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Samstag, 22.02.2003 Bundesliga

"Wir haben uns nicht verkauft"

Von Thomas Schade

Wir regen uns erst mal gar nicht auf." Ronny Gerschs Kommentar zur "Kirchgeld-Affäre" ist am Freitag am Telefon kurz und knapp. Sein Verein, der FC Energie Cottbus, habe so einen Vertrag nicht, könnte aber 20 Millionen Euro auch gut gebrauchen. Die Energie-Kicker um Trainer Ede Geyer sind da schon unterwegs nach Bremen, wo es am Sonnabend bei Werder um Punkte gegen den Abstieg geht. Was PR-Mann Gersch nicht weiß: Manager Klaus Stabach ist schon deutlich geworden und nannte es "eine Sauerei, wenn die einfach 40 Millionen Mark mehr bekommen haben".

Kaiser Franz: Fehler gemacht

Der Unmut des Cottbuser Geschäftsführers richtet sich gegen den Vorzeigeklub des deutschen Fußballs, gegen Bayern München. Dessen ominöse Abmachung mit der Kirch-Gruppe dürften an diesem 22. Spieltag in den Stadien mindestens ebenso für Gesprächsstoff sorgen, wie das runde Leder. Denn der Millionen-Deal empört die Fußballwelt immer heftiger, und Verantwortliche anderer Klubs haben wie Stabach ihre Zurückhaltung längst abgelegt. "Stimmen die Fakten, wäre das Wettbewerbsverzerrung", sagt Frank Mackeroth, Aufsichtsratsvorsitzender des HSV und wirft im Hamburger Abendblatt gar die Frage auf, ob den Bayern nicht ihr letzter Meistertitel aberkannt werden müsste. Für Martin Kind, Präsident von Hannover 96, ist "auf jeden Fall ... der Solidargedanke belastet, um es freundlich auszudrücken". Eine Berliner Anwaltskanzlei erstattete nun Strafanzeige gegen die Bayern-Bosse. Es könnte sich um eine verdeckte "Schmiergeld-Zahlung" zulasten der anderen Vereine handeln, schließt Anwalt Bert Handschumacher nicht aus. Er sieht zumindest einen "Anfangsverdacht der Bestechlichkeit" und verlangt eine Prüfung.

Ausgerechnet das Manager-Magazin, ein Hochglanz-Blatt für die Wirtschaft ohne Sportteil, hatte in dieser Woche jenen Vertrag ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, den die Sport-Werbe GmbH, eine Tochterfirma des FC Bayern, mit der TaurusSport, einer Firma der Kirch-Gruppe, angeblich Anfang Dezember 1999 geschlossen hatte. Darin verpflichtet sich die Kirch-Firma TaurusSport zur Zahlung von 30 Millionen Mark für drei Spielzeiten. Grund für die Zahlungen sind die Einnahmen, die der FC Bayern aus der zentralen Vermarktung der Bundesliga (siehe Kasten) erhalten sollte. Sie lagen unter den vom Verein erwarteten Einnahmen im Falle einer Selbstvermarktung. Diese Lücke sollte Kirch ausfüllen, so heißt es. Dessen Imperium ist zusammengebrochen und im Zuge der Insolvenz wie es scheint auch transparenter geworden für ehemalige Heimlichkeiten.

Auffällig ist vor allem der Zeitpunkt des Vertragsabschlusses. Denn in den Wochen und Monaten davor hatten sich die Bayern-Bosse und andere Spitzenvereine heftig gegen die Zentralvermarktung der Bundesligaspiele gesträubt und sogar mit Klage gedroht. Sie wollten selbst mit den TV-Sendern verhandeln, die die Spiele übertragen. Im November dann stimmten die Bayern der zentralen Vermarktung überraschend zu. Knapp vier Wochen später soll der geheime Deal mit Kirch geschlossen worden sein. Nun wird in der Fußballwelt die Frage debattiert: Waren die Bayern käuflich? Oder handelt es sich um einen "Vermarktungs-Vertrag wie ihn andere Vereine auch besitzen", so Bayern-Manager Uli Hoeneß. "Wir haben uns nicht verkauft", sagte er in einer ersten Reaktion.

Vor einem Großaufgebot an Presse versuchte Hoeneß am Freitag wieder in die Offensive zu kommen und nannte erstmals Zahlen aus dem Vertrag. "42 Millionen Mark" (21,47 Millionen Euro) seien aus dem Vertrag an den Verein geflossen. Einen erheblichen Teil davon habe "Herr Eichel" bekommen.

Manager Hoeneß will nicht als "Chef-Angeklagter" dastehen. Er vermisst offenbar die nötige Rückendeckung aus der Chef-Etage. Vereins-Boss und Mulit-Werbeträger Franz Beckenbauer ("Ja, is' denn heut schon Weihnachten?") hatte es als Fehler bezeichnet, dass der Vertrag damals nicht öffentlich gemacht worden war.

Selbst in der wirtschaftlich erfolgreichen Fußball-Aktiengesellschaft Bayern sind die nun genannte Millionen nicht gerade Peanuts. Mit einem Jahresumsatz von 176 Millionen Euro ist der Rekordmeister auch finanziell Spitzenreiter in der Bundesliga. Seit vergangenem Jahr ist die Profiabteilung als AG eigenständig und erwirtschaftete im ersten Geschäftsjahr einen Gewinn von 11 Millionen Euro. Vor Saisonbeginn kaufte der Bayern für 24,5 Millionen Euro neue Spieler wie Sebastian Deisler und Michael Ballack.

Kirch wollte die Rechte

Die habe man sich auch ohne die Millionen von Kirch leisten können, wetterte der Bayern-Manager gestern und widersprach heftig dem Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung. "Der einzige, dem wir Geld weggenommen haben, ist Herr Kirch." Der habe auch Wert auf die Geheimhaltung gelegt, so Hoeneß. "Hätte die DFL nachgefragt, wären wir bereit gewesen, die Beträge zu nennen." Kirch hatte den Deal offenbar angeboten, denn Hoeneß gestern: "Alle Scheinheiligen dieser Welt, die sagen, sie hätten den Vertrag nicht gemacht, möchte ich kennenlernen." Das deckt sich einigermaßen mit einer Antwort, die Kirch-Vize Dieter Hahn dem Magazin "kicker" gab: "Wir wollten die Rechte sicher haben." Und weiter: "Uli Hoeneß war noch nie billig."