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Donnerstag, 07.12.2017

Schwarzkittelblues am Borsberg

Wildschweine lassen sich nicht gern erschießen. Auch beim großen Treiben im Graupaer Revier mogeln sie sich durch.

Von Jörg Stock

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René Klabes (45) wartet auf die Gelegenheit zum Schuss. Die große Treibjagd neulich am Borsberg sollte vor allem die Wildschweine dezimieren.
René Klabes (45) wartet auf die Gelegenheit zum Schuss. Die große Treibjagd neulich am Borsberg sollte vor allem die Wildschweine dezimieren.

© Marko Förster

  • René Klabes (45) wartet auf die Gelegenheit zum Schuss. Die große Treibjagd neulich am Borsberg sollte vor allem die Wildschweine dezimieren.
    René Klabes (45) wartet auf die Gelegenheit zum Schuss. Die große Treibjagd neulich am Borsberg sollte vor allem die Wildschweine dezimieren.
  • Trotz emsigen Einsatzes der Treiber liefen neben einigen Rehen und Füchsen nur zwei Schweine ins Feuer.
    Trotz emsigen Einsatzes der Treiber liefen neben einigen Rehen und Füchsen nur zwei Schweine ins Feuer.
  • Förster Michael Blaß will beim Schwarzwild am Ball bleiben.
    Förster Michael Blaß will beim Schwarzwild am Ball bleiben.

Mühsam ist der Weg zum Hochsitz. Der Matsch des Graupaer Bachs saugt an den Stiefeln. Doch die Mühe soll sich lohnen. An dieser Stelle hat es bisher immer „geraucht“, sagen die Jäger. René Klabes hält inne, zeigt auf den zerfurchten Boden: Wildschweinfährten. Sehr viele, bestimmt von letzter Nacht. Die Frischlinge dürften jetzt schon um die 30, 40 Kilo wiegen, sagt er. „Da hat man ordentlich was zu essen.“

Es ist früh um neun. Regengewölk klebt in den Baumkronen am Borsberg, während mehr als 80 Schützen ihre Stellungen beziehen. 55 Gewehrträger bietet allein der Staatsforst auf. Leise, ganz ohne Hörnerklang, sind die Jäger diesmal losmarschiert. Michael Blaß, der Revierförster, wollte ein Aufhorchen beim Wild auf jeden Fall vermeiden. Wenn es die Hörner vernähme, würde es sich schnell verdrücken.

Vor allem auf die Wildschweine hat es Michael Blaß mit dem Großaufgebot abgesehen. In Graupa, das am Fuße des Borsbergs liegt, verursachen die Schwarzkittel immer wieder beträchtliche Schäden. Sie brechen die Straßenränder auf und fallen in Privatgärten ein, wo sie Wiesen umackern und Kartoffeln und Wintergemüse aus den Beeten holen. Doch Jagen ist in Siedlungen nicht möglich. Im Wald geht es gut los: Wir haben noch nicht mal den Hochsitz erreicht, da kommt ein Reh angesprungen. Wohl erschreckt durch den Trubel, ist es so sehr mit Flüchten beschäftigt, dass es uns fast umrennt. Nicht ungewöhnlich für den Beginn einer Treibjagd, sagt René Klabes. Man muss vom ersten Moment an aufpassen. Einmal hat er in der ersten halben Stunde ein Reh und sechs Wildschweine erlegt. Er steigt auf den Holzturm und lädt seine Waffe. In der Ferne knallt es schon. Womöglich ist die Flucht des Rehs doch nicht geglückt.

Regen, Salbei und Red Bull

Halb zehn. Jetzt gehen die Treiber los. Aufmerksam schaut René Klabes ins Terrain. Vor 24 Jahren hat er seinen Jagdschein gemacht, damals, im Forststudium, und noch immer spürt er diese freudige Erwartung. „Man steht die ganze Zeit unter Spannung“, sagt er. Die Nässe stört ihn kaum. Doch das Rascheln der Tropfen im Buchenlaub stresst das Gehör. Ist es ein Schauer, losgeschüttelt durch einen Windhauch, oder eine Rotte Sauen?

Der Landkreis Sächsische Schweiz-Ost-
erzgebirge ist Wildschweinland. Um die 4 000 Stück werden jährlich erlegt. Im letzten Jagdjahr lag der Abschuss pro Quadratkilometer statistisch gesehen bei 2,7 Tieren. Sachsenweit hatte nur der Vogtlandkreis mehr aufzuweisen. Endlose Schläge voll Raps und Mais bieten den Schwarzkitteln fast das ganze Jahr Nahrung und Deckung. Auch der Wald wird durch Nachwuchs immer undurchsichtiger. René Klabes hat Glück, dass die kleinen Buchen vor seinem Hochsitz ihr Laub bereits abgestoßen haben. Drei Schüsse. Und ganz nah, oberhalb der Schlucht. Sollten die Treiber schon eine Rotte aufgescheucht haben? Die Schussfolge spräche dafür, sagt René Klabes. Da oben gibt es dichten Fichtenverhau, wo die Schweine bei Regenwetter gern hineinkriechen. Ein Fuchs taucht auf. Er wäre ein leichtes Ziel. René Klabes lässt ihn ziehen. Die Tollwut ist ausgestorben, und die Kürschner sind es praktisch auch. Ihm nützt der Rotpelz nichts, aber er wird dem Wald nützen, wenn er Mäuse frisst.

Klabes muss weiter warten. Der Regen legt zu. Die Kälte kriecht in die Klamotten. Der Jäger ist gewappnet, mit einem ganzen Liter Salbeitee und Red Bull. Krank zu werden kann er sich nicht leisten. Bald will er nach Monaco, zur Champions-League. Als gebürtiger Leipziger und einstiger Fußballer ist er ein glühender RB-Fan. Die Uhr läuft. Ab und zu grollen Schüsse, kläffen Hunde. Die anderen haben scheinbar mehr Glück als wir. René Klabes ist nicht sauer, als er das Gewehr entlädt und die Leiter herabsteigt. Er wird noch ein paar Jagden mitmachen in diesem Winter. „Das gleicht sich wieder aus.“ Beim Wagen finden wir eine frische „Wildschweinautobahn“. Im Gespräch mit den anderen Jägern kommt heraus: Eine elfköpfige Rotte hat uns rechter Hand passiert. Auch die anderen hatten kaum Erfolg. Auf der Strecke liegen, neben sieben Rehen und zwei Füchsen, nur zwei Wildschweine. Dabei müssen den Sichtungen zufolge an die 40 Schweine im Gelände gewesen sein. „Die Viecher werden immer cleverer“, sagt einer am Lagerfeuer.

Sind Wildschweine schlauer als andere Tiere? Jedenfalls sind sie lernfähiger, sagt der Wildökologe Sven Herzog, Professor an der Fachrichtung Forst in Tharandt. Das liegt an ihrer Sozialstruktur. Erfahrene Tiere geben ihr Wissen weiter. Hat es an einer Ecke oft geknallt, wird die Gegend gemieden. Jede erfolglose Drückjagd steigert den Lerneffekt, sagt der Forscher.

Michael Blaß, der Revierförster vom Borsberg, ist unzufrieden, auch wenn die Jäger in der Nachbarschaft als „Absahner“ des Treibens vier weitere Wildschweine erlegen konnten. Er kündigt den Schwarzkitteln Revanche an. „Wir müssen eine Kohle zulegen“, sagt er, „das geht so nicht.“

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