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Mittwoch, 11.03.2015

Protest vor neuer Notunterkunft

38 Syrer wohnen seit gestern an der Dresdener Straße in Bautzen. Nicht alle sind mit den Bedingungen zufrieden.

Von Frances Scholz

Sie wollen nicht in die Bautzener Notunterkunft: 16 syrische Flüchtlinge protestieren an der Dresdener Straße. Mit den Bedingungen im Haus sind sie nicht zufrieden. Auf Pappschilder haben sie mithilfe eines Übersetzungsprogramms auf Deutsch geschrieben: „Das ist mein neues Zuhause“.
Sie wollen nicht in die Bautzener Notunterkunft: 16 syrische Flüchtlinge protestieren an der Dresdener Straße. Mit den Bedingungen im Haus sind sie nicht zufrieden. Auf Pappschilder haben sie mithilfe eines Übersetzungsprogramms auf Deutsch geschrieben: „Das ist mein neues Zuhause“.

© Uwe Soeder

Das ist mein neues Zuhause, ist auf den Pappschildern zu lesen. Dahinter stehen junge Männer mit verschränkten Armen. Hinter ihnen, auf dem Gehweg, sitzen noch weitere Männer. Alle stammen aus Syrien. Ihre Habseligkeiten sind in Plastiktüten verstaut. Die liegen ebenfalls auf dem Gehweg an der Dresdener Straße in Bautzen. Die 16 Männer sind erschöpft, haben Durst und Hunger.

Mit dem Bus kamen sie und 22 weitere Syrer gestern Vormittag aus der Notunterkunft in Großröhrsdorf nach Bautzen. Hier sollten die 20- bis 30-Jährigen in die neu eingerichtete Notunterkunft an der Dresdener Straße ziehen. Doch das will knapp die Hälfte von ihnen plötzlich nicht mehr. „Lieber bleiben wir hier auf der Straße“, sagt Syrer Domo Ali. Grund für ihre Protesthaltung sind falsche Versprechungen, die ihnen angeblich gemacht wurden. „Man hat uns gesagt, dass wir in Bautzen Zwei- bis Vier-Bettzimmer bekommen und so endlich ein bisschen Privatsphäre haben.“

Kleine Sanitärräume

Monatelang haben sie erst in Schneeberg in der Erstaufnahmestelle gelebt und zuletzt in Großröhrsdorf in einer Turnhalle. Nun hofften sie auf bessere Bedingungen. Doch in der Bautzener Notunterkunft erwarten sie Doppelstockbetten und eine Belegung von zehn Personen pro Zimmer. Insgesamt ist Platz für 60 Flüchtlinge an der Dresdener Straße. Die Sanitärräume seien nur sehr klein und man müsse weit bis dorthin laufen, schildern die Syrer ihre Eindrücke. „Hier ist es nicht besser als in den anderen Unterkünften. Wir wollen einfach nur wie Menschen behandelt werden und eine bessere Unterbringung bekommen“, verlangt Domo Ali. Sie seien schließlich keine Kriminellen. Viele hätten studiert. Unter ihnen seien drei Doktoren, Ingenieure und Pharmazeutiker.

Für die Heimleitung ist dieser Widerstand eine große Überraschung. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass so etwas passiert. So was ist vorher auch noch nie vorgekommen. Es tut uns leid, dass es ihnen nicht gefällt“, sagt Leiter Volker Bühring. Er arbeitet für das Bremer Unternehmen Human Care. Dieses betreibt deutschlandweit mehr als 60 Asylheime. Auch in Kamenz ist die Firma für ein Heim zuständig. Volker Bühring hatte die Hoffnung, dass sich die Flüchtlinge in der Bautzener Notunterkunft wohlfühlen. „Schließlich gibt es ja eine Verbesserung gegenüber der Situation in der Großröhrsdorfer Turnhalle“, sagt er. Die Betten, Schränke und Küchen wurden erst am Montag in der Notunterkunft in Bautzen aufgebaut. „Die Möbel sind alle neu.“ Zudem gibt es drei Sozialarbeiter, die die Syrer an der Dresdener Straße betreuen. Einer von ihnen ist Abu Fadda Raed aus Jordanien. Er spricht Arabisch und ist ebenfalls von der Protesthaltung überrascht. „Ich habe mehrfach mit ihnen gesprochen, sie versucht zu beruhigen und dazu zu bringen, in die Notunterkunft einzuziehen. Sie haben hier in Bautzen wohl einfach etwas anderes erwartet“, sagt er.

Spannungen in der Gruppe

Die 22 anderen Syrer, die ihre Zimmer bezogen haben, können den Aufstand nicht so richtig nachvollziehen. Heimleiter Volker Bühring hat Spannungen in der Gruppe beobachtet. „Es herrscht Uneinigkeit unter den Männern“, sagt er. Mit einer anderen Unterkunft können die 16 Syrer auf der Straße allerdings nicht rechnen. „Wo soll die andere Unterkunft denn her kommen?“, fragt Sozialarbeiter Abu Fadda Raed. Es sei die freie Entscheidung der jungen Männer, weiterhin auf der Straße zu sitzen. Die Sozialarbeiter können sie nicht zwingen, in das Haus zu kommen. „Unsere Tür steht aber die ganze Zeit für sie offen. Sie sind immer willkommen. Wir hoffen, dass sie ihre Meinung noch ändern und einziehen“, sagt Heimleiter Volker Bühring.

Mit der Reaktion der Asylbewerber hatte man auch im Bautzener Landratsamt nicht gerechnet. „Wir dachten, die Flüchtlinge sind froh, dass sie aus Großröhrsdorf rauskommen.“ Woher die Versprechungen mit den Zwei- und Vierbettzimmern kamen, ist unklar. Die Bautzener Notunterkunft wird für die 38 Syrer nur eine Zwischenstation sein. „Wenn Platz in einem Asylheim ist, werden sie dorthin umziehen“, sagt Landkreissprecher Gernot Schweitzer. Demnächst sollen ein Heim in Häslich im Haselbachtal und weitere Räume im Bautzener Greenpark bezugsfertig werden. „Im April könnten sie, wenn alles so weit klappt, umziehen.“

Bürgerbündnis will Kontakt aufnehmen

Das Bürgerbündnis „Bautzen bleibt bunt“ will sich aber bereits vor einem weiteren Umzug um die Syrer kümmern. „Wir werden versuchen, noch diese Woche Kontakt aufzunehmen“, bestätigt Manja Richter vom Bürgerbündnis. Gestern Nachmittag konnte Sozialarbeiter Abu Fadda Raed die jungen Syrer dann doch noch überzeugen, ihre neue Unterkunft zu beziehen.