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Samstag, 26.03.2016

Selbst denken!

Woran liegt es, dass viele Sachsen mit der Demokratie fremdeln? Läuft da etwas falsch in den Schulen? Vier Lehrerinnen machen sich Gedanken über die politische Bildung.

Von Carola Lauterbach

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Vier, die immer wieder Lehrerin werden würden: Franziska Schulze, Heike Nitzsche, Heidemarie Radecker und Katrin Wendland (v. l.) an der 128. Oberschule in Dresden.
Vier, die immer wieder Lehrerin werden würden: Franziska Schulze, Heike Nitzsche, Heidemarie Radecker und Katrin Wendland (v. l.) an der 128. Oberschule in Dresden.

© Jürgen Lösel

  • Vier, die immer wieder Lehrerin werden würden: Franziska Schulze, Heike Nitzsche, Heidemarie Radecker und Katrin Wendland (v. l.) an der 128. Oberschule in Dresden.
    Vier, die immer wieder Lehrerin werden würden: Franziska Schulze, Heike Nitzsche, Heidemarie Radecker und Katrin Wendland (v. l.) an der 128. Oberschule in Dresden.
  • Franziska Schulze: Erst seit vier Monaten ist die 37-Jährige als DAZ-Lehrerin (Deutsch als Zweitsprache) an der Reicker Oberschule. Als DAF-Lehrerin (Deutsch als Fremdsprache) hat sie bislang vorrangig Erwachsene unterrichtet. Sie stammt aus Sachsen und hat bereits in China, Neuseeland und auf den Philippinen gearbeitet – unter anderem für den Deutschen Akademischen Austauschdienst.
    Franziska Schulze: Erst seit vier Monaten ist die 37-Jährige als DAZ-Lehrerin (Deutsch als Zweitsprache) an der Reicker Oberschule. Als DAF-Lehrerin (Deutsch als Fremdsprache) hat sie bislang vorrangig Erwachsene unterrichtet. Sie stammt aus Sachsen und hat bereits in China, Neuseeland und auf den Philippinen gearbeitet – unter anderem für den Deutschen Akademischen Austauschdienst.
  • Katrin Wendland: Sie kommt aus Mecklenburg-Vorpommern. Die 128. Oberschule ist für die heute 31-Jährige die erste Schule, in der sie seit fünf Jahren als Lehrerin für Deutsch und Geschichte unterrichtet. Ihr Referendariat absolvierte sie in Radeberg. Sie ist Klassenlehrerin einer 9. Klasse.
    Katrin Wendland: Sie kommt aus Mecklenburg-Vorpommern. Die 128. Oberschule ist für die heute 31-Jährige die erste Schule, in der sie seit fünf Jahren als Lehrerin für Deutsch und Geschichte unterrichtet. Ihr Referendariat absolvierte sie in Radeberg. Sie ist Klassenlehrerin einer 9. Klasse.
  • Heike Nitzsche: Seit 1990 unterrichtet die aus Brandenburg stammende Lehrerin in Dresden überwiegend Gemeinschaftskunde, seit neun Jahren an der 128. Oberschule. Die 54-Jährige gehört seit 2002 zum derzeit fünfköpfigen Team von Demokratiepädagogen für Sachsens Schulen, wofür sie auch eine Zusatzausbildung absolviert hat.
    Heike Nitzsche: Seit 1990 unterrichtet die aus Brandenburg stammende Lehrerin in Dresden überwiegend Gemeinschaftskunde, seit neun Jahren an der 128. Oberschule. Die 54-Jährige gehört seit 2002 zum derzeit fünfköpfigen Team von Demokratiepädagogen für Sachsens Schulen, wofür sie auch eine Zusatzausbildung absolviert hat.
  • Heidemarie Radecker: Die 62-Jährige ist Lehrerin für Mathematik und Geografie. Seit 1992 hatte sie an verschiedenen Dresdner Schulen das Amt einer stellvertretenden Schulleiterin inne. Seit acht Jahren übt sie es an der 128. Oberschule in Dresden-Reick aus. Zurzeit unterrichtet sie überwiegend Mathematik.
    Heidemarie Radecker: Die 62-Jährige ist Lehrerin für Mathematik und Geografie. Seit 1992 hatte sie an verschiedenen Dresdner Schulen das Amt einer stellvertretenden Schulleiterin inne. Seit acht Jahren übt sie es an der 128. Oberschule in Dresden-Reick aus. Zurzeit unterrichtet sie überwiegend Mathematik.

Dass ein Teil der Sachsen empfänglicher für Populisten ist als andere Landsleute, lässt sich nicht wegdiskutieren. Woran das liegt, ist selbst für Soziologen noch ein sehr weites Feld intensiver Erforschung. Ihnen fehlt der bei Westdeutschen stärker verinnerlichte Glaube an das politische System dieser Republik, sagen die einen.

Es liegt an der Befindlichkeit derer, denen vor über 25 Jahren ein neues System übergestülpt wurde und die dabei zu wenig mitgenommen wurden, urteilen andere. Es liegt an der Abschottung des Systems, das bis 1989 hier bestand und/oder am fehlenden Westfernsehen, wird gern zur Erklärung herangezogen. Und manche sagen auch: Es liegt an der politischen Bildung in der Schule. Welcher? Der früher? Oder der jetzt? Und liegt es damit also auch an den Lehrern? Wie denken diese, wenn sie so etwas hören? Was macht das mit ihnen?

Vier Lehrerinnen der 128. Oberschule in Dresden-Reick, da, wo viele Plattenbauten stehen und noch mehr abgerissen wurden, haben sich beherzt auf das Gespräch mit der SZ eingelassen.

In Sachsen gibt es offensichtlich ein zivilgesellschaftliches Problem. Hat die Schule daran einen Anteil?

Heidemarie Radecker: Das Thema beschäftigt uns wirklich. Schule hat damit ganz sicher etwas zu tun. Aber sie ist auch nur ein Teil. Ich meine, als das mit Pegida losging, sind viel mitgelaufen und wussten eigentlich nicht, warum. Gegen die Islamisierung! Das hat Sachsen gespalten. Das geht mitten durch Familien, die nicht mehr miteinander reden können. Nun schauen Sie sich unsere Schule an. Seit Anfang des Jahres haben wir hier eine DAZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache, d. Red.). Da werde auch ich in meinem Umfeld gefragt: Habt ihr denn da keine Angst, bekommt ihr da keine Probleme? Unsere Schüler, das sage ich ganz klar, haben damit null Probleme. Im Gegenteil, sie sind neugierig. Sie haben die Flüchtlingskinder erwartet, sie bieten ihnen Unterstützung an. Andererseits bekommen wir schon mal Anrufe von Eltern, die fragen: Wie können Sie die Sicherheit meines Kindes garantieren, wenn Sie so viele Flüchtlingskinder im Haus haben? Das ist für mich so ein Punkt: Es wird eben viel von außen in die Schule getragen.

Heike Nitzsche: Wir haben im letzten Jahr in Klasse 10 eine fächerverbindende Unterrichtswoche zum Thema Globalisierung durchgeführt. Dabei haben die Schüler herausgearbeitet, dass Kinder von vier Kontinenten und 23 Nationen an unserer Schule lernen. Das fanden sie einerseits ziemlich cool, andererseits auch völlig normal. Inzwischen stelle ich fest, welche Einflüsse „von außen“ auf unsere Schule wirken. Das hat mich zu dem Entschluss gebracht: Du kannst in Gemeinschaftskunde nicht einfach den Lehrplan abarbeiten. Du musst auf das eingehen, was rings um uns, auch international, passiert. Und bei diesen Diskussionen, da gebe ich meiner Kollegin recht, stellt es sich immer wieder heraus: Es sind nicht die Schüler, die ein Problem mit der aktuellen Situation haben. Die sind unheimlich aufgeschlossen, möchten so viel wissen und diskutieren, und sie brauchen dafür Zeit. Ich kann meine Schüler nicht in ihrer Haltung beeinflussen, aber ich will sie sensibilisieren. Dass sie Probleme wahrnehmen, darüber reden ...

Katrin Wendland: ... selbst denken, fordere ich meine Schüler immer auf ...

Heike Nitzsche: Genau. Nur, bei der von mir beschriebenen Herangehensweise braucht man wirklich Zeit. Ja, ich hätte gern mehr Zeit. Sehen Sie. Das Fach Gemeinschaftskunde wurde in Sachsen schon vor Jahren in Klassenstufe 8 gestrichen.

Heidemarie Radecker: Die Stunden wurden für andere Fächer gebraucht.

Heike Nitzsche: Ja, aber nun habe ich die Schüler des Hauptschulbildungsgangs in Klasse 9 gerade noch ein halbes Jahr, dann fangen schon deren Prüfungen an. Was es uns auch nicht leichter macht, ist, dass im Zuge von Lehrplanreformen Inhalte aus einem Fach heraus und in ein anderes hineingepackt wurden. Da gehen Zusammenhänge für Schüler verloren. Welche Rolle spielt die Familie für die Demokratieerziehung – wird etwa in Ethik behandelt, der Einfluss der sozialen Marktwirtschaft auf die Familie, auf die eigene Entwicklung, im Fach WTH (Wirtschaft/Technik/Hauswirtschaft).

Die Schulen haben ja die Freiheit, fächerübergreifend zu unterrichten ...

Heidemarie Radecker: Die haben wir, und wir praktizieren das auch. Aber meine Kollegin hat ja gerade erklärt, wie viel intensiver wir das heute tun müssten. Ich sage ehrlich, dafür braucht es mehr Lehrer.

Franziska Schulze: So etwas geht nicht von jetzt auf gleich, das braucht sehr viel Vorbereitung. Das habe ich bei meinen Auslandseinsätzen hautnah erlebt, wo das erprobt wurde.

Katrin Wendland: Es wäre gut, wenn wir in viel größerem Stil fächerübergreifend arbeiten könnten. Keine Frage. Aber dafür braucht man wirklich Zeit und Kraft. Das sage ich im Bewusstsein, ja eine der Jüngeren im Kollegium zu sein, wie mag es da erst den Älteren gehen? Wir hatten im letzten Jahr viele krankheitsbedingte Ausfälle von Kollegen, das heißt für die anderen viel Vertretung. Das ist realer Schulalltag. Das wird aber immer zu wenig berücksichtigt. Ich sähe es zum Beispiel als notwendig an, im Unterricht mal sehr gezielt geopolitische Themen aufzugreifen. Um zu analysieren: Warum kommen die Menschen gerade von dort, wo sie jetzt herkommen? Was hat das mit unserer Politik, mit unserer Wirtschaft, mit uns zu tun? Wo kommen in diesen Ländern die Steuern her – aus der Tabakindustrie oder aus dem militärischen Bereich? Damit lassen sich Fluchtursachen viel anschaulicher erklären. Da kommt mehr rum bei den Schülern. Darum muss es uns ja gehen.

Wie offen sind Sie als Lehrerinnen, Ihre eigene Meinung zu aktuellen Problemen in der Schule zu äußern?

Heidemarie Radecker: Schule sollte kein politischer Ort sein, wurde uns nach der Wende eingeimpft. Das war ganz heiß damals. Wenn ich zurückdenke: Es ist schon so, dass ich mich im Geografie-Unterricht zu bestimmten Themen mit meiner Meinung zurückgehalten habe. Es war nicht gewünscht, seine Meinung zu offenbaren. Dazu hat es ja 1999 einen Erlass gegeben, der, wie uns nun mitgeteilt wurde, seit ein paar Tagen gekippt ist. Jetzt ist politische Meinung ausdrücklich gewünscht. Ich fürchte, das geht nicht so ad hoc, viele Kollegen werden sich weiter davor scheuen.

Heike Nitzsche: Ich hab mir darüber nie so viele Gedanken gemacht, wahrscheinlich bin ich sogar naiv rangegangen. Obwohl ich mich in den ersten Jahren schwer damit getan habe, Gemeinschaftskunde zu unterrichten. Ich meine, man kann Schüler nur zum demokratischen Handeln erziehen, wenn man ihnen das vorlebt. Wir haben zum Beispiel im Unterricht eine Partei gegründet und ein Parteiprogramm erarbeitet. Wir sind in den Landtag gegangen. Immer im schmalen Zeitbudget, das für mein Fach zur Verfügung steht …

Ist das mit der eigenen Meinung vielleicht ein Generationsproblem?

Karin Wendland: Mag sein. Ich halte mich aber mit meiner persönlichen Meinung zunächst insofern zurück, dass ich die Schüler eher anleite, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Dafür ermutige ich sie zu Pro- und Kontra-Diskussionen. Aber natürlich fragen einen die Schüler mitunter auch direkt: Und, was sagen Sie dazu? Dann bin ich auch ehrlich. Ihnen in dem Fall eine Antwort schuldig zu bleiben, wäre dem Ganzen nicht zuträglich. Selbst auf die Gefahr hin, dass die Schüler ein Problem mit meiner Meinung haben. Das stellen wir tatsächlich fest: Es gibt zunehmend Schüler, die sich außerordentlich schwer damit tun, andere Meinungen zu akzeptieren.

In Sachsen ist Rechtsextremismus ein ernstes Problem. Macht der gemeinsame Unterricht von deutschen Kindern und Migranten dagegen immun?

Franziska Schulze: Das wäre schön. Aber dafür würde ich meine Hand natürlich nicht ins Feuer legen wollen. Er sensibilisiert die Kinder, das auf jeden Fall. Sie trauen sich nach und nach, mehr zu fragen und übereinander zu erfahren. Und, das muss auch mal gesagt werden. Die Kinder, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen, sehen in der Schule einen Ort, der ihnen Sicherheit und wieder eine Struktur im Alltag gibt. Sie wollen lernen. Das hat eine Vorbildwirkung für manche deutsche Schüler, die eher so eine Null-Bock-Mentalität haben.

Sie, Frau Schulze, haben Auslandserfahrungen gesammelt. Und zu Hause erleben Sie Ausländerfeindlichkeit ...

Franziska Schulze: Das war tatsächlich ein Schock. An unserer Schule erlebe ich das aber wirklich nicht. Ich hab für mich versucht, diesen Hass und die Übergriffe mal zu reflektieren und zu analysieren. Dabei bin ich nicht umhin gekommen festzustellen: Das muss etwas hier Gewachsenes sein. Es ist auch bitter festzustellen, dass mir sehr nahestehende Menschen zu Pegida gehen würden. Meine eigene politische Bildung habe ich mir eher in der eigenen Arbeit, mit Projekten im In- und Ausland angeeignet und weniger früher selbst im Unterricht Gemeinschaftskunde. Aber das mache ich nicht den Lehrern zum Vorwurf, ich hab mich zu wenig interessiert.

Machen wir noch einen Versuch zu ergründen, warum Sachsen vielfach anders tickt?

Heidemarie Radecker: Aus Angst vor dem Unbekannten. Vor dem, was sie nicht haben möchten, weil sie es nicht kennen. Mir selbst reicht das als Erklärung überhaupt nicht, aber ich habe keine andere.

Katrin Wendland: Aus einer diffusen Angst, dass ihnen etwas genommen wird.

Heike Nitzsche: Ich sag meinen Schülern immer, ein bisschen ist Dresden ein Dorf in der Provinz. In Berlin oder Hamburg ist anders auszusehen normal. Was wir als Schule, als Lehrer, tun können und müssen ist, die Kinder, die zu uns kommen, gut zu integrieren. Sie nicht ständig als das Besondere hinzustellen, sie aber auch zu Wort kommen lassen. Über Essen, Mode, Alltagsfragen. Dann merken wir, dass wir alle einander gar nicht so unähnlich sind.

Schule müsste tatsächlich viel leisten können. Sie müssten es können ...

Katrin Wendland: Darüber sprechen wir sehr oft.

Heidemarie Radecker: Ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind. Sicher geht noch mehr. Vieles liegt bei uns.

Katrin Wendland: Stimmt. Aber meist landen wir bei diesen Gesprächen bei den Rahmenbedingungen, zu denen auch die Lehrpläne gehören. Nehmen Sie mein Fach Geschichte: Wenn die Schüler Zeit hätten, sich in Klasse 8 und 9 mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, wäre das von ihrer Reife her besser. Jetzt steht das in Klasse 8 auf dem Plan. Ich hab das Gefühl, die wenigsten haben sich bis dahin mit ihrem eigenen Leben auseinandergesetzt. Wie sollen sie sich da mit einem Schicksal anderer in dem Ausmaß auseinandersetzen? Es wäre gut, das bis in die 9 ziehen zu können. Das ist aber nur ein Aspekt. Ein anderer, sehr realer, sind Klassenstärken. Wenn die Flüchtlingsschüler schrittweise in die Klassen integriert werden, sind die Klassen irgendwann randvoll. Was, wenn dann ein deutscher Schüler eine Klasse wiederholen muss und aus Platzgründen an eine andere Schule geschickt werden muss? Leistet so etwas nicht dem Vorurteil Vorschub: Ja, für die Flüchtlinge ist Platz?

Noch etwas möchte ich hier loswerden. Die ganze Situation, die uns so bedrückt, hat keinen rein politischen oder gar schulischen Hintergrund, eher einen solidarischen. Einander achten, denen helfen, denen es schlechter geht, Zivilcourage beweisen. Ich meine das gar nicht allein auf die Flüchtlingsproblematik bezogen. Mal dazwischen gehen, wenn in der Bahn jemand angepöbelt oder mutwillig etwas zerstört wird. Wenn ich aufstehe, um etwas dagegen zu unternehmen, wünschte ich mir sehr, dass dann jemand hinter mir steht. Dessen kann ich mir aber nicht mehr sicher sein. Es wird zu oft weggeguckt.