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Donnerstag, 01.11.2001

Dem Präsidenten bläst ein rauer Wind ins Gesicht

Von Sven Geisler

Der Aufsichtsrat des 1. FC Dynamo Dresden tat formal seine Pflicht, als er mit dem Bauunternehmer Sven Thieme einen neuen Präsidenten bestellte. Heute tritt der 36-Jährige das Ehrenamt beim Fußball-Oberligisten offiziell an. Doch schon vorher wehte ihm ein rauer Wind entgegen.Nicht nur der Zeitpunkt seiner Bestellung wirft Fragen auf. Nach dem Rücktritt von André Lorentschk war fast ein halbes Jahr verstrichen. Es schien Ruhe eingekehrt. Plötzlich aber erkannte der Aufsichtsrat den "hohen Handlungsbedarf". Damit begründet jedenfalls Holger Faust, stellvertretender Vorsitzender des Kontrollgremiums, die kurzfristige Änderung der Tagesordnung. In der Sitzung am Freitag sollte es eigentlich um finanzielle Fragen gehen. Das sei keine Nacht-und-Nebel-Aktion gewesen. Alternativen zu Thieme habe es nicht gegeben, behauptet Faust - und kehrt damit drei Kandidaten unter den Tisch, die sich schriftlich beim Verein beworben hatten. Thieme sei von Rechtsanwalt Clemens Rasel - seit September Mitglied im Aufsichtsrat - vorgeschlagen worden, dessen Mandant der Kaufmann sei.War vielleicht Eile geboten, weil sich ein Wechsel von Thomas Dathe vom Ortsnachbarn Dresdner SC zu Dynamo abzeichnete? "Er ist zurzeit Präsident des DSC und war für den Aufsichtsrat nicht greifbar", sagt Faust, und er fügt hinzu: "Dathe trifft sich mit Leuten aus der zweiten, dritten Reihe." Falsch. Dathe traf sich am vergangenen Donnerstag mit Dynamo-Vizepräsident Otto Barthel und Sportwelt-Geschäftsführer Heinrich Brands. Das bestätigte Dathe gestern gegenüber SZ. Es sei allgemein um den Dresdner Fußball, aber nicht um eine Fusion gegangen. "Dieses Gespräch hat definitiv stattgefunden", erklärte Barthel. Der Aufsichtsrat war über Kontakte des Vizepräsidenten zum DSC-Boss informiert.Außerdem gab Thieme einen schlechten Einstand. Dass er erst nach seiner Bestellung zum Präsidenten Mitglied im Verein wurde, kam bei Fans nicht gut an. Und Internet-Nutzer landeten zwischenzeitlich direkt auf der Dynamo-Homepage, wenn sie die Adresse seiner Firma "Fornax" eingaben. Der Betrieb für Heizungs- und Sanitärsysteme befindet sich in Liquidation. "Ich habe ihn stillgelegt. Das hat nichts mit Pleite zu tun. Es gab keine Verbindlichkeiten", stellt Thieme klar. Der frühere Judoka (DDR-Meister der Lehrlinge) betreibt drei Bauträgerfirmen mit Sitz in Coswig unter dem Namen "Ortus". Denen wird eine solide Zahlungsmoral bescheinigt. Trotzdem sind, wie SZ aus der Staatsanwaltschaft Dresden erfuhr, mehrere Klagen von bauausführenden Betrieben gegen Thieme anhängig. "Ich habe nichts zu befürchten", versichert Thieme. Es handele sich um zwei Objekte, bei denen er das Geld an einen Generalunternehmer überwiesen habe, der es aber nicht an die Firmen weiterreichte. "Ich bin nicht bereit, doppelt zu zahlen", so Thieme. Er sei informiert, dass dieses Verfahren eingestellt werde.Die Vorwürfe, die vor allem im Internet erhoben werden, nerven ihn. "Ich möchte mich nicht dafür entschuldigen müssen, dass ich für Dynamo etwas tun will", sagt Thieme. Umwerfen lassen wolle er sich nicht, "weil ich gebürtiger Dresdner bin und mit Engagement, Ideen, Ehrgeiz und finanziellen Mitteln Dynamo wieder dorthin bringen will, wo der Verein herkommt". Ein langer Weg, ein weites Feld.