Mittwoch, 02.01.2013
Transplantation: Waren Leipziger Ärzte bestechlich?
Am Leipziger Uniklinikum sollen in 38 Fällen Krankenakten so manipuliert worden sein, dass Patienten auf der Warteliste für Organtransplantationen nach oben gerutscht sind. Ob die verdächtigten Ärzte bestechlich waren oder unachtsam handelten, ist noch nicht geklärt. Unterdessen sind Verbindungen zum Organspende-Skandal in Göttingen ausgeschlossen.
Nach Unregelmäßigkeiten bei Organspenden an mehreren deutschen Krankenhäusern sind auch am Universitätsklinikum Leipzig Manipulationen aufgedeckt worden.Transplantationsskandal - Nicht mehr nur Einzelfälle
©dpa
Leipzig. Der medizinische Vorstand des Uniklinikums Leipzig (UKL) kann sich das Motiv für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen nicht erklären. „Ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass kein Geld geflossen ist“, sagte Prof. Wolfgang Fleig am Mittwoch in Leipzig. Soweit er die beschuldigten Ärzte und die betroffenen Patienten kenne, könne er sich eine Bestechung jedoch nicht vorstellen.
Nach bisherigem Stand der Prüfung seien 38 Patienten fälschlicherweise als Dialyse-Fälle ausgewiesen worden, um sie in der Warteliste der Vergabestelle Eurotransplant für Organtransplantationen nach oben zu bringen. „Das ist ein für mich bestürzendes Ergebnis“, sagte Fleig. „Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir ein regelkonformes Verfahren haben.“
Das UKL hat den Direktor der Transplantationsklinik sowie zwei Oberärzte beurlaubt. Nur diese beiden Ärzte hätten die Verantwortung dafür gehabt, wie die Patientenunterlagen ausgefüllt wurden. „Ob Dialyse oder nicht ist ein Kreuzchen am Computer“, sagte Fleig.
Kein Zusammenhang zu Göttinger Organspende-Skandal
Die Manipulationen haben nach aktuellem Ermittlungsstand nichts mit der Göttinger Organspenden-Affäre zu tun. „Konkrete Verbindungen sind derzeit nicht bekannt“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig, Birgit Seel, am Mittwoch. Möglicherweise sei allerdings in Leipzig nach ähnlichen Prinzipien wie in Göttingen vorgegangen worden.
Worum geht es im deutschen Transplantationsskandal?
Bei den Vorwürfen geht es seit Mitte 2012 in erster Linie um die Manipulation von Daten bei Lebertransplantationen. Es könnte sein, dass Ärzte ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben als sie waren. Dadurch kann sich die Reihenfolge auf den Wartelisten für Transplantationen verändern - dringende Fälle werden bevorzugt. Beim Skandal geht es also nicht um fehlerhafte Eingriffe oder Organhandel, sondern um die ethische Frage, welcher Patient zuerst eine neue Chance bekommt.
Welche Kliniken stehen bisher im Verdacht?
Der erste große Verdacht fiel am 20. Juli 2012 auf das Uni-Klinikum Göttingen, kurz danach auch auf Regensburg. Transplantationsmediziner ordneten die möglichen Vorfälle als den bisher größten Skandal in Deutschland ein. Die Frage war, ob es sich um Einzelfälle handelte. Ende September geriet das Münchner Klinikum Rechts der Isar in Verdacht, nun auch das Transplantationszentrum in Leipzig. Dass es mehr Verdachtsmomente gibt, liegt auch an schärferen Kontrollen. Als Folge des Skandals prüfen zwei unabhängige Kommissionen seit September gezielt Lebertransplantationsprogramme.
Was können Motive für Manipulationen sein?
Da die Ermittlungen noch laufen, gibt es nur Spekulationen. Eine Vermutung zielt auf die Honorarpraxis in Kliniken. Neben einem Grundgehalt gibt es dort Möglichkeiten einer zusätzlichen leistungsabhängigen Ärzte-Bezahlung - und damit den Anreiz, möglichst viel zu operieren. Darüber hinaus verdient eine Klinik an Lebertransplantationen viel Geld. Im Fallpauschalen-Katalog sind je nach Beatmungsdauer Summen zwischen 11.000 und 34.000 Euro ausgewiesen. Dazu kommt die Vergütung für den Klinikaufenthalt - meist über einen Monat. Klinikärzte beklagen seit den 1990er Jahren einen Paradigmenwechsel im deutschen Gesundheitswesen - hin zum reinen Ökonomieprinzip. Es gab früher aber auch schon Versuche von Patienten, Ärzte zu bestechen, um schneller an ein Organ zu kommen.
Welche Folgen hat der Skandal?
Die große Furcht ist, dass die Spendenbereitschaft für Organe noch weiter zurückgeht. Rund 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Nach den vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende gab es zwischen Januar und September 2012 aber nur 829 Organspenden - rund 70 weniger als im Vorjahr. Anfang November haben die Krankenkassen mit Informationskampagnen begonnen. Ziel ist es, dass jeder Versicherte eine persönliche Entscheidung trifft. Der Vorstoß gehört zum Gesetz zur Neuregelung der Organspende. Seit August sind Transplantationszentren bereits verpflichtet, Prüfungskommissionen Unterlagen über Vermittlungsentscheidungen zu geben und Auskünfte zu erteilen. Die Kommission muss Erkenntnisse über Verstöße an die Behörden der Länder weiterleiten. (dpa)
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt seit Juni gegen den Ex-Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Er soll mit Hilfe eines anderen Arztes in 23 Fällen Daten so manipuliert haben, dass seine Patienten bevorzugt Spenderlebern erhielten.
Bundesregierung sieht derzeit keinen Handlungsbedarf
Die Bundesregierung sieht im Zusammenhang mit dem neuerlichen Organspende-Skandal in Leipzig zunächst keinen Handlungsbedarf. Eine Sprecherin von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verwies auf Vereinbarungen aus dem vergangenen August, zu denen unter anderem eine Überprüfung aller 47 Transplantationszentren gehöre. Forderungen nach einer unabhängigen Kontrollkommission wies die Sprecherin mit dem Hinweis zurück, dass die Untersuchungen bereits jetzt schon unabhängig stattfänden.
Bislang seien zehn dieser Zentren überprüft worden, von denen einige „Auffälligkeiten“ aufgewiesen hätten. In drei Fällen werde diesen auch nachgegangen. Die Überprüfung finde unangekündigt statt. „Das Ziel ist, möglichst umfassend und transparent zu informieren und aufzuklären“, betonte die Sprecherin.
Ärztekammer rechnet mit weiteren Fällen
Deutlichere Worte kommen vom Präsidenten der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Er rechnet mit weiteren Fällen. „Die Prüfkommission untersucht etwa 140 Transplantations-Programme, was etwa drei Jahre dauern wird. Deshalb rechnen wir damit, dass noch mehr ans Licht kommt“, sagte er „bild.de“. Montgomery versprach außerdem volle Transparenz und eine Aufklärung aller Ungereimtheiten. (dpa, dapd, szo)