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Freitag, 29.09.2006

Bedeutender Erstbesteiger im Elbsandsteingebirge

Kletter-Sachse (4). Rudolf Fehrmann hat seine Spuren aber auch in den Alpen hinterlassen.

Von Lutz Protze

Im September vor 101 Jahren wurde der markanteste und am meisten bestaunte Gipfel des Elbsandsteingebirges erstmals bestiegen: die Barbarine am Pfaffenstein. Diese Felsnadel ist heute wegen des porösen Gipfelkopfes gesperrt. Viele ältere Bergsteiger hatten noch das Glück, auf dem Gipfel zu stehen. Sie sprechen mit Hochachtung von den Erstbesteigern, die mit Mut und Können den Gipfel bestiegen: Rudolf Fehrmann und sein Seilgefährte Oliver Perry-Smith. Fehrmann war von 1904 bis zum Ersten Weltkrieg einer der bedeutendsten Erschließer im Elbsandstein. Davon zeugen viele schwierige Erstbesteigungen, z. B. 1906 der Südriss am Dreifingerturm. Auch an der Erstbesteigung des Teufelsturmes am 9. September 1906 war er beteiligt. Da ist es fast selbstverständlich, dass es auch in den Alpen einige schöne, schwierige „Fehrmannwege“ gibt. Noch bedeutender als die sportlichen Leistungen waren seine organisatorischen Fähigkeiten. So gab er 1908 den ersten Kletterführer heraus. Den „Fehrmann“ nannten ihn die Kletterer bald. Es gelang ihm, die Ablehnung künstlicher Hilfsmittel durchzusetzen und das „sächsische Bergsteigen“ zu begründen. Seine bergsportlichen Grundsätze gelten im Elbsandstein im Wesentlichen noch bis heute.

In der guten Hose am Mönch

Fehrmanns berufliche Entwicklung führte über ein Jurastudium in Leipzig zum Rechtsanwalt. Viele Ehrenämter gaben ihm die Möglichkeit, sich auch in der Nazizeit für seinen Sport einzusetzen. Als 1938 im „Naturschutzgebiet Bastei“ ein Kletterverbot ausgesprochen wurde, bestand er auf einer Untersuchungskommission. Zum Lokaltermin am Kletterfelsen Mönch erschienen ein Oberforstmeister, ein Regierungsdirektor und Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann. Als die Diskussion festzufahren drohte, verlor der damals 52-jährige Fehrmann die Geduld, zog die Schuhe aus und kletterte in guter Hose und Socken seinen Fehrmannweg am Mönch, immerhin eine zünftige V. Mutschmann soll entnervt gerufen haben: „Kommen Sie runter, Fehrmann. Das ist ja Selbstmord. Ich kann es nicht mehr mit ansehen.“ Das Kletterverbot wurde aufgehoben. Im Zweiten Weltkrieg wurde Fehrmann zum Wehrmachtsrichter berufen. 1945 wurde er verhaftet. Es konnten ihm aber keine Willkürurteile nachgewiesen werden. Kurz vor seinem Tod schrieb er, dass die meisten Anklagepunkte widerlegt seien und er mit seiner Entlassung rechne. Das sollte er nicht mehr erleben. Am 6. März 1948 starb Fehrmann im Lager Fünfeichen bei Brandenburg an Tuberkulose.