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Samstag, 06.12.2014

Passant an Asylunterkunft attackiert

Seit die ersten Flüchtlinge in Großröhrsdorf eingetroffen sind, häufen sich Vorfälle. Es brannte, und Eltern sind besorgt.

Von Reiner Hanke

Gleich mehrfach mussten Rettungskräfte Ende der Woche zur Notunterkunft für Asylbewerber nach Großröhrsdorf eilen. Die Feuerwehr löschte Donnerstagabend einen brennenden Haufen mit Müll vor dem Quartier.
Gleich mehrfach mussten Rettungskräfte Ende der Woche zur Notunterkunft für Asylbewerber nach Großröhrsdorf eilen. Die Feuerwehr löschte Donnerstagabend einen brennenden Haufen mit Müll vor dem Quartier.

© Löb

Bis Freitagmittag mussten Polizei und Rettungskräfte gleich viermal zur Notunterkunft für Asylbewerber in Großröhrsdorf ausrücken. Dort waren erst am Donnerstag die ersten Flüchtlinge eingetroffen. Zuletzt waren Polizei und Retter Freitagmittag gegen 14 Uhr vor Ort, als eine Situation eskalierte. Jetzt kursieren wilde Geschichten. Ein junger Mann sei in der Nähe des Gymnasiums unterwegs gewesen, spazieren. Großröhrsdorfer berichten davon, wie der Mann von einem der Asylbewerber mit einem Messer attackiert worden sei.

Zum tatsächlichen Hergang gehen die Informationen jedoch auseinander. Die Polizei bestätigte nicht, dass es sich bei dem Angreifer um einen der Asylbewerber handelte. Sie dementiert es aber auch nicht. Der verletzte Passant sei 23 Jahre alt. Bereits gegen 13.15 Uhr sei er unweit des Sportplatzes und der Notunterkunft ohne Vorwarnung attackiert worden. Dabei erlitt er laut Polizei leichte Verletzungen. Von einem Messer ist nicht die Rede. Der Angreifer sei unerkannt entkommen. Ein „südländischer Typ mit Dreitagebart“, so die Polizei nach Angaben des Opfers. Der Rettungsdienst brachte den 23-Jährigen in ein Krankenhaus. Nun ermittelt die Kriminalpolizei. Dabei werde auch eine Rolle spielen, warum zwischen dem Vorfall und dem Notruf etwa eine halbe Stunde Zeit verging, so der Görlitzer Polizeisprecher Thomas Ziegert. Die Mutter einer Gymnasiastin berichtete später von ihren Beobachtungen. Der Mann habe geblutet und sei von Schülern gestützt worden. Kinder hätten die Szene beobachten müssen: „Wie sollen sie das verkraften?“

Kette von Vorfällen

Das war nur das Ende einer Kette von Vorfällen, seitdem die ersten Asylbewerber ihr Quartier in der alten Turnhalle am Großröhrsdorfer Schulzentrum bezogen hatten. Nach Informationen des Landratsamtes sind es 17 Tunesier. Die Motive für die Vorfälle sind laut Polizei noch unklar. Bereits während der Einweisung durch Mitarbeiter der Ausländerbehörde sowie Sozialbetreuer und weiteres Personal der Firma European Homecare, Manager der Einrichtung, fielen zwei Tunesier auf. Sie fühlten sich Donnerstagnachmittag krank, einer trug sich offenbar mit Selbstmordgedanken. Der Rettungsdienst wurde alarmiert. Einer der Männer sollte ins Krankenhaus gebracht werden, weigerte sich aber. Auch die Polizei war vor Ort. Die Aktion wurde abgeblasen, weil aus Sicht der Kreisbehörde nicht erkennbar war, dass Gefahren von den Männern ausgehen könnten.

Doch schon wenige Stunden später musste die Polizei erneut anrücken und die Feuerwehr noch dazu. Zuerst war laut Polizei von Auseinandersetzungen unter Bewohnern in der Unterkunft die Rede. Tatsächlich randalierte ein offensichtlich betrunkener Bewohner. Ein Alkoholtest bei dem 26-Jährigen ergab fast zwei Promille. Er beschädigte mehrere Raumteiler. Vor der Unterkunft setzte der Mann aus Tunesien Pappen in Brand. Auch Gardinen aus der Halle gingen in Flammen auf, berichten Augenzeugen. Das Feuer konnte schnell gelöscht werden. Gernot Schweitzer, Pressesprecher im Landratsamt erklärt: „Es gab keine Verletzten. Der Qualm ist aber in die Halle gezogen.“ So mussten die Feuerwehrleute Lüfter einsetzen, um die Rauchschwaden aus der Halle zu blasen. Den Brandstifter nahm die Polizei fest.

Dicke Luft gab es trotzdem schon bald wieder. Freitagmittag hatte sich ein Bewohner selbst mit einem Messer verletzt. Erneut mussten Rettungsdienst und Polizei alarmiert werden. Nach Informationen der Polizeidirektion Görlitz stand der wahrscheinlich unter Drogeneinfluss und hatte gesundheitliche Probleme. Er wurde in ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie eingewiesen, so Polizeisprecher Ziegert.

Noch keine Zeugen gefunden

Wenige Stunden später kam es zu der Attacke in der Nähe des Schulkomplexes. Die Polizei ermittle mit Nachdruck, so Ziegert. Bislang kenne die Polizei aber noch niemanden, der die Szene tatsächlich beobachtet hat. Zeugen werden dringend gesucht. Dafür meldeten sich gestern sehr aufgebrachte Eltern von Schülern. Die Turnhalle grenzt direkt an die Oberschule Rödertal und ans Gymnasium. Eine Mutter hatte kurz nach dem Angriff ihre Tochter abgeholt und sagte am SZ-Telefon: „Wir haben Angst um unsere Kinder.“ Es müsse doch zu allererst die Sicherheit der eigenen Bürger gewährleistet sein. Aber die Situation werde in diversen Infoveranstaltungen nur verharmlost. Die Stadtführung wollte sich gestern nicht zu den Vorfällen äußern.

In den vergangenen Tagen waren viele Großröhrsdorfer darum bemüht, eine Willkommenskultur zu entwickeln. Von Gästen auf Zeit war die Rede. Der Kreis hatte rund 13 000 Euro investiert, um die Halle mit Trennwänden und neuer Technik für 50 Flüchtlinge als Übergangsquartier herzurichten. Es gab aber auch warnende Stimmen. Dieser Standort an einem Schulzentrum und diese Halle überhaupt seien nicht geeignet als Unterkunft, kritisierten die Freien Wähler. Auch Konflikte mit den Schulen wurden befürchtet. Kritik an Turnhallen als Notunterkünften kam auch von der Linken im Kreis und vom Flüchtlingsrat.