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Verbotene Mundart

Vor 80 Jahren stand der sächsische Dialekt auf dem Index. Die Leipziger Dichterin Lene Voigt litt so stark darunter, dass sie in der Nervenheilanstalt landete.

04.10.2017
Von Peter Ufer

 Mundart
Dichterin Lene Voigt lebte von 1892 bis 1962.

© Sammlung Lene-Voigt-Gesellschaft

Sächsisch gilt vielen Deutschen nach wie vor als unbeliebter Dialekt. Doch neu ist das nicht. Vor 80 Jahren war die Sprache der Sachsen – als einzige Mundart in Deutschland – sogar verboten. Im Jahr 1937 verschwanden, neben den Büchern sächsischer Autoren wie Erich Kästner oder Joachim Ringelnatz, alle Werke der Leipziger Dichterin Lene Voigt aus den Buchhandlungen.

Der Vorwurf: Der Schriftstellerin sei in ihren Büchern nichts heilig, sie zerre „die schönsten Dichtungen der Weltliteratur durch gesuchte komische Situationen und Sprachschluderei in die Minderwertigkeit und Lächerlichkeit hinab. Das ist bewusste Zersetzung höher Kulturgüter. Das ist Kulturbolschewismus.“ So stand es in einem Redematerial, das damals die Sächsische Staatskanzlei herausgab.

Seit 1925 hatte Lene Voigt zehn Bücher in Mundart geschrieben. Mit Parodien von Balladen wie Schillers „Handschuh“, „Die Bürgschaft“ oder „Die Kraniche des Ibykus“, Goethes „Zauberlehrling“, „Die Frösche“ oder „Der Erlkönig“ feierte sie große Erfolge. Die zwei Bände ihrer „Säk’schn Glassiger“, in denen sie Theaterstücke wie „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“ oder den „Faust“ in die Mundart übertrug, erreichten hohe Auflagen. Ihre Werke interpretierten Kabarettisten, Vortragskünstler sangen Lieder mit ihren Versen und das Publikum applaudierte. Zwölf Schellackplatten mit Voigt-Gedichten erschienen zwischen 1928 und 1932, eingesprochen von den bekanntesten Schauspielern der Zeit. 1932 kam ihr Buch „In Sachsen gewachsen“ heraus, sie verfasste nach Homers Werk die „Sächsische Odyssee“, die kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erschien. Sie beginnt mit den Versen:

„Färchterlich isses mitunter, was eenzelnemissen erdulden.Handelt sich’s doch bei dr Mährzahldorchaus nich um eechnes Verschulden.Nee, ganz im Geechendeil, oft sinsde biederschten, dreihärzichsten Leite,Die sich ä beeses Verhängnis so schadenfrohhärnimmt als Beite.Weniche Schtärbliche nur sin dr greilichenBriefung gewachsen.Gärls von Formad missen’s sin, sei’sin Griechenland oder in Sachsen.“

Der sächsische Ministerpräsident hieß seit 1. März 1935 Martin Mutschmann, der selbst Dialekt sprach. Der ehemalige Plauener Unternehmer verstand aber die Satire Voigts als „undeutsch“. Beat Siebenhaar, Sprachforscher an der Universität Leipzig, sagt, dass der erste Nazi in Sachsen die Parodien als Karikatur auf den angeblich einfältigen Sachsen verstand und verhindern wollte. Er wehrte sich gegen die witzige Darstellungen der Mundart, was mit Boykotten von Filmen und Theaterstücken endete. Unter Führung der Staatskanzlei gründete Mutschmann das „Heimatwerk Sachsen“, ein Institut, das sich am völkischen Ideal einer in Boden und Stamm verwurzelten Volkskultur orientierte.

Im Juni 1936 erschien in der „Neuen Leipziger Zeitung“ eine Überschrift, die die Leser aufforderte: „Sachsen, sprecht deutsch! Schafft unserem Land Achtung!“ Im Text stand: „Wenn der Sachse den Mund auftut, lachen die anderen. Der Sachse hat sich damit schon abgefunden; er lacht mit. Ist das richtig? – Nein, denn niemals darf der Scherz mit Lächerlichkeit und ein heiterer Mensch mit einer komischen Figur verwechselt werden. Und das tut man, wenn man dieses Mitlachen der Sachsen über ihre Sprache noch als eine besondere Tugend, ja als großzügige Charakterstärke verherrlicht. Das Sächsische aber ist komisch! Sagen wir es: Das Sächsische im weiten Umkreis um Leipzig ist keine Mundart, es ist eine sprachliche Unart.“

Das Verbot des Dialektes wurde vor allem mit der Aussprache des Leipziger Sächsisch begründet. Lene Voigt orientierte sich in ihrer Schreibweise an der Artikulation ihrer Heimat. Die harten Konsonanten wie T, P, K schrieb sie oft weich, also D, B, G, aber nicht immer. War jemand Meister oder sächsisch Meesdor, noch leserlicher Mester oder anders Meesder, Mesdor oder Meestor oder doch besser Mesder? Sie entschied sich für Meester. Noch schwieriger war es bei stumm oder stiert, sollte sie sdumm, schdumm oder schtumm, sdierd, schdierd, schtierd, schdiert oder schtiert schreiben? Sie nahm bei einzelnen Vokabeln die mundartlich abgeschliffene Variante, überlegte, wie sehr sie sich wirklich in das Sächsische vertiefen konnte. Es musste ja leserlich bleiben.

Im Rückblick notierte sie 1935: „Es ist wohl selbstverständlich, daß sich bei mir im Laufe der Zeit einige Wandlungen auf dem Gebiet der sächsischen Sprache ergaben. So vereinfachte ich vor allem die Schreibweise des Sächsischen immer mehr, bis ich eine Art Norm gefunden zu haben glaubte. Hatte ich anfangs das Bestreben, ein wenig pedantisch im Orthographischen zu verfahren, so daß sich mitunter eine Häufung von fünf bis sechs aufeinanderfolgenden Konsonanten vorfand, so ging ich späterhin dazu über, die Lesart des Sächsischen auch für den Nichtsachen schmackhaft zu gestalten. Dabei leiteten mich allerdings auch kaufmännische Gesichtspunkte, denn ich sagte mir, daß meine inzwischen erschienenen Mundartbüchlein auf diese Weise mehr Abnehmer finden würden. Es versteht sich, daß alles wirklich Charakteristische der Leipziger Mundart auch in Zukunft getreulich beibehalten werden wird.“ Fünfzig Prozent ihrer Literatur schrieb sie übrigens in Hochdeutsch. Die deutschen Klassiker übersetzte sie zudem nicht einfach ins Lächerliche, wie der Vorwurf lautete, sondern erzählte auf deren Grundlage eigene heitere Geschichten, um sie verständlich zu machen.

Bei dem Verbot der Mundart ging es ganz offensichtlich nicht nur darum, das Lächerlichmachen des Sachsen zu verhindern, sondern es gab einen weiteren Hintergrund. Der gebürtiger Dresdner Erich Rawolle, der 1926 an der Universität Leipzig Philosophie, Germanistik, Geschichte und Leibesübungen studierte und eine Dissertation zum Thema „Mundart und Kolonisation in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz“ schrieb, veröffentlichte im Dezember 1936 in der Monatsschrift des NS-Lehrerbundes „Die höhere Schule, Beilage zur Politischen Erziehung“ einen Text mit der Überschrift: „Lene Voigt – Volkstum im Zerrspiegel.“ Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der Lehrer in der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Rudolf-Schröter-Schule in Klotzsche. Zitat: „Man höre: ,Dr Schuster gonnte ooch sich frein’ ,konnte auch sich freun’ – in welcher Sprache ist diese Wortstellung möglich? In keinem Zweige des großen germanischen Sprachkreises (und dazu gehört auch die sächsische Mundart), sondern einzig und allein im Jiddischen. ,Daß grade ich wär ibergang`. Auch das ist jiddisch. … Die Frau gibt Reimereien heraus, von denen sie behauptet, daß sie im sächsischen Dialekt geschrieben seien. Und wenn man genau hinsieht, so stellt man fest, daß sie die Mundart überhaupt nicht beherrscht.“

Die Dichterin fühlte sich schon vor diesem Urteil verfolgt, brach mehrmals zusammen und wurde Mitte 1936 in die Nervenheilanstalt Schleswig eingeliefert, Diagnose: Schizophrenie und Verfolgungswahn. Der Lene-Voigt-Gesellschaft in Leipzig gelang es kürzlich, die Krankenakte der damaligen Patientin aus dem Archiv der Klinik einzusehen. Dort berichtet Lene Voigt, dass sie seit 1935 von Männern beobachtet, dass ihre Korrespondenz aus ihrer Wohnung gestohlen, dass sie an dem Versuch, Deutschland zu verlassen, gehindert wurde. Den Angriff auf ihre Literatur empfand sie als Angriff auf ihre Person. Denn der Begriff des „Kulturbolschewismus“ tauchte immer wieder auf. 1922 war Lene Voigt in die KPD eingetreten, schrieb für die „Rote Fahne“ sowie die „Sächsische Arbeiterzeitung“. Ihre Werke erschienen aber ebenso in Tageszeitungen wie der „Neuen Leipziger Zeitung“, der „Thüringer Allgemeinen Zeitung“, dem „Fränkischen Kurier“ oder Satire-Magazinen wie „Die lustige Kiste“, der „Schalk-Kalender“, „Das Panoptikum“ oder „Der Drache“.

Lene Voigt resümierte: „Ja, ich kann es wohl, trotz aller hochdeutschen schriftstellerischen Bestätigung der letzten Jahre, kaum jemals ändern, daß ich als sächsische Dialektdichterin abgestempelt bin und bleibe. Mag es gern so sein. Es ist trotz der fürnehmen Verwandtschaft mütterlicherseits von jeher mein Stolz gewesen, daß mein Vater ein Leipziger Arbeiter war, und so will ich auch weiterhin das Mundartliche als das wahrhaft Volkstümliche in meinen Schriften pflegen.“

Nach ihrem Klinikaufenthalt von 1936 fand sie keine Ruhe, flüchtete nach Lübeck, München, Hamburg, Berlin, kehrte 1938 nach Leipzig zurück, wo sie als Arbeiterin in einer Druckerei dienstverpflichtet wurde. 1940 ein neuer Zusammenbruch, sie wurde in die Universitätsklinik eingeliefert. 1946 kam sie in die Notaufnahme der Nervenheilanstalt Leipzig-Dösen, wog noch 38 Kilogramm. Im August 1949 notiert der Arzt, dass das akute Stadium der Patientin abgeklungen sei, er empfehle ihre Entlassung. Doch Lene Voigt lehnte ab: „Ich habe Bedenken, dem Leben mit seinen immer wechselnden Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Es gibt keinen mir so nahe stehenden Menschen mehr, der mich aufnehmen könnte. Bitte belassen Sie mich an diesem Ort, der mir Geborgenheit verspricht. Da draußen spüre ich nichts davon.“ Bis zu ihrem Tod 1962 verließ sie die Klinik nicht mehr. Als sie starb, nahm nur eine einzige Leipziger Zeitung mit einer kleinen Nachricht davon Notiz.

Die erste Biografie über Lene Voigt erscheint im November im Aufbau-Verlag: Tom Pauls „Meine Lene – eine Liebeserklärung an die Dichterin Lene Voigt“