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Riesas kleine Sauereien

Ein Anwohner ärgert sich über Müll und Unrat in der Stadt. Die Schuld sieht er nicht allein bei den Verschmutzern.

05.10.2017
Von Stefan Lehmann

eine Sauereien
Plastiktüten im Stadtpark und auf dem Boulevard, Zigarettenstummel auf dem Technikums-Parkplatz: Mancher Riesaer nimmt es mit der Sauberkeit nicht allzu genau.

© S. Schultz

Riesa. Als Gunnar Hoffmann von seinem Sonntags-Spaziergang zurückkommt, ist er so richtig sauer. Ob in den Hecken im Stadtpark, an Sitzbänken oder auf dem Gehweg: Entlang der Wegstrecke habe es keine zehn Meter ohne Müll gegeben. „Leider ist das nicht übertrieben“, ärgert sich der Riesaer. Einige Stellen hat Hoffmann fotografiert und der SZ zugeschickt.

Auffällig ist dabei, dass es sich nicht um größere Schandflecken handelt, sondern eher um den typischen Müll, der im Alltag abfällt: Chipstüten, kleine Plastikbeutel, Zigarettenkippen. Dazu kommt noch der eine oder andere Hundehaufen, den der Besitzer einfach nicht entsorgt hat. Gunnar Hoffmann habe die Verschmutzungen speziell entlang der Dr.-Scheider-Straße erst einmal dem Oberbürgermeister gemeldet, sagt er. Die Stadt habe auch zügig reagiert. Tatsächlich ergab eine Stichprobe der SZ am Donnerstag, dass der Müll an den fotografierten Stellen verschwunden ist – auch, wenn dafür schon wieder neuer zu sehen war (siehe Fotos). Trotzdem sei die Sache ein Problem, findet Gunnar Hoffmann. „Mich bewegen an dieser Stelle zwei Dinge“, erklärt er. „Warum fühlt sich in der Stadtverwaltung niemand dafür verantwortlich, und warum ist den Bürgern ihre Stadt so egal? Warum werfen die einen ihren Müll einfach auf die Straße, und die anderen sehen untätig dabei zu?“

Das Thema „Müll in der Stadt“ ist nur allzu bekannt. Nicht nur bei der SZ beklagten sich Anwohner in den vergangenen Jahren regelmäßig über Schmuddel-Ecken – ob entlang der Elbe und im Stadtpark oder auf entlegenen Grundstücken. Auf Privatgelände kann die Stadt in der Regel nicht eingreifen, in den städtischen Grünanlagen sieht das anders aus. „Vor jedem Pflegegang an den Rasen-, Grün-, Hecken- und Baumflächen der Stadt Riesa werden Vermüllungen, inklusive Hundekot, beseitigt, betont Stadtsprecher Uwe Päsler. Rund 20 000 Euro lässt sich die Stadt allein die Entleerung der Abfallbehälter im Stadtgebiet kosten. „Zusätzlich werden Vermüllungen oder Sperrmüllablagerungen, die durch die Bürger oder auch durch die Straßenaufsicht oder die Vollzugsbediensteten gemeldet werden, umgehend beseitigt. Die Mitarbeiter im Außendienst sind da immer mit wachen Blicken unterwegs.“

Das Rathaus verweist in dem Zusammenhang regelmäßig auf diejenigen Bürger, die ihren Müll achtlos wegwerfen. Zumindest teilweise haben die Mitarbeiter der Stadtverwaltung damit recht. Vermüllung, zu englisch „Littering“ genannt, hat Wissenschaftler schon in den 70ern beschäftigt. Damals testeten sie in zwei Kinos, unter welchen Umständen mehr Besucher ihren anfallenden Müll auch entsorgen, statt ihn einfach im Saal zurückzulassen. Eine Erkenntnis: Eine Verdopplung der Abfalleimer brachte keine Verbesserung.

An Aktualität hat das Phänomen seitdem nicht verloren. An der HU Berlin forschen Psychologen seit Jahren an dem Thema. Littering ist in erster Linie eine Frage des Bewusstseins, so die Forscher. In einer groß angelegten Befragung stellten sie etwa fest, dass Passanten ihren Müll auch gerne in direkter Nähe zum Eimer einfach fallenlassen. Das zeigt sich selbst entlang der Hauptstraße: Dort steht quasi ein Abfalleimer am anderen, trotzdem liegt immer wieder auch Müll auf der Straße. An mangelnder Entleerung liegt es nicht: Je nach Standort und Jahreszeit sind die AGV-Mitarbeiter laut Stadt zum Teil täglich an den Papierkörben und entsorgen den hineingeworfenen Müll.

Anwohner Gunnar Hoffmann glaubt, dass das auch mit dem allgemeinen Zustand der Hauptstraße zu tun haben könnte. Je gepflegter eine Straße, desto größer die Hemmung, ein Stück Papier einfach hier und jetzt fallenzulassen. Die Berliner Wissenschaftler sehen das ähnlich. In ihren Befragungen zeigte sich: Sind Plätze sauber und gepflegt, dann lassen die Menschen auch keinen Müll fallen. Paradoxerweise sorge aber eine geringfügige Vermüllung eher dafür als eine schwerwiegende.

Müllsünder handelten meist aus Bequemlichkeit und Gewohnheit, nicht aus mangelndem Umweltbewusstsein, so die Forscher. Wenn Gemeinden Müllsünder zur Räson bringen wollen, dann müssen sie sie also vor allem für das Problem sensibilisieren. Das könne etwa durch Plakatkampagnen passieren, durch Patenschaften – oder durch gemeinsame Aktionen der Bevölkerung gegen Müll. Letztere gibt es im Grunde schon mit der Aktion Sauberes Riesa. Gleichzeitig schlagen die Wissenschaftler vor, Papierkörbe auffälliger zu gestalten und generell mit Aschenbechern auszustatten. Denn Zigarettenstummel machen ihrer Studie zufolge gut 70 Prozent der Verschmutzungen in der Stadt aus. Geldstrafen halten sie dagegen für das letzte Mittel. Denn um die überhaupt verhängen zu können, müsste auch mehr kontrolliert werden – und das kostet Personal.