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Mittwoch, 12.12.2001

Wieder einer "abgehakt"

Von Thomas Schade

Es gab Zeiten, da legte Sven Thieme seine Gegner reihenweise aufs Kreuz. Sportlich. Der Dresdner, Jahrgang 1965, galt mal als Judo-Talent. In den vergangenen Wochen sah der sportliche, lang aufgeschossene Typ seine Ambitionen an der Spitze von Dynamo Dresden. Der Traditionsverein müht sich zwar in den Niederungen der Viertklassigkeit. Aber Sven Thieme glaubte an das "Erfolgsmodell Dynamo Dresden" und wollte daran arbeiten. Bis vergangenen Montag. Da schimpfte er plötzlich über "die derzeitige Misswirtschaft, die Illoyalität und Inkompetenz vieler Mitarbeiter" und legte sein Präsidentenamt plötzlich nieder, das er eh nur "schwebend unwirksam" innegehabt habe.

Lauter Widersprüche

Undank scheint der Welten Lohn. Denn ausgerechnet ihm, so glaubt der Ex-Judoka, der "ausreichend finanzielle Mittel in die Kriegskasse" des Vereins holen wollte, haben nun andere die Beine weggeschlagen. Unsportlich und "mit unseriösen Mitteln", wie er schrieb.

Doch Seriosität scheint auch Thiemes Sache nicht immer gewesen zu sein. In seiner Rücktritts-Meldung nennt er Zahlen zur Wirtschaftlichkeit des Vereins und empfiehlt Vize-Präsident Otto Barthel, "dringendst für den Verein Insolvenz anzumelden". Es sei "zehn nach Zwölf". Vize-Präsident Barthel hingegen sagt zur SZ, Thiemes Zahlen seien im Detail nicht nachvollziehbar und entbehrten jeder Grundlage. Der Mann an der Spitze des Rumpfpräsidiums will die finanzielle Lage nicht schönreden. Der Verein habe jedoch Gehälter bisher immer gezahlt, und er gehe davon aus, dass das auch am kommenden Montag so sein wird. "Gelesen und abgehakt" hat Barthel die dreiseitige Abschiedsschrift.

In der ist auch zu lesen, dass jene Beschuldigungen "100%ig widerlegt" wurden, die Handwerksfirmen gegen den als Immobilien-Sanierer tätigen Unternehmer Thieme vorgebracht hatten. Doch das muss sich erst noch zeigen. Vielleicht schon heute vor dem Dresdner Landgericht, wo die Firma Mierig Wärmetechnik versucht, rund 40 000 Mark von Sven Thieme zu erstreiten.

Schon als die Vorwürfe der Handwerker bekannt wurden, wehrte sich Sven Thieme vehement. "Sämtliche Anschuldigungen" seien "definitiv unwahr", schrieb er. Doch auch das muss sich erst herausstellen. Derzeit untersuchen die Staatsanwaltschaften Chemnitz und Dresden, was an den Strafanzeigen gegen den Coswiger Unternehmer und seiner Geschäftspartner dran ist. Im Herbst 1999 hatten sich über ein Dutzend Bau-Handwerker hilfesuchend an die Handwerkskammer Dresden gewandt, weil sie glaubten, auf Thiemes Baustellen über den Tisch gezogen zu werden. Dort recherchierte die Rechtsabteilung eifrig nach, mit was für Firmen es die Handwerker zu tun hatten. "Anfangs dachten wir, der Konflikt könnte an einem runden Tisch mit allen Beteiligten geklärt werden", sagt Kammerjuristin Heike Mathieu. Doch schließlich sei vieles unseriös erschienen, und es sei nur der Weg zur Staatsanwaltschaft geblieben, sagt Heike Mathieu.

Noch vor Tagen verkündete Sven Thieme, "dass sämtliche Strafverfahren gegen mich noch bis zum Jahresablauf eingestellt werden". Das habe die ermittelnde Staatsanwaltschaft seinem Anwalt erklärt. Die Ankündigung war wohl eine Beruhigungspille für die Fans. Diese Auskunft habe es nicht gegeben, sagt hingegen Oberstaatsanwalt Claus Bogner auf Anfrage. Es gebe noch Widersprüche zu klären. Erst dann könne entschieden werden, ob es zur Einstellung kommt.

Doch der Fall Sven Thieme dürfte für die Ermittler eher noch komplexer werden. Denn auch Thüringer Handwerker haben vergangene Woche ihren Verdacht gegen den Bauherren Thieme in Erfurt der Staatsanwaltschaft übergeben. Behördensprecher Michael Hess: Es gebe sechs Strafanzeige mehrerer Handwerksfirmen mit dem Verdacht des Betruges. "Es gab bereits eine Absprache mit den Dresdner Kollegen", sagt Hess.

Wandel am Wochenende

Dass neuer Ärger droht, beeindruckte Sven Thieme im Gespräch mit der SZ am vergangenen Donnerstag wenig. Nur vorsichtig war er geworden. Eine Aufzeichnung des Gespräches auf Band war nicht erwünscht. Und er wich auch der Frage aus, woher sein Geld für Dynamo Dresden denn kommen sollte: Von der Firma oder vom privaten Konto? "Schreiben Sie von Sven Thieme", sagte er.

Dass Kritiker ihn inzwischen "Otto II" nennen, nach dem Ex-Präsidenten und Pleitier Rolf-Jürgen Otto, fand Sven Thieme zwar ausgesprochen unfair. Aber da war die Häme für ihn noch eine sportliche Herausforderung. "Nun erst recht", sagte er. Aber seine Entschlossenheit wich übers Wochenende.