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Dienstag, 16.02.2016

Tanz auf den Sandsteinkuppen

Die deutschen Breakdance-Meister entdecken Felswelten im Elbsandstein und Seelenverwandtschaft zu Kletterern.

Von Jochen Mayer

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Doppelte Säulenshow: Philip „Lehmi“ Lehmann spürt auf der zweiten Herkulessäule den nahen Abgrund und die Drohne (l). Kunstvolle Pose: Andre „Lowphat“ Hepke steht auf der Herkulessäule und die Welt kopf. Ein seltener Gipfelmoment (r).
Doppelte Säulenshow: Philip „Lehmi“ Lehmann spürt auf der zweiten Herkulessäule den nahen Abgrund und die Drohne (l). Kunstvolle Pose: Andre „Lowphat“ Hepke steht auf der Herkulessäule und die Welt kopf. Ein seltener Gipfelmoment (r).
  • Doppelte Säulenshow: Philip „Lehmi“ Lehmann spürt auf der zweiten Herkulessäule den nahen Abgrund und die Drohne (l). Kunstvolle Pose: Andre „Lowphat“ Hepke steht auf der Herkulessäule und die Welt kopf. Ein seltener Gipfelmoment (r).
    Doppelte Säulenshow: Philip „Lehmi“ Lehmann spürt auf der zweiten Herkulessäule den nahen Abgrund und die Drohne (l). Kunstvolle Pose: Andre „Lowphat“ Hepke steht auf der Herkulessäule und die Welt kopf. Ein seltener Gipfelmoment (r).
  • Mystische Stimmung: Alexander „Kelox“ Miller beschwört Sonne und Landschaft. Er setzt den spektakulären Video-Schlusspunkt.
    Mystische Stimmung: Alexander „Kelox“ Miller beschwört Sonne und Landschaft. Er setzt den spektakulären Video-Schlusspunkt.
  • Schwerelose Akrobatik: Holger „Killian“ Köhler schwingt auf der Nonne seine Beine wie Turner am Seitpferd. Fotos: Eric Gross/Sebastian Linda
    Schwerelose Akrobatik: Holger „Killian“ Köhler schwingt auf der Nonne seine Beine wie Turner am Seitpferd. Fotos: Eric Gross/Sebastian Linda

Millionenfach staunen Internetnutzer. Die Bilder gehen um die Welt von schrägen Handständen auf zwei fragil wirkenden Felsnadeln im Elbsandstein. Die ungewöhnlichen Posen gehören zu Tanz-Szenen im atemlos machenden Video „Life is a dance“, eine Hommage an den Freistaat. Die Sächsische Schweiz bot dafür extremste Tanzflächen – besonders die winzigen, unebenen Gipfelkuppen der Herkulessäulen. Gut 20 Meter ragen die Naturwunder im Bielatal empor. Die kleinere hat auf der Talseite eine Höhe von 35 Metern.

„Haben die euch mit Helikoptern hochgebracht?“, hören die Gipfeltänzer von The Saxonz oft. „Kein Witz“, erzählt Philip Lehmann. „Wenn wir sagen: ,Wir sind hochgeklettert‘, staunen fast alle.“ So verblüfft wie Kollegen aus aller Welt ist der 28-jährige „Lehmi“, wie es der Dresdner Videokünstler Sebastian Linda schaffte, ihre Tänze einem Millionenpublikum zu kredenzen, weil „es sehr speziell ist, was wir machen“.

Philip Lehmann ahnte nicht, was ihn im Fels erwartet. Keiner ihrer zwölfköpfigen Tanzgruppe war mal geklettert. „Eine super Erfahrung“, schwärmt er nun, „hochzukommen, oben belohnt zu werden von der Natur.“ Auf der Nonne wirbelten sie Saltos und eine Choreographie. Abrutschen verbot sich, Fehler waren tabu. Jetzt weiß Philip Lehmann: „Angst ist etwas Gutes, um seine Grenzen zu überwinden. Angst schärft die Sinne. Dabei beherrschen wir unsere Elemente sicher, auch in der Höhe. Das Vertrauen ist da. Aber wir mussten genau hinschauen, wo wir was wie machen. Fehler hätten tödlich sein können.“

Schon der Aufstieg ein Abenteuer

Auf den unebenen, porösen Kuppen der Herkulessäulen waren keine Pirouetten oder Saltos möglich. Da blieb ein ewig langer Unterarm-Handstand die Höchstschwierigkeit. Allein das Hochkommen war ein Abenteuer für zwei Saxonz-Tänzer. Sie bewegten sich von allen aus der Gruppe am sichersten im Fels. Und doch stockte ihr Atem, als sie einen Grabstein sahen. „Da ist mal ein Seil gerissen“, lautete die schaurige Erklärung der Klettererbegleitung.

Als Nachsteiger kam Lehmi sicher nach oben und staunte: „Logik hatte ich ausgeblendet, Überlebensinstinkte wirkten.“ Auf der scharfkantigen Gipfelfläche gab es kaum Zeit zum Durchatmen, rundum nur Tiefe. Gefühlt zwei Stunden blieben sie oben. In Handstand-Posen mussten sie ständig 30, 40 Sekunden ausharren, bis die Kameradrohne sie umflogen hatte. Es dauerte bis zum perfekten Flug. Einmal spürte Lehmann einen Sog. Die Drohne war ihm durch die gespreizten Beine geflogen.

Der Tanz auf der Felsnadel und der Arbeitsweg waren Grenzerfahrungen, Auseinandersetzungen mit dem Tod. Die Natur hat „Energie und Kraft, die sie uns zurückgeben kann“, schwärmt der Kletternovize. Der Preis ist ein Gefühlsmix, einschließlich Angst. „Das war eine der anstrengendsten Erfahrungen, die ich gemacht habe, bei der ich über meine Grenzen gegangen bin“, gesteht Philip Lehmann. „Aber auch eine der schönsten. Du wirst oben belohnt, hast es aus eigener Kraft auf den Gipfel geschafft.“

Das Video „Life is a dance“ hatte beim vergangenen Bergsichten-Filmfestival Premiere. Es war eine Referenz an Berater und Helfer aus der Szene. „Kletterer sind tolle Typen“, weiß Philip Lehmann nun. „Die haben ähnliche Lebensphilosophien wie wir, sie suchen Freiheit, sind eigenwillig, wollen dahin, wo sie noch nie waren und zeigen ähnlichen Humor. Wir Tänzer fühlten uns mit den Bergsteigern verwandt.“

Philip Lehmann war immer sportbegeistert, in Bewegung. Er rannte, turnte, war ein Energiebündel. Der Film „Beat Street“ 1984, der in der DDR eine Breakdance-Welle auslöste, änderte sein Leben. „Ich wusste sofort: Diese Art, sich zur Musik zu bewegen, das ist es. Cool. Instinktiv entdeckte ich eine super Ausdrucksform und die Art von Bewegung, die mir Spaß macht.“ Zuerst kopierte er die kantigen artistischen Bewegungen. Dann bekam er im Dresdner Jugendklub „Eule“ Grundtechniken beigebracht. 20 begannen, zwei blieben nach zwei Jahren übrig.

Sie gründeten eine Crew, reisten, lernten Gleichgesinnte kennen. „Breakdance bestimmte mein Leben“, gesteht Lehmann. „Ich habe die Schule vernachlässigt, wollte immer neue Elemente lernen, ein guter Tänzer werden.“ In Wettbewerben, den Battles, improvisieren und kommunizieren die Tänzer über Bewegungen. „Man redet miteinander per Körpersprache“, erklärt er. Das passte zur sozialen Ader. Nach dem Fachabitur Richtung Sozialwesen hatte er bei sozialer Arbeit viele Kontakte. Ein Studium brach er ab.

Nun lautet sein Beruf Tänzer. Anfang 2013 fanden sich die besten Sachsen zusammen zu The Saxonz. 2014 wurden sie deutscher Meister, holten erstmals seit 15 Jahren den Titel wieder in den Osten. 2015 verteidigten sie ihn. Das war einer gleichen Formation noch nie gelungen. Ob es den dritten Titelanlauf gibt, ist offen. Jetzt widmen sie sich mehr Theaterprojekten.

Philip Lehmann hat keinen Abschluss als Tänzer, aber eine harte Schule hinter sich. „Wie beim klassischen Tanz fangen wir jung an, brauchen Technikschule, Kraft- und Muskelausbildung wie beim Ballett“, erklärt er und hofft auf mehr Anerkennung seines Freistiltanzens. „Wir drehen uns nicht nur auf dem Kopf, was schön aussieht, auch belächelt wird. Viele ahnen nicht, was dahintersteckt. Ballettausbildung wird staatlich anerkannt, man weiß, wie anstrengend das ist. Doch auch bei uns geht es um extreme Körperbeherrschung.“

Breakdancer bedienen sich am Sport mit Akrobatik- oder Turnelementen und in der Zirkuswelt. Die Besten treiben es immer weiter auf die Spitze. „Wenn Ende der Neunzigerjahre einer auf einer Hand fünf, sechs Drehungen hinbekam, war das utopisch“, sagt Philip Lehmann. „Heute gibt es Tänzer, die drehen 30 Runden auf einer Hand. Im Tanz gibt es keine Grenzen. Noch weiß keiner, wo die Schwierigkeiten aufhören.“ Es gibt physikalische Grenzen, aber sie versuchen die Schwerkraft auszunutzen, wie mit gebändigten Fliehkräften. „Man muss nur die richtige Drehachse finden und beherrschen“, sagt Lehmi leise lächelnd. „Das ist Extremsport.“ Und jeder tanzt seinen eigenen Stil. Jeder hat auch etwas anderes zu sagen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Demokrat

    Im Tanz gibt es keine Grenzen man muß nur die richtige Drehachse finden und ausnutzen. Nun von mir aus kann jeder Tun u. Lassen was er will aber eines ist schon interessant Breakdance ,Hip -Hop , Rapp ect all dies wurde u.wird uns aus den USA importiert .Dort entstand es nicht etwa in Tanzstudios oder Filmfabriken ,sondern in Slams .Man nehme nur den Namen Gangsta Reppa er entstand weil sie neben dem Repp auch Drogenhandel u.Beschaffungskriminalität betrieben.Nun staunen die Menschen wie man auf Felsnadeln Kopfstände macht ,die ich kenne staunen nicht über soviel Spiel mit dem wichtigsten was man hat dem Leben.Über so etwas sollte meiner Meinung eine seriöse Zeitung wenn überhaupt kritisch berichten.Aber so ist unsere Welt Adrenalin bis man entweder Tod ist oder im Rollstuhl wie der junge Mann der in Gottschalks Show vor Jahren über ein Auto sprang was schief ging -

  2. Peter Pelikan

    In Kurzform, @ Demokrat: bis der erste Kasper abschmiert -dann gibt´s den nächsten Artikel in der SZ, da er die Bergrettung selbst bezahlen muß. ...btw.: es waren die "Slums". ;-)

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