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Mittwoch, 19.01.2005

Grundsätze mit Fragen

Von Jochen Mayer

„Zum fernsten Ufer bist du allein geschwommen.“ Dieser Satz stand gestern in einer SZ-Todesanzeige für Gudrun Wegner. Die einstige Weltklasse-Schwimmerin war am Sonntag an einem Krebsleiden gestorben. Am 28. Februar hätte sie ihren 50. Geburtstag begangen.

Bei den ersten Schwimm-Weltmeisterschaften 1973 in Belgrad gewann Gudrun Wegner als Älteste in der DDR-Frauen-Auswahl den Titel über 400 Meter Lagen. Bei ihrem größten Triumph durchbrach sie als erste Frau der Welt die Fünf-Minuten-Grenze über diese schwere Distanz. Die Olympia-Dritte von München gestand 1993 in einem SZ-Gespräch eine Art Hassliebe zum Schwimmen: „Ich habe die langen Strecken gehasst, die endlos langen Trainingskilometer. Ich habe die Bahnen nie mitgezählt, bin losgeschwommen und in eine Phantasie-Welt abgetaucht. Ich habe bei den vielen Trainingskilometern Gedichte auswendig gelernt und mir Märchen ausgedacht. Die erzählte ich Jahre später meinen Kindern.“ Die gebürtige Görlitzerin sprach damals ohne Frust oder Euphorie über ihre Zeit als Leistungssportlerin. „Wir waren eine ausgezeichnete Truppe in Dresden. Daran erinnere ich mich gern. Dieses Kameradschaftsgefühl, diese Geborgenheit in der Gruppe, dieses unbedingte Aufeinander-verlassen-können habe ich später ganz selten erlebt.“ Mit ihrem Trainer Uwe Neumann, der heute beim SC Riesa arbeitet, gab es vor Weihnachten das letzte Telefonat.

Der Sport bestimmte lange Gudrun Wegners Leben. Ihre Stationen: Studium an der Leipziger Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK), Nachwuchstrainerin bei den Schwimmern des SC Einheit Dresden, Wechsel zu den Eiskunstläufern in Dresden. Den Jüngsten brachte die Schwimm-Weltmeisterin die athletischen Grundlagen bei. Nach der Wende geriet vieles aus den Fugen: Kündigung, ein Jahr Kellnerin im Sportcasino, Umschulung zur Sozialtherapeutin. „Was ich anfasse, das will ich zu Ende bringen, so gut ich kann, bis zur letzten Konsequenz“, verriet sie einen ihrer Grundsätze. Dabei gestattete sich Gudrun Wegner aber auch Zweifel: „Warum müssen wir immer erfolgreich sein? Und dazu immer Stärke zeigen? Ich habe versucht, meine Lebens-Maxime an meine Kinder, an für mich wichtige Menschen weiterzureichen. Es hat lange gedauert, bis mir klar war, dass sie nicht ich sind. Meine Maximen sind für mich wichtig. Andere müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, eigene Wege suchen und gehen.“ Gudrun Wegner versuchte auf ihrem nicht einfachen Weg, zunehmend den „Dingen hinter die Fassade zu schauen“. Sie wusste, dass man damit nie endgültig fertig werden kann. Die Krankheit setzte ihrer Suche ein Ende.