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Donnerstag, 02.07.2009

Streit um eine Schaukel endet tödlich

Ein Angeklagter tötet eine Zeugin in einem Gerichtin Dresden mit einem Messer. Die Bluttat könnte ein ausländerfeindlichesMotiv haben.

Von Alexander Schneider

Zwei Knirpse mühen sich im Sandkasten ab. Es ist quälend schwül, ein entfernter Donner kündigt ein Gewitter an. Die Mutter nimmt ihre Kinder nun mit nach Hause. Es ist ohnehin niemand da, mit dem man spielen könnte.

Dort zwischen Tischtennisplatte und Schaukel, auf dem kleinen Platz an der Hopfgartenstraße in der Dresdner Johannstadt, hat vor zehn Monaten ein Streit begonnen, der gestern um 10.30 Uhr sein tragisches Ende fand. Gerade 500 Meter entfernt im Landgericht Dresden wurde Marwia E. von einem Angeklagten in einem Prozess niedergestochen. Die 32-jährige Ägypterin wurde vor den Augen ihres Ehemannes und ihres dreijährigen Kindes erstochen.

Am 21. August 2008 hatte Marwia E. mit ihrem Kind auf eben jenem Spielplatz in Dresden-Johannstadt gespielt. Ein Mann kam dazu, Alex W. Das Kind seiner Schwester wollte auf die Schaukel. Es kam zum Streit ums Spielgerät. Alex W. soll die Ägypterin dabei als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpft haben. Vielleicht hatte diese schon damals ihr Kopftuch auf – wie gestern vor Gericht. Denn die 32-Jährige ließ sich das nicht gefallen und zeigte den Täter an.

780 Euro für eine Beleidigung

Im November vergangenen Jahres wurde W., ein 1980 in Perm geborener, arbeitsloser Russlanddeutscher, deshalb am Amtsgericht Dresden zu einer Geldstrafe von 780 Euro verurteilt. Gestern 9.30 Uhr begann schließlich die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Dresden, Saal 10. Dem Vernehmen nach hatte die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel eingelegt, weil ihr das Urteil zu milde erschien. W., der zuvor nicht anwaltlich vertreten worden war, wurde nun Markus Haselier als Pflichtverteidiger beigeordnet. Die 12. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Tom Maciejewski hatte ihn dazu verpflichtet – wegen der Unfähigkeit des Angeklagten, sich selbst zu verteidigen, wie es hieß.

Doch genau nach einer Stunde eskalierte der Prozess: Als Marwia E. als Zeugin aussagte, zog W. plötzlich ein Messer, stürzte sich auf die Frau und stach auf sie ein. Sie habe kein Recht, zu leben, soll der Täter gerufen haben.

Dachte der Angeklagte, die Frau wollte ihn ins Gefängnis bringen? Hat er sie deshalb mit einem Messer, das er offenbar mitgebracht hatte, angegriffen? Auch ihr Ehemann Ali E. soll von W. am Hals verletzt worden sein, ehe Richter Maciejewski aus dem Saal rannte und „Weg hier, der hat eine Waffe!“ rief.

„Wir haben einen Schrei gehört“, sagt Thomas Schmidt. Der 43-Jährige saß im Nachbarsaal als Zuschauer in einem anderen Prozess. „Es war ein komischer Schrei, wir haben uns alle angeguckt.“ Plötzlich riss ein Polizist die Tür auf, rief seinem Kollegen, der als Zeuge vernommen wurde, zu: „Gib mal deine Waffe her, da vorne ist eine Schlägerei!“, berichtet der Augenzeuge. Der Beamte sei sofort mit gezogener Pistole hinausgestürmt. Schmidt: „Wir mussten drin bleiben. Plötzlich fiel ein Schuss.“ Schmidt sah später vor dem Saal 10 eine große Blutlache und eine Person auf einer Trage.

Justiz steht unter Schock

Trotz der schnellen Reaktion konnte der Bundespolizist mit der Pistole die Bluttat nicht mehr verhindern. Marwia E. erlag ihren schweren Verletzungen. Ihr ebenfalls verletzter Ehemann soll von der Polizeikugel getroffen worden sein. Richter Maciejewski, die Staatsanwältin, Verteidiger Haselier – sie alle seien schwer traumatisiert, heißt es. Offenbar wurden neben dem Ehepaar weitere Menschen verletzt. Auch Haselier hatte einen zerrissenen Kragen. Er hatte sich in dem Tumult einen Stuhl gegriffen und auf seinen Mandanten geworfen. Im Gerichtsgebäude wurde Amok-Alarm ausgelöst. Sämtliche Mitarbeiter wurden aufgefordert, sich in ihren Räumen einzuschließen. Ein Dutzend Rettungswagen traf ein, der Rettungshubschrauber brachte eine verletzte Person in eine Klinik.

Justizminister Geert Mackenroth (CDU) sprach von einer Tragödie. „Mein Mitgefühl gilt dem Opfer und seinen Angehörigen. Wir werden alles tun, um Motiv und Hintergründe der Tat aufzuklären.“ Am Nachmittag wurden alle Prozesse abgesagt. Christian Avenarius, Sprecher der Staatsanwaltschaft: „Wir stehen unter Schock.“