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Mittwoch, 16.08.2017

Schmeckt’s? Nein, danke.

Familie Sido aus Syrien mag vieles in Deutschland. Nur ans Essen können sich die vier nicht gewöhnen.

Von Olaf Kittel

Familie Sido beim Einkauf im Supermarkt: Viel passt nicht in die gewohnte Ernährung. Und an der Fleisch- und Wursttheke gehen sie ohnehin vorbei.
Familie Sido beim Einkauf im Supermarkt: Viel passt nicht in die gewohnte  Ernährung. Und an der Fleisch- und Wursttheke gehen sie ohnehin vorbei.

© Thomas Kretschel

Ihre Gastgeber hatten sich viel Mühe gemacht und ein kleines Menü für Familie Sido gekocht, typisch deutsch natürlich. Die Markknödelsuppe verspeisten sie mit Appetit, aber bei Roulade – selbstverständlich vom Rind – mit Rotkraut und Klößen wurde es schwierig. Sie stocherten, schoben vorsichtig beiseite, deckten mit der Serviette zu. Erleichtert tauschten sie ihre Teller gegen den Nachtisch.

Was sich schon in den Erstaufnahmelagern abzeichnete, bestätigt sich bis heute: Flüchtlinge können sich mit vielen fremden Dingen in Deutschland arrangieren, sogar mit schlechtem Wetter und überbordender Bürokratie. Aber ans Essen können sich die meisten nicht gewöhnen. Deshalb ist der Umzug in die eigene Wohnung neben der Flucht vor der Enge vor allem eine große Erleichterung, weil sie nun selbst kochen können. Die Sidos sind, wie die allermeisten Flüchtlinge aus muslimischen Ländern, kaum gereist, schon gar nicht außerhalb ihres Kulturkreises. Der Freude der Deutschen an fremden Küchen stehen sie verständnislos gegenüber.

Was ist denn nun so schrecklich an der deutschen Küche? Frau Sido, die selbst gut kocht, kann da einiges aufzählen: zunächst die Geschmackskombination süß und sauer. Selbst saure Gurken seien hier beinahe süß und für sie ungenießbar. Soßen mögen sie nicht, Kraut empfinden sie als „zerkochtes Gemüse“. Klöße oder dunkles Brot gehen auch nicht. Und alles vom Schwein ist Muslimen ja verboten, und damit sogar die Gummibärchen. Die armen Kinder.

Tja, da muss Roshan eben, weil ihr Mann die Schulkantine meidet, jeden Tag selbst für die vierköpfige Familie kochen. Zum Frühstück gibt es Weißbrot mit Konfitüre oder Käse, manchmal Rührei mit Tomaten und Gurken, an Feiertagen auch herzhaft Hummus und Falafel. Gern nimmt die Familie einen Grießbrei mit Butter und Zucker. Man trinkt Tee dazu. Mittags kommen gefüllte Weinbergblätter, Fisch oder kurdische Suppe mit Joghurt und Gemüse auf den Tisch, Gerichte mit Hühnchen oder Spinat. Die Kinder mögen süßen Milchreis. Abends werden gern die Reste des Mittagsmahles genommen.

Die Grundnahrungsmittel kauft Roshan im Supermarkt um die Ecke. Die Fleisch- und Wursttheke würdigt sie keines Blickes, die Alkoholregale natürlich auch nicht. Inzwischen gibt es eine kleine Ecke mit türkischen Konserven, Teigblättern und Couscous. Der Handel beginnt, sich auf die neuen Kunden einzustellen. Alles andere besorgt sie einmal in der Woche in einem arabischen Lebensmittelgeschäft im Dresdner Hauptbahnhof. Dort gibt es syrisches Weißbrot, geschächtetes Fleisch, Gewürze und die Lieblings-Aprikosenmarmelade aus der Heimat. Aber Roshan ist vorsichtig: Die Preise sind hier höher.

Kocht sie denn nach zwei Jahren gar kein deutsches Essen? Sie überlegt eine Weile und strahlt dann: „Doch, Markknödelsuppe habe ich schon zweimal gemacht. Hat allen gut geschmeckt!“ Na bitte.