Sonntag, 27.01.2013

Sachsens geheimste Grabkammer

Die Regierung hortet teure Broschüren hinter Gefängnismauern – viele sind Ladenhüter.

Von Gunnar Saft

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Annette Grimmer ist Justizvollzugsbedienstete. Die Arbeit im Broschürenversand macht ihr Spaß. Vor allem, wenn sie Menschenmit Informationen versorgen kann – manche jedoch will niemand haben. Eine teure Angelegenheit. Foto: Robert Michael
Annette Grimmer ist Justizvollzugsbedienstete. Die Arbeit im Broschürenversand macht ihr Spaß. Vor allem, wenn sie Menschen mit Informationen versorgen kann – manche jedoch will niemand haben. Eine teure Angelegenheit. Foto: Robert Michael

Das Material ist gut geschützt. Wer es in die Hand nehmen will, muss zunächst eine meterhohe Betonmauer überwinden, danach einige ferngesteuerte Personenschleusen durchqueren und schließlich benötigt er noch einen Spezialschlüssel für die letzte schwere Metalltür.

Dann aber fällt der Blick endlich auf eine überraschend bunte Vielfalt, welche auf großen Schwerlastregalen bis unter die Hallendecke gestapelt ist. Man befindet sich jetzt mittendrin im „Zentralen Broschürenversand der Sächsischen Staatsregierung“. Und der befindet sich wiederum mitten auf dem hermetisch abgeriegelten Gelände der Dresdner Justizvollzugsanstalt auf dem Hammerweg.

Hier findet sich alles, was Ministerien, Landesämter und Behörden im Lauf vieler Jahre für wert befunden haben, der Öffentlichkeit in Form einer kostenlosen Informationsbroschüre zu präsentieren. Doch darunter gibt es vieles, was bisher noch keinen Abnehmer gefunden hat. Zum Beispiel „Der Kompaktbericht zur Europäischen Wasserrahmenrichtlinie“ oder die Broschüre „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“. Bei beiden Titeln sind noch reichlich Exemplare vorhanden, die nunmehr schon über sieben Jahre eingelagert sind. Ähnlich geht es den Hunderten Heften mit dem Titel „Die Schwerspatlagerstätte Brunndöbra“. Ein auch nicht mehr ganz aktuelles Werk. Es stammt von 1998. Und überschätzt hat man das öffentliche Interesse ebenfalls, als Sachsens Finanzministerium vor zehn Jahren eine Farbbroschüre in Auftrag gab, die den schlichten Titel trägt „Das Finanzministerialgebäude“. Der Lagerbestand zum Jahresanfang 2013: exakt 4.553 Stück.

Dass viele der oft aufwendig hergestellten Broschüren nur Randthemen behandeln und damit zum kostspieligen Flop wurden, hat die sächsische Ministerialbürokratie bisher jedoch nicht umdenken lassen, im Gegenteil. Statistisch gesehen wird jeden Arbeitstag ein neuer Titel geplant, tausendfach gedruckt und notfalls eben eingelagert. Allein im vergangenen Jahr kam man auf 280 Neuerscheinungen.

Inventur bisher ohne Folgen

Dabei geht es auch anders. Das zeigt sich immer, wenn in der Lagerhalle, in der zwei Justizbedienstete und vier Gefangene jeden Tag für Ordnung sorgen, plötzlich eine Klingel schrillt. Dann meldet sich die Außenwelt hinter den Betonmauern. Am Telefon sind interessierte Bürger, die in der staatlichen Broschürenflut doch etwas für sich entdeckt haben und dies nun zugeschickt bekommen möchten.

Der Renner ist zurzeit die Broschüre „Betreuung und Vorsorge“. Mehr als 58.000 Stück wurden bisher verteilt. Beliebt und mitunter schnell vergriffen sind aber auch Titel, die den komplizierten Alltag leichter machen können – so etwa mit aktuellen Informationen zum Erb- und Mietrecht oder zu Steuerangelegenheiten. Auch gut bebilderte und mit eingängigen Texten versehene Broschüren speziell für Kinder sind begehrt. Bestellt werden kann alles auch per email. Das gesamte Angebot ist per Katalog oder im Internet einsehbar. Doch zurück zu dem Problem, das den sächsischen Steuerzahler seit Jahren immer teurer kommt – die reichlich am Bedarf vorbeiproduzierten Ladenhüter. Wer sich für die „Mopsfledermaus“ interessieren sollte, kann sofort mehr als 1.000 Exemplare bestellen. Will nur leider niemand. Auch Lehrer könnten, wollen aber nicht. Die Schulbroschüre „Klimaschutz“ stapelt sich auf mehreren Regaletagen. Zusammen rund 14.000 Stück.

Weil der Nachschub an solchen Werken nicht abreißt – seit 2010 lagert auch noch die Landeszentrale für politische Bildung Unverteilbares auf dem Hammerweg ein – gibt es dort mittlerweile ein Problem. Die Halle im Knast ist voll. Proppevoll.

An die älteste eingelagerte Broschüre „Geoprofil Nr. 1: Beiträge zum Niederlausitzer Braunkohlenrevier“ kommen die Mitarbeiter gar nicht mehr ohne Weiteres heran. Die Hefte stammen von 1989. Vielleicht mit einer speziellen Leiter, bietet man mir Hilfe an. Ich verzichte. Hilfe dringender nötig haben die Mitarbeiter des Broschürenversands selbst. Doch wegwerfen dürfen sie von dem vielen Unbrauchbaren nichts, kein Exemplar. Schließlich handelt es sich um Staatseigentum. Die Order zum Entsorgen kann nur von den Behörden kommen, die die unnötigen Broschüren einst in Auftrag gaben.

Doch dort tut sich nichts. Eine SZ-Anfrage an die Staatsregierung lässt kurz hoffen. Ja, man kenne das Problem. Nein, man könne auf Anhieb nicht sagen, was all die Hefte gekostet haben. Aber man habe Anfang des Jahres eine Inventur gemacht. Wie viele unnötige Broschüren dabei entsorgt wurden? Keine.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

  1. PS

    Vorschlag: 1. Die Staatsregierung möge künftig bei der Verbreitung der Inhalte solcher Broschüren vorrangig auf das Internet und Selbstausdrucken durch die Nutzer setzen. Inhalte sind konsequent auch als pdf-Datei anzubieten, einheitlich im Format A4 sw/Farbe (d.h. so, dass auch bei sw-Druck keine Inhalte verlorengehen). 2. Die Staatsregierung möge eine oder mehrere Druckereien finden (Ausschreibung), die technisch und ökonomisch in der Lage sind, solche Broschüren je nach Bedarf kurzfristig, auch in kleinen Auflagen und dabei kostengünstig zu drucken. 3. Möglicherweise könnte auch der große Staatseigene Betrieb am Dresdner Hammerweg (SEB Hammerweg) diese Aufgabe selbst übernehmen und so für die "Einwohner" dieses "Betriebes" Arbeitsplätze schaffen.

  2. Kühne

    Wiedereinmal ein verzichtbarer Artikel von Gunnar Saft. Wer wenn nicht der Staat ist gefordert, wenn es darum geht auch mal Broschüren für Randthemen zu drucken? Warum soll der Staat Broschüren drucken zu Themen, die sich schon in Vielzahl in der Buchhandlung verkaufen lassen? Das ist nicht die Aufgabe des Staates sondern der Wirtschaft. Es dauert nicht mehr lange bis Ihr einen Dauerabonnenten wegen Gunnar Saft verliert.

  3. Dresdner Bürger

    Seltsam, plötzlich verspüre ich einen Informationsdrang nach Geoprofilen des Niederlausitzer Braunkohlenreviers. Sicher wird mir eine rasche Bestellung weiterhelfen.

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