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Rätselraten um XXL-Windrad

In Windfeld Reichenbach wächst ein solcher Riese. Ob beim Bau alle Vorschriften eingehalten wurden, ist ungewiss.

13.01.2018
Von Constanze Junghanss

en um XXL-Windrad
Wie nah sollen Windräder an den Wohnhäuser stehen? Zwar gibt es Vorschriften, aber manchem gehen die schon zu weit. Diese Windräder bei Niederreichenbach akzeptieren die Anwohner.

© Archivfoto: Nikolai Schmidt

Das eher unscheinbare Schild auf der Landwirtschaftsstraße gegenüber dem Abzweig Borda ist neu. „Achtung! Gefahr durch Eisabwurf!“ steht da in deutscher und englischer Sprache geschrieben. Ob diese „Wurfgeschosse“ von den umliegenden Windrädern kommen könnten, steht nicht mit dabei. Andere Bauwerke sind aber auf den Feldern weit und breit keine zu entdecken. Die Landwirtschaftsstraße, die ein Stück parallel an der B 6 entlangführt und die S 111 kreuzt, liegt mitten im Windfeld Reichenbach. Baugeräusche tönen, Erdwalle türmen sich auf und schwere Technik ist zu sehen. Ab und an halten Autos und Fahrradfahrer, um das Geschehen aus der Ferne zu beobachten: große Maschinen und Krane.

Ein Containerdorf befindet sich auf dem Acker. Seit einigen Wochen wird eine neue Windkraftanlage errichtet – mit den Rotorblättern rund 200 Meter hoch. Und damit doppelt so groß, wie die anderen Anlagen von Reichenbach. Beim sogenannten Repowering werden Windenergieanlagen der ersten Generation durch leistungsstärkere ersetzt. Sie sind in der Regel bedeutend größer als die Energieerzeuger von vor 20 Jahren. Auf dem Sohländer Windfeld und zwischen Neucunnewitz und Tetta stehen bereits solche Riesen. Gegen die Errichtung der Anlagen gab es in allen Orten Widerstand, allerdings ohne Erfolg. Zwischen Sohland und Deutsch Paulsdorf sind jetzt zwei weitere riesige Anlagen zum Jahresende in den Probebetrieb gegangen. Das bestätigt die Stadtverwaltung Reichenbach.

Das Reichenbacher Windrad sollte eigentlich am 29. Dezember in Betrieb genommen werden. Wodurch es zur Verzögerung kommt, darauf antwortet die Dresdner Firma Boreas als Betreiber bis Freitagnachmittag auf SZ-Nachfrage nicht. Und ebenso wenig darauf, wie groß der Abstand zur Staatsstraße 111 ist. Rein optisch betrachtet, scheint dieser Abstand zur Straße zu gering zu sein. „Bezüglich des Abstandes zur S 111 gab es keine Anmerkungen oder Bedenken zum Antrag“, teilte das Umweltamt des Landkreises auf Nachfrage mit. Ordnungs- und Straßenverkehrsamt seien am Genehmigungsverfahren beteiligt gewesen. Ebenso wie das Amt für Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungswesen. Dass Windräder auch in Brand geraten können, zeigen Fälle unter anderem bei Magdeburg, im Münsterland oder im April 2017 in Fiefbergen in Schleswig-Holstein. Videos und Medienberichte findet man darüber im Internet.

Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) weiß ebenfalls nicht, wie groß der Abstand zwischen Windrad und Staatsstraße ist. „Aktuell liegt unserer Niederlassung in Bautzen kein Vorgang zu einer neuen Windkraftanlage vor“, sagt Pressesprecherin Isabel Siebert.

Zu Fuß ist derzeit kein Rankommen an den Riesen. Einerseits schützt ein Sicherheitsdienst aus Meißen die Maschinen und das Baumaterial direkt an dem Abzweig von der S 111. Andererseits versperren die Schneezäune auf dem Feldbereich den Durchgang. Eine Bauabnahme im eigentlichen Sinne erfolge durch den Landkreis Görlitz nicht. Die Bauaufsicht führe lediglich eine Besichtigung durch, teilte die Pressestelle des Landkreises mit. Ein Prüfingenieur sei für die Einhaltung der Standsicherheit durch das Bauaufsichtsamt beauftragt worden. „Dieser prüft die Statik und überwacht die Bauarbeiten bis zur Fertigstellung“, sagt Kreissprecherin Julia Bjar.

Ein Gutachten zur Tierwelt wurde im Zuge des Genehmigungsverfahrens erarbeitet, „um betroffene geschützte Tierarten wie Fledermäuse oder Vogelarten nicht zu gefährden.“ Dass von Windenergieanlagen Emissionen in Form von Lärm und Schattenwurf ausgehen, bestätigt die Pressesprecherin. Die Immissionsrichtwerte zu nächstgelegenen Wohnhäusern würden aber eingehalten.

Als im September die ersten Vorarbeiten zum Repowering begannen, gab es dazu keine Informationen für die Bürger der naheliegenden Gehöfte. Offensichtlich steht nun der Aufbau des Windriesen kurz vor dem Abschluss.