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Dienstag, 23.08.2005

Wiedervereinigung ohne den Querkopf

Von Philipp Albers

„Wir sind das Volk.“ So steht es auf einem Plakat, das zwei schwarze und weiße Bauernreihen zeigt. Es ziert den Eingang zum Kongresszentrum des Treff-Hotels Dresden. Hier tagen die Mitglieder des Exekutivausschusses des Weltschachverbandes Fédération Internationale des Échecs (FIDE). „Querdenker“ heißt es auf dem Poster daneben. Es ist die Abbildung von zwei Läufern. Die ziehen bekanntlich immer diagonal.

Mit Querdenkern hat der Weltschachverband FIDE viel zu tun. Ein solcher Eigenbrötler namens Garry Kasparov war dafür verantwortlich, dass es seit 1993 im Schach keinen allgemein anerkannten Weltmeister mehr gab. Nachdem sich Kasparov mit dem traditionellen Ausrichter, der FIDE, überworfen hatte, gründete er seinen eigenen Verband, die „Professional Chess Association“ (PCA). Seither gab es zwei Weltmeister: Auf der einen Seite war dies bis 2000 Kasparov, dann löste ihn Wladimir Kramnik ab. Auf der anderen Seite veranstaltete die FIDE jährlich eine offizielle Weltmeisterschaft, deren Gewinner damit zu kämpfen hatten, dass sie nicht als beste Spieler der Welt galten, ohne sich mit Kasparov gemessen zu haben.

Im März hat Kasparov seine Karriere beendet. FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov war dies den ersten Kommentar in seinem Jahresbericht wert, den er gestern Offiziellen aus mehr als 100 Nationen vortrug. „Größte Dankbarkeit“, beschied ihm Ilyumzhinov. Für Kasparovs Verdienste um den Sport wohlgemerkt.

Die Überleitung zum nächsten Thema fiel ihm nicht schwer: Der Vereinigungskampf, der den stärksten Schachspieler der Welt ermitteln soll, kann endlich stattfinden. Das Turnier mit acht Spitzenspielern findet vom 27. September bis zum 16. Oktober 2005 in San Luis, Argentinien, statt. „Beim nächsten Kongress haben wir einen vereinigten Schach-Champion“, sagte Ilyumzhinov. Die Diskussion sei dann für immer beendet. Künftig sollen alle drei Jahre Weltmeisterschaftskämpfe zwischen Titelverteidigern und Herausforderern ausgetragen werden.

Ilyumzhinov kündigte an, sich bei der Präsidentschaftswahl der FIDE 2006 in Turin erneut zur Wahl zu stellen. Dies war bereits im Vorfeld bekannt geworden, nun erklärte er offiziell seine Kandidatur. Ilyumzhinov ist Präsident der russischen autonomen Republik Kalmückien. Der 43-Jährige sagte, volle Rückendeckung der russischen Führung für seine Kandidatur zu haben. Ilyumzhinov ist seit 1995 Präsident der FIDE, als Schuljunge wurde er bereits kalmückischer Meister.

Ex-Weltmeister als Gegner

Seine Gegenkandidaten haben Format: Anatoli Karpow war von 1975 bis 1985 Weltmeister. Entgegen einiger Gerüchte vor dem Kongress kam der Russe nicht nach Dresden. Auch der Belgier Bessel Kok soll bereit sein anzutreten. Die beiden haben ihre Kandidatur jedoch noch nicht bestätigt. „Es ist auch möglich, dass noch ein dritter Bewerber ins Spiel kommt“, sagte gestern Horst Metzing, Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes.

Schachspieler sind gewohnt, viel Zeit für Überlegungen zu haben: Anschließend an den Bericht des Präsidenten ackerte das Komitee durch eine 65 Tagesordnungspunkte starke Agenda. Darin enthalten war der Bericht des Schatzmeisters David Jarrett, der hervorhob, dass die FIDE nicht wie andere Sportverbände in Korruptionsaffären verwickelt sei. Die Zahlen der FIDE seien immer transparent und jedem Schachspieler zugänglich. Nach der Kaffeepause nahm man sich aber auch die Zeit, ausführlich auf eine neue Reiseversicherung einzugehen, die ab sofort jedem Offiziellen zur Verfügung steht.

Die Tagung wird heute fortgesetzt; dann endet nach acht Tagen der Kongress. Das nächste Mal wird die FIDE 2008 in Dresden ein Thema sein: Zur Schach-Olympiade.