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Freitag, 10.01.2014

Rechtsextrem im Internet

Neonazis hoffen auf Wirkung im Netz und umwerben Jugendliche. Ein „Atlas“ des Verfassungsschutzes klärt auf.

Von Thilo Alexe

Rechtsextremisten haben das Internet als wirkungskräftiges Kommunikationsmedium für sich entdeckt.
Rechtsextremisten haben das Internet als wirkungskräftiges Kommunikationsmedium für sich entdeckt.

Dresden. Auch Kinder klicken drauf: Rechtsextremisten haben das Internet als wirkungskräftiges Kommunikationsmedium für sich entdeckt. Mehr als 90 sächsische Seiten im Netz stuft das Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistisch ein. Darüber hätten Neonazis „die Möglichkeit, allein über ihre offenen Angebote eine unüberschaubare Zahl vor allem jugendlicher Nutzer zu erreichen“, heißt es in einer Analyse des Geheimdienstes. Nach einer 2010 entstandenen Studie eines medienpädagogischen Instituts hatte bereits knapp jeder vierte Internetnutzer zwischen 12 und 19 Jahren Kontakt mit rechtsextremistischen Online-Angeboten.

Dem will der sächsische Verfassungsschutz entgegensteuern. In einem sogenannten „Internetatlas“ klärt das Landesamt über Rechtsextremisten im Netz auf. „Er sensibilisiert für entsprechende Internetseiten, für rechtsextremistische Aktivitäten in Foren und sozialen Netzwerken und für rechtsextremistische Internetradios“, sagt Verfassungsschutzpräsident Gordian Meyer-Plath. Er sieht das Angebot als Ratgeber: „Diese Informationen sollen sowohl die Zivilgesellschaft als auch die öffentliche Hand bei ihrem Kampf gegen den Rechtsextremismus unterstützen.“

Im Netz verfolgen Neonazis vielschichtige Strategien. Sie verbreiten nicht nur aggressive Hassparolen. Häufig geben sie sich, wie Jugendschützer unlängst feststellten, als Kümmerer, die vor allem jugendlichen Nutzern Action und Events versprechen. Der rechtsextremistische Kern einer Seite ist – vor allem für Eltern – oft nicht gleich erkennbar.

Auf den ersten Klick Kritik

Wer eine der vier vom Verfassungsschutz für Sachsen aufgeführte Homepages aufruft, die mit „Nationale Sozialisten“ beginnt, dürfte wenig überrascht sein. Andere Seiten, die der Geheimdienst als rechtsextremistisch bezeichnet, gruppieren sich um wesentlich unverfänglichere Stichworte wie etwa Mauerblümchen. Häufig geht es um vermeintliche Ungerechtigkeit gegenüber Einheimischen und Kritik am Kapitalismus. Harte Nazipropaganda findet sich auf den ersten Klick nicht.

Die meisten der von Sachsen aus gestalteten rechtsextremistischen Internetauftritte verortet der Atlas in Leipzig: 22. Für den Dresdner Raum nennt er zwölf, zehn sind es in der Sächsischen Schweiz. Doch Neonazis sind nicht nur mit klassischen Seiten im Netz präsent. Sie nutzen auch Twitter und Facebook, stellen Filme von Demonstrationen bei Youtube ein und bloggen. Schnell können sie Strukturen aufbauen und wie 2011 in Bautzen flugs Fackelmärsche mit rund 200 maskierten Teilnehmern organisieren. Mit schmissigen Klängen unterlegte Zusammenschnitte der schaurigen Aktion kursieren noch heute im Netz.

Der Atlas listet neben den Internetseiten auch nach Verfassungsschutzeinschätzung rechtsextremistische Adressen in sozialen Netzwerken auf. Zudem gibt er einen Überblick über braune Internetradios. „Sie spielen eine wichtige Rolle, um Jugendliche an rechtsextremistische Musik heranzuführen“, heißt es.

Was aber sollen Eltern oder Lehrer tun, wenn sie erkennen, dass Jugendliche solche Angebote nutzen und womöglich über Internetkanäle Kontakt zu Rechtsextremisten halten? Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC), das zu diesem Thema Projekttage für Jugendliche anbietet, rät zum Gespräch. „Eltern sollten sich mit ihrem Kind hinsetzen und etwa den Text eines Rechtsrocksongs durchgehen“, sagt Benjamin Winkler vom NDC. „In den seltensten Fällen werden sie feststellen, dass die Inhalte tatsächlich der Meinung des Jugendlichen entsprechen.“ Heranwachsende seien in ihrem Weltbild meist noch nicht gefestigt.

Oft schauten sie aus Neugier auf rechtsextreme Seiten. Für Schulen empfiehlt das mehrfach ausgezeichnete NDC eine andere Strategie. „Online wie offline gilt: Jugendliche lernen viel von anderen Jugendlichen“, betont Winkler. Es gelte, Schüler für den Umgang mit den oft gut verpackten menschenverachtenden Inhalten zu sensibilisieren. Gehen sie gekonnt dagegen vor, zeige das mehr Wirkung als mahnende Worte von Erwachsenen. „Das“, sagt Benjamin Winkler, „ist aber ist ein langfristiger Prozess.“

Der Internetatlas zum Download

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