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Donnerstag, 02.06.2016

Übergriff am Arnsdorfer Netto

Gewaltsam zerren vier Männer einen Asylbewerber aus dem Supermarkt und fesseln ihn an einen Baum. Ein Video des Vorfalls kursiert im Internet. Im Fokus stehen ein Iraker und die örtliche Bürgerwehr, zu der auch ein CDU-Gemeinderatsmitglied gehört.

Von Nadine Steinmann

Dunkle Wolken überm Arnsdorfer Netto-Markt. Fast schon symbolisch. Denn ein Vorfall hier hat den Ort im Internet ins Gerede gebracht.
Dunkle Wolken überm Arnsdorfer Netto-Markt. Fast schon symbolisch. Denn ein Vorfall hier hat den Ort im Internet ins Gerede gebracht.

© Thorsten Eckert

Ein Video, am 1. Juni hochgeladen auf Facebook und vor allem auch in asylfeindlichen Foren zu finden, hat am Mittwoch für große Wellen in den sozialen Medien gesorgt. Zu sehen ist die Netto-Filiale in Arnsdorf an der Stolpener Straße. Hier hält sich ein junger Mann mit ausländischen Wurzeln im Kassenbereich auf. Er diskutiert mit den Verkäuferinnen, doch nur einzelne Wortfetzen sind zu verstehen. Ab und zu werden die Stimmen lauter und genervter. Hinter dem Rücken hält der junge Mann eine Flasche Wein. Plötzlich tauchen vier Männer auf und zerren den schmächtigen Mann aus dem Einkaufsmarkt, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Am Ende des Videos sagt eine Frauenstimme „Ist schon schlimm, dass man eine Bürgerwehr braucht.“

Hinter dem Vorfall steckt offenbar mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Bei dem jungen Mann handelt es sich nach Angaben von Thomas Knaup, dem Sprecher der zuständigen Polizeidirektion in Görlitz, um einen 21-jährigen Iraker. Doch er ist nicht nur ein Asylbewerber, wie beispielsweise auf der Facebook-Seite Bürgerforum Arnsdorf behauptet wird. Es handelt sich gleichzeitig um einen Patienten des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf, das ja bekanntermaßen ein psychiatrisches Fachkrankenhaus ist.

Mehrmals im Supermarkt erschienen

Der junge Mann habe sich nach Angaben der Polizei in dem Netto-Markt am 20. Mai eine Telefonkarte für sein Handy gekauft. Allerdings konnte er diese nicht aktivieren. Deshalb erschien der Iraker am nächsten Tag zweimal in dem Supermarkt, um das Problem zu klären. Aufgrund sprachlicher Barrieren konnten sich die Mitarbeiter und der Betroffene jedoch nicht miteinander verständigen. In beiden Fällen wurde die Polizei gerufen, die den Mann zurück zum Krankenhaus brachte.

Als der Patient am Abend gegen 18 Uhr ein drittes Mal in dem Geschäft auftauchte, eskalierte die Situation. Zeugenvernehmungen haben ergeben, dass die Filialleiterin die Telefonkarte überprüfte und dabei feststellte, dass das darauf befindliche Guthaben bereits aufgebraucht war. Der Mann soll anschließend in Rage geraten sein, eine Flasche Wein aus einem Regal genommen und damit die Filialleiterin sowie eine weitere Mitarbeiterin bedroht haben. Verletzt wurde dabei niemand.

Ungewöhnliches Bild für die Polizei

Was dann passiert, ist in dem Facebook-Video deutlich zu sehen. Vier Männer bedrängen den Iraker, schlagen ihn wohl auch. Allerdings endet der Handyfilm in dem Moment, in dem die vier Männer den 21-Jährigen aus der Netto-Filiale schleifen.

Was danach geschieht, ist ein Bild, das für die Polizisten ungewöhnlich ist: „Als eine Streife wenig später eintraf, fanden die Beamten den jungen Mann mit Kabelbindern an einen Baum auf dem Parkplatz des Supermarktes gefesselt“, erklärt der Polizeisprecher. Die dafür verantwortlichen Männer berichteten, dass sie den Iraker festgehalten haben, um ihn an einer Flucht zu hindern. Die Beamten forderten die Männer auf, den Platz zu verlassen. Sanitäter versorgten anschließend den Asylbewerber und brachten ihn zum Arnsdorfer Fachkrankenhaus zurück.

Staatsschutz ermittelt

Mittlerweile ermittelt nicht mehr allein die Kriminalpolizei, sondern auch das Dezernat für Staatsschutz. „Gegen den 21-Jährigen wird wegen des Verdachts der Bedrohung, gegen die Männer wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt“, berichtet Thomas Knaup. Das im Internet veröffentlichte Video wird nach Angaben von Knaup in die Ermittlungen der Kriminalpolizei einfließen. Bisher sei der Polizei aber noch nicht bekannt, um wen es sich bei den vier Männern in dem Video handelt, die den Patienten des Krankenhauses aus der Filiale gezerrt haben.

In Arnsdorf selbst ist der Vorfall allerdings längst bekannt, kam sogar bei der jüngsten Sitzung des Gemeinderates zur Sprache. Denn Angela Bischof (Bürgerforum) sprach ihren Ratskollegen Detlef Oelsner (CDU) konkret darauf an. Grund: Er war einer der besagten vier Männer.

Auf Nachfrage der Sächsischen Zeitung wollte sich Detlef Oelsner, der im vergangenen Jahr auch als Bürgermeister-Kandidat für die CDU antrat, am Mittwochabend dazu aber nicht offiziell äußern. Er sagte lediglich: „Wir haben Zivilcourage gezeigt und hätten das bei jedem anderen ebenfalls getan. Auch wenn es ein Deutscher gewesen wäre.“ Die Polizei sei aber am Mittwoch bereits bei ihm gewesen. Auch die anderen drei Männer sind nicht unbekannt, wie Bürgermeisterin Martina Angermann (SPD), der das Video bekannt ist, erklärt. Zwei der Männer habe sie erkannt, werde die Namen bei ihrem Termin in der kommenden Woche auf dem Polizeirevier Kamenz natürlich auch nennen.

Auch die Ermittler suchen nun Zeugen, die den Vorfall gesehen haben oder Angaben zu den Männern machen können, die den jungen Mann aus dem Supermarkt gebracht und an den Baum gebunden haben.

Hinweise nimmt die Polizeidirektion Görlitz unter Telefon: 03581 468100 entgegen.