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Freitag, 18.03.2016

Stummer Zeuge Fleece-Jacke

Ein Autohaus-Mitarbeiter soll in Pirna einen Überfall vorgetäuscht haben. 18 200 Euro sind weg. Und eindeutige Beweise fehlen auch.

Von Stephan Klingbeil

© ZB

Gerichtsbericht. Fleece ist nicht gleich Fleece: Die Beschaffenheit dieses Stoffs kann von Kleidungsstück zu Kleidungsstück ganz unterschiedlich sein. Im Prozess gegen einen 41-jährigen Ex-Mitarbeiter eines Autohauses in Pirna sorgten nun zwei Gutachten zu einer Fleece-Jacke für Verwirrung. Der Angeklagte trug so eine Fleece-Jacke am frühen Morgen des 28. September 2012. Gegen 5.15 Uhr soll der Mann auf dem Firmenareal des Autohauses an der Heidenauer Straße überfallen worden sein. Zuvor hatte er dort 18 000 Euro aus einem verschlossenen Tresor geholt. Ursprünglich sollte er noch am selben Tag mit dem Zug nach Niedersachsen fahren, um dort ein Auto kaufen. Doch dazu kam es nie. „Ich wurde überfallen, als ich los wollte zum Bahnhof“, erklärte der EDV-Administrator, der für das Unternehmen damals regelmäßig Autos von Kunden abholte. „Die 18 000 Euro hatte ich in den Seitentaschen meiner Hose, die Täter drückten mich zu Boden, rissen die Taschen ab und nahmen das Geld und die 200 Euro für Fahrkosten.“ Zum Schluss hätte man ihn über einen Zaun gehievt. Er sei auf den Rücken gefallen. Dann seien die Täter unerkannt geflohen. Um 5.23 Uhr rief er die Polizei.

Doch recht schnell kamen den Ermittlern Zweifel, ob es den Überfall gab. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Pirnaer vor, den Raub vorgetäuscht zu haben, um das Geld zu behalten. Der zweifache Familienvater, der 2007 Privatinsolvenz angemeldet hatte und erst 2013 wieder schuldenfrei gewesen sei, beteuert weiter seine Unschuld.

Am zweiten Verhandlungstag am Amtsgericht Pirna erklärten nun Sachverständige ihre Gutachten. Das war auch nötig. Denn die Experten – der eine ist Fachmann vom Landeskriminalamt (LKA), der andere Professor für Bekleidungstechnik – hatten die Fleece-Jacke des Angeklagten untersucht. Es sollte geklärt werden, ob dessen Angaben zum Tatverlauf schlüssig sind – und der Mann entlastet werden könnte.

Ein Fall mit Geschmäckle

Doch die Sachverständigen kamen zu verschiedenen Ergebnissen. Der Chemiker vom LKA, der seit über 30 Jahren Mikrospuren untersucht, kam anhand der gefundenen Partikel zu dem Schluss, dass die Tat nicht so stattgefunden haben kann, wie es der Angeklagte geschildert hat. Auf dem Fleece fanden sich viel weniger Spuren von dem Kies am Autohaus, als erwartet. Und nach einem späteren Vergleichstest der Polizei vor Ort mit einer Schaufensterpuppe, die eine ähnliche Fleece-Jacke trug, fanden sich erheblich mehr Spuren des Kieses.

Der Professor stellte aber fest, dass das Fleece durch Gewalteinwirkung bei einem Überfall auch große Teile des Kiesstaubs hätte aufnehmen können, die man später nicht mehr nachweisen könne. So wären die LKA-Untersuchungen quasi für die Katz gewesen. Die Werte wären nicht vergleichbar. Der Experte vom LKA sieht das anders. Für die Staatsanwältin und den Anwalt des Autohauses als Nebenkläger, der sein Geld wieder haben will, waren die Ergebnisse der Fleece-Tests am Ende nicht entscheidend. Sie forderten eine halbjährige Haftstrafe auf Bewährung. Mehrere Indizien würden gegen einen Überfall sprechen. Zudem gab es eine Passantin, die an jenem Morgen wie jeden Tag zur selben Zeit auf dem Weg zur Arbeit war. Der Angeklagte hat sie gesehen. Die Frau bestätigte, sie hätte einen Mann bemerkt. Doch die Zeitangaben der beiden unterscheiden sich. Es geht um Minuten.

Der Verteidigung war das alles zu vage. Es mangele an Beweisen für einen erfundenen Überfall. Das Gericht sah das ähnlich. „Das alles hinterlässt ein Geschmäckle“, betonte die Richterin. Um den Mann aber zu verurteilen, reichten die Indizien nicht aus. Daher sprach das Gericht den Pirnaer frei. Darüber freuen kann sich der Mann indes nicht. Denn nach Informationen der SZ legt die Staatsanwaltschaft Berufung ein.