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Dienstag, 09.06.2015

Schulprojekt „Liebe bekennt Farbe“ - Alles darf gefragt werden

Die Sexualaufklärung von Jugendlichen gilt manchen als heikles Thema. Sollte in einer offenen Gesellschaft über alles offen geredet werden dürfen? Aufklärungsbedarf gibt es nach wie vor.

Von Luise Binder

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Eine Schülerin in einer Schule im Sexualkundeunterricht neben Anschauungsmaterial (Symbolfoto).
Eine Schülerin in einer Schule im Sexualkundeunterricht neben Anschauungsmaterial (Symbolfoto).

© dpa

Leipzig. Schon der Raum zeigt: Heute ist kein normaler Schultag. Die Achtklässler sitzen in der Mitte des Zimmers im Kreis. So, dass jeder jeden sehen kann - auf Augenhöhe. Die Blicke bleiben aber erstmal an den Boden geheftet. Lehrer sind bei dieser Lehrstunde der besonderen Art nicht dabei. Stattdessen sitzen drei junge Erwachsene mit den Schülern im Raum. Einer von ihnen ist Nick, 25 Jahre alt, sehr schmal und dünn. Die Haare sind dunkel und kurz geschnitten. Nick kann mit den Personalpronomen sie und er nichts anfangen. Die können nicht ausdrücken, was Nick empfindet oder wer Nick ist.

„Ich rede mit meiner Mutter über alles, aber das ist ein Tabu-Thema“, sagt der 14-jährige Paul. Er besucht die 8. Klasse im Leipziger Werner-Heisenberg-Gymnasium. Für diese Klassenstufe steht auch das Thema sexuelle Identität auf dem Lehrplan - mehr oder weniger. In Sachsen teilen sich mehrere Fächer die Sexualerziehung. Biologie, Ethik und Religion sollen sich dem heiklen Thema widmen. Inwieweit die Schüler am Ende wirklich über Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität aufgeklärt werden, bleibt in den Klassenräumen. Kaum jemand spricht darüber.

Andrea Bode ist Lehrerin am Heisenberg-Gymnasium und für fächerübergreifenden Unterricht verantwortlich. Anfangs habe es zu einer Projektwoche zur sexuellen Identität unterschiedliche Stimmen im Lehrerzimmer gegeben: „Es tauchte auch die Meinung auf, man sei dafür nicht verantwortlich“, sagt Bode. Die Lehrerin weiß, dass Schüler nicht alle ihre Fragen an einen Lehrer richten wollen, genauso wenig wie an die Eltern. Von einem Kollegen kam der heiße Tipp: Lade die RosaLinde ein - einen Verein, der sich für Lesben, Schwule, Bi-, Trans-, Inter- und Asexuelle einsetzt. Der Verein bietet Schulprojekte unter dem Motto „Liebe bekennt Farbe!“ an.

Aus einer kleinen Dose zieht eine Schülerin ein Kärtchen mit der Aufschrift „Intergeschlechtlichkeit“. Zuvor sollten andere schon Begriffe wie Homo-, Hetero- und Bisexualität erklären. Nun wird es schwieriger. Lateinkenntnisse helfen. „Inter - also irgendetwas dazwischen“, sagt eine Klassenkameradin. „Das meint vielleicht, wenn nicht genau erkennbar ist, welches Geschlecht man hat“, kommt eine Schülerin zu Hilfe. Bei „Asexualität“ blicken die RosaLinde-Leute in ratlose Gesichter. „Das heißt, dass Menschen kein oder wenig sexuelles Verlangen haben“, erklärt Christoph Haas. Er gehört wie Nick H. zu den Mitstreitern von RosaLinde. Eines wird schnell klar: Sexualität ist bunt.

Mann, Frau, homo oder hetero?

Ein Junge soll sagen, ob die Person auf dem Foto Mann, Frau, homo oder hetero ist? Er zuckt mit den Schultern. Seine Wahl scheint klar. „Ich habe einen Mann und der ist hetero.“ Wie kommt er darauf? „Weil der Mann Muskeln hat.“ Immer mehr Bilder sammeln sich auf dem Boden. Stefanie Krüger, Leiterin des Projektes „Liebe bekennt Farbe!“, korrigiert am Ende und sagt, wer auf den Fotos zu sehen ist. Der vermeintliche Mann mit Muskeln ist Balian Buschbaum, bis 2007 bekannt als erfolgreiche Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum. Beinahe jedes Foto birgt Überraschungen, die Schüler begreifen: Sexuelle Orientierung und Identität lassen sich nicht zwangsläufig am Äußeren festmachen. Fast alle Bilder hat die Klasse falsch zugeordnet.

Seit drei Jahren machen die Mitarbeiter von RosaLinde nun schon am Heisenberg-Gymnasium besondere Aufklärungsarbeit. „Im Kern leisten wir Antidiskriminierungsarbeit mit sexualpädagogischen Anteilen“, sagt Stefanie Krüger. Mit ihrem Wirken haben sie nicht nur die Lehrer überzeugt. „Die Leute von der RosaLinde können das besser vermitteln als Lehrer“, sagt Paul. Seiner Klassenkameradin Ella geht es genauso. Und: „Ich finde nicht, dass wir zu jung für das Thema sind.“ Schließlich erzählten die Ehrenamtlichen, dass sie selbst im gleichen Alter waren, als sie sich das erste Mal verliebten - und zwar in das eigene Geschlecht.

„Das betrifft doch aber mein Kind nicht“ - mit solchen Sätze bemühen sich manche Eltern, das Thema sexuelle Vielfalt aus den Lehrplänen raus zu halten, zuletzt lautstark in Baden-Württemberg. Krüger widerspricht: „Man kann die Sexualität von Menschen schlecht messen oder prüfen. Nach Umfragen und unserer Erfahrung sind zwischen fünf bis zehn Prozent der Schüler einer Klasse nicht-heterosexuell oder transgeschlechtlich“, sagt die Pädagogin. Diese Schüler will das Projekt stark machen und eine Anlaufstelle bieten.

„Ich habe mich damals auch allein gefühlt und konnte mit niemanden reden“, verrät Nick. „Ich wusste nicht wie ich das Gefühl einordnen sollte. War ich etwa verliebt?“ Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler sei zwar heterosexuell, doch das mache die Arbeit des Vereins in den Schulen nicht sinnlos, sagt Krüger. „Diese Schüler wollen wir für die Belange anderer sensibilisieren.“ Denn das Wort „schwul“ ist nach wie vor auf den Pausenhöfen zu hören - als Beleidigung. Ganz am Ende lassen sich Krüger, Haas und Nick von den Kindern einordnen. Auch das geht nicht ohne Missverständnisse ab. Für die Betroffenen ist das kein Problem. In ihrem Unterricht darf alles gefragt werden. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Dieter.Gieseking

    Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel. Sexuelle Vielfalt gehört auf diese Weise vorgetragen und diskutiert in die Schulen. Weiterhin viel Erfolg ...

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