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Montag, 25.01.2016 Patente Sachsen

Papier schlägt Stein

Die Architekten von Nordwerk bauen aus Pappe Löwen und Sessel. Mit ihrer Bautechnik geht es aber noch größer.

Von Susanne Sodan

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Nur Pappe? Passt und wackelt nicht: Geschäftsführer Maximilian Hansen in seiner Werkstatt in Dresden.
Nur Pappe? Passt und wackelt nicht: Geschäftsführer Maximilian Hansen in seiner Werkstatt in Dresden.

© kairospress

Die Kaffeetassen verschwinden dauernd. „Ich habe mir gerade erst eine neue gekauft, eine mit den Minions drauf. Die ist schon wieder weg.“ Dabei braucht Maximilian Hansen seinen Kaffee – zum Arbeiten bis spät in die Nacht hinein. Nachts hat auch alles angefangen. Damals noch in seinem Büro an der TU Dresden begann Maximilian Hansen zu basteln. Mit Pappe und Papier, mit Schere und Cuttermesser. „Es war wirklich anstrengend, bis zum nächsten Morgen immer wieder alles aufzuräumen.“

Jetzt hat er Platz, in der Gambrinusstraße 14 in Dresden – das Haus der verschwundenen Tassen. Große, feste Pappen lehnen gestapelt an nackten Ziegelwänden. Unter Neon-Röhren und Stahlträgern steht eine selbstgebaute Arbeitsfläche aus Kisten und Pressspanplatten. „Das Gebäude war früher eine Schmiede“, erzählt Hansen. „Wir mussten erst mal jemanden finden, der sich mit der alten Elektrik hier auskennt.“ Was es heute ist, darauf deutet nur ein kleiner Graffiti-Schriftzug auf grauer Wand: Nordwerk. Hier haben sich Hansen und sein Mitstreiter Daniel Fucke vor drei Jahren einquartiert – für größere Papp-Experimente. Überall auf dem rohen Steinboden stehen die Ergebnisse: Sessel, Liegen, Tische, Lampenschirme, in einer Ecke ein Löwe, ein paar Stockwerke höher das Kronentor des Zwingers – alles aus Industriepappe, alles gebaut mit einer innovativen Technik. Erfinderisch war Maximilian Hansen bereits, bevor er mit Nordwerk angefangen hatte. „Ich habe Architektur studiert“, erzählt er. Nach dem Abschluss blieb er an der Uni. Montag und Dienstag: Lehrveranstaltungen. Rest der Woche: Vorbereitungen. „Ich habe angefangen, mich zu langweilen.“ Seinem ehemaligen Studienfreund, der nach dem Studium in einem Architekturbüro angefangen hatte, ging es ähnlich. „Also haben wir angefangen rumzuprobieren.“ Heraus kam dabei zum Beispiel eine Fotobox. Die Idee war erst mal nicht neu. Aber die Fotobox der beiden war größer als die üblichen Automaten, aus Holz und mobil. „Man konnte dann digital einen Hintergrund auswählen und das Foto direkt auf sein Handy oder ins Internet hochladen.“ Eine Spielerei. Das war anfangs auch die Sache mit den Möbeln.

„Ich hatte mich mit freitragenden Konstruktionen beschäftigt. So etwas hat bestimmt jeder schon einmal gesehen.“ Ein Beispiel ist das Kongresszentrum in Berlin, die schwangere Auster. Dächer oder Formen also, die in der Luft zu schweben scheinen. Statik – das ist Maximilian Hansens Leidenschaft. In seinem Studium hatte er sich auf Baustatik spezialisiert. „Das hört sich nicht besonders sexy an. Aber mich fasziniert es. Welche Kraft muss an welcher Stelle wie wirken?“ Damit freitragende Konstruktionen das Fliegen lernen, braucht man Unterbauten, also das Negativ zu dem später frei stehenden Dach. „Solche Unterkonstruktionen sind oft sehr teuer, werden am Ende aber nur entsorgt.“ Die Frage lautete: Lassen sich die Negative nicht günstiger herstellen? Ja, mit Pappe, einem leichten und noch dazu wiederverwertbaren Material. Die einzelnen Pappen werden dabei über Kreuz ineinander gesteckt. Am Ende fand Maximilian Hansen die Unterbauten viel interessanter als die freitragenden Konstruktionen selbst. Weil man noch viel mehr daraus machen kann.

„Als wir uns damit selbstständig machten, dachten manche Leute, wir hätten einen Knall.“ Ihr mit euren Papp-Möbeln, diesen Satz hat Maximilian Hansen schon oft gehört. „Wir mussten aus Platzgründen mit kleinen Dingen anfangen. Deshalb die Möbel.“ Mit der Zeit wurde Nordwerk aber darauf reduziert. „Das hat uns so genervt, dass wir gesagt haben: Jetzt machen wir etwas ganz anderes.“ Einen Löwen.

Einen der Löwen wollte er der Stadt Dresden als Dauerleihgabe überlassen, einfach aus Spaß und weil es passte. „Das Stadtmarketing war daran aber überhaupt nicht interessiert“, erzählt Hansen und zuckt mit den Schultern. „Die Stadt hat so viel Potenzial mit ihren 40 000 Studenten, mit der Internationalität. Aber ich habe den Eindruck, das Schwerfällige und Barocke überwiegt.“ Die Aufträge kamen nach und nach trotzdem.

Für die Fashion Week in Berlin haben die beiden Architekten zum Beispiel die Sitzgelegenheiten geliefert. Für ein Schuhgeschäft verkleiden sie gerade sämtliche Wände und die Decke mit weißen Papp-Formen. Sieht aus wie eine Mischung aus Eishöhle und Kirche. Damit ist Hansen einer der wenigen Erfinder, die von ihrer Innovation auch leben können. Alles wird bei Nordwerk selbst gemacht, sogar die Zeichenmaschine ist Marke Eigenbau: eine feste Unterlage, Metallstreben aus dem Baumarkt, Stifte, Pinsel, Schlüsselringe, Kabelband – ein echtes Tüftler-Werk. „Wenn es an den Bau von Auftragswerken geht, beauftragen wir allerdings Handwerker in der Region.“

Privat besitzt Maximilian Hansen keine seiner Nordwerk-Möbel. „Ich lebe noch in meiner Wohnung aus Studienzeiten“, erzählt er. Und die ist eher im Biedermeier eingerichtet. Dort darf man den Möbeln ihr Alter ruhig ansehen. „Ich mag es gar nicht, wenn Möbel so glänzen, dass man sich gar nicht getraut, sie zu berühren.“ Ein Erbe seines Vaters, er war Antikhändler. Lediglich im Kleiderschrank zeigt sich die Vorliebe für klare Formen. „Ich habe bestimmt hundert Karohemden“, sagt Maximilian Hansen und lacht. Als Widerspruch sieht Maximilian Hansen das nicht.

Ohnehin verbringt er die meiste Zeit im Hinterhof-Haus der Gambrinusstraße. Und hier treffen alle möglichen Stile aufeinander: Das Gebäude aus der Gründerzeit, die funktionale, unverputzte ehemalige Schmiede, die Tapeten und Öfen in den oberen Geschossen aus den 60er-Jahren, das Sofa in Maximilian Hansens Büro aus dem Biedermeier. In den Regalen reihen sich Architektur-Zeitschriften, Kataloge und Werke über Kunstgeschichte aneinander. „Mich inspirieren vor allem Architekten, die die Dinge auf ihren Kern herunterreduzieren können“, so Hansen. „Die Briten sind gut in reduzierten Formen, auch die Japaner.“ Und interessante Formen lassen sich überall finden, ob nun Bauhaus oder Biedermeier. Zigaretten helfen Maximilian Hansen bei der Suche. Und vor allem eines: Kaffee.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Henni Henssen

    Gestern Abend noch stieß ich auf die Abbildung eines Papp-Sessels von Nordwerk in einer Architektur-Zeitschrift und dachte, was für ein toller Sessel! Heute lese ich den Artikel in der SZ und bin überrascht, das Unternehmen befindet sich in Dresden! Ich teile die Meinung, dass Dresden viel offensiver und öffentlichkeitswirksam mit "seinen" Innovationen umgehen sollte.

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