fällig. Das Geld für Grundschulsanierung fehlt, die Arbeitslosenquote steigt auf über 20 Prozent. Erst Jahre später und nur mithilfe von steuerfinanzierten Geldtöpfen bekommt die Kommune ihre Finanzprobleme in den Griff. Sie bezahlt das mit dem Verlust der Eigenständigkeit, Hirschfelde wird ein Ortsteil von Zittau. Die überteuerte Kläranlage wird 2010 vom Hochwasser der Neiße überschwemmt und stillgelegt.

Helga Förster merkt derweil, dass immer mehr Menschen ihre Reisen im Internet buchen. Terror macht klassische Urlaubsziele unsicher. Junge Familien als Kunden hat sie fast keine mehr. Mit 69 Jahren, im Juli 2012, ist es vorbei: Sie geht in die Privatinsolvenz, ihr einziges Vermögen, eine Kapitallebensversicherung, geht an ihre Gläubiger.

Es ist das Jahr 26 nach der Wende: Im September beschließt der Zittauer Stadtrat, die Gebühren fürs Abwasser erneut anzuheben. Hirschfelde hat die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. Gut ein Drittel der Gebliebenen ist älter als 60 Jahre. Von den Geschäften am Markt hat nur die Apotheke überlebt. Der stattliche Gasthof „Zum Hirsch“ aus dem Jahr 1848 soll abgerissen werden. Das Hotel ist dicht, die benachbarte Kneipe auch.

Helga Förster lebt von 800 Euro Rente im Monat, wegen ihrer Selbstständigkeit muss sie davon 180 Euro an die AOK abdrücken. Ihr Mann kommt ebenfalls auf nur 800 Euro Rente. Bis zum Sommer 2018 wird die einst so stolze Drogistin in der Insolvenz bleiben, dann wird sie 76 Jahre alt sein. Das Haus gehört immer noch dem früheren Schwiegersohn; seit sechs Jahren versucht er, es zu verkaufen.

Im nächsten Jahr wird Helga Förster das Reisebüro schließen. Sie zögert kurz und sagt dann doch bestimmt: „Ja, mein Mann und ich, wir sind Wende-Verlierer. Ich habe zum zweiten Mal meine Heimat verloren. Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.“ Sie kämpft mit den Tränen, ihr Mann legt tröstend seine Hand auf ihre Schulter. Für beide steht fest: Sie werden auf ihre alten Tage nicht bleiben in dem Dorf, „in dem wir so viel Ungerechtigkeit und Misswirtschaft erlebt haben. Ich glaube, das würden wir nicht verkraften“.