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Donnerstag, 04.02.2016

Ohne Mäuse geht’s noch nicht

Mehr Versuchstiere, aber weniger Versuche gab es zuletzt in Sachsen. Nicht immer müssen Tiere um ihr Leben fürchten.

Von Susanne Sodan

Das Thema Tierversuche erhitzt die Gemüter noch immer.
Das Thema Tierversuche erhitzt die Gemüter noch immer.

© dpa

Weichmacher machen nicht nur Plaste weich, sondern auch Menschen dick. Warum genau das so ist, haben jetzt Forscher des Helmholtz-Zentrums in Leipzig herausgefunden. Mithilfe von Mäusen. Das Thema Tierversuche erhitzt die Gemüter noch immer. Unverzichtbar für wichtige medizinische Erkenntnisse, sagen die einen, unnötige Tierquälerei die anderen. „Das Bestreben ist groß, auf Tierversuche verzichten zu können“, sagt Konrad Kästner, Sprecher der medizinischen Fakultät an der TU Dresden. „Allerdings sind wir davon noch weit entfernt.“

Mäuse und Zebrafische sind die Tiere, die in der medizinischen Fakultät am häufigsten für Versuche eingesetzt werden. An ihnen werden zum Beispiel Immunkrankheiten, Parkinson oder auch Alzheimer erforscht. Nach den neusten Zahlen von 2014 wurden in Sachsen insgesamt mehr als 85 000 Tiere zu Versuchszwecken gehalten. Alternativen gibt es, erklärt Kästner, zum Beispiel Computersimulationen, Experimente mit Zellkulturen oder an isolierten Organen. Allerdings ist ein lebender Organismus eben sehr viel komplexer. Neben der TU Dresden und den Helmholtz-Zentren arbeiten zum Beispiel auch die Uni Leipzig, Max Planck oder das Fraunhofer Institut Leipzig mit Versuchstieren. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Mäuse. Fast 67 000 waren es im Jahr 2014, mehr als 6 000 Ratten, 156 Hunde, 4 000 Hühner, 48 Reptilien und 92 Goldhamster.

Labormäuse überleben selten

Die Zahl der Tiere, die für Versuche gehalten werden, hat sich von 2013 auf 2014 stark erhöht, um mehr als 10 400. Allerdings seien die Zahlen von 2014 mit denen der Vorjahre nicht vergleichbar, gibt Annett Hofmann, Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums, an. Die EU habe die Genehmigungsverfahren neu geregelt. Dadurch sei eine neue Zählweise entstanden. Die Zahl der Versuche hat unterdessen abgenommen. 227 waren es 2013, im Jahr darauf 164. Die Entwicklung seit 2014 ist noch nicht statistisch erfasst.

Für viele Tiere, gerade die klassischen Labormäuse, bedeuten die Tests den Tod. „In der Regel sind die durchgeführten Versuche für die Tiere bei uns nicht tödlich“, erklärt Jens Augustin, Sprecher des Fraunhofer-Institutes Leipzig. Allerdings werden sie nach den Versuchen getötet, um die Organe zu analysieren. In Leipzig wurde 2014 an 1 298 Mäusen, Ratten und Schafen geforscht. Das Ziel: neue Therapien bei Schlaganfall, gegen die Graft-versus-Host-Krankheit oder auch Wirkstoffe zur Behandlung entzündlicher Erkrankungen.

Vieles, was in Sachsen unter der Bezeichnung Tierversuch läuft, entspricht andererseits nicht den üblichen Vorstellungen. Zum Beispiel hält auch das Landesamt für Umwelt Versuchstiere, aber nicht für klassische Tierversuche, erklärt Sprecherin Karin Bernhardt. Die Tiere gehören zum Lehr- und Versuchsgut Köllitsch und den Versuchsteichanlagen in Königswartha – um die Azubis praktisch auszubilden. „Gelegentlich führen wir auch Versuche mit Tieren durch“, erklärt Bernhardt. Allerdings seien das Tests, die für das Tier durchgeführt werden. Zum Beispiel, um Haltungs- und Fütterungsbedingungen zu verbessern. Als Tierversuch gilt das trotzdem, vor allem wenn zur Auswertung Blut-, Haar- oder Kotproben entnommen werden.

Grüne fordern Reduzierung

Wie umstritten das Thema ist, zeigt sich schon daran, dass gleich zwei Landtagsabgeordnete in den vergangenen Wochen zu den Tierversuchen in Sachsen bei der Regierung angefragt haben: Grünen-Politiker Volkmar Zschocke und Susanne Schaper von der Linken. Die Zahlen seien in der Größenordnung erwartbar gewesen, sagt Zschocke. „Dies kann aber nicht bedeuten, dass alles in bester Ordnung ist.“ Vor allem die hohe Zahl der Versuchstiere bereitet ihm Sorge. Er fordert, die Erforschung alternativer Verfahren stärker zu fördern.

Ob ein Tierversuch durchgeführt werden darf oder nicht, darüber entscheidet die Landesdirektion, gemeinsam mit einer Kommission, mit den Tierschutzbeauftragten und in Einzelfällen mit externen Gutachtern. Gerd Möbius, Tierschutzbeauftragter an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Uni Leipzig, achtet dabei vor allem auf drei Punkte. „Zum einen geht es um die ethische Vertretbarkeit.“ Wie groß ist die Bedeutung des Tests? Geht es also um ein Mittel gegen Krebs oder das hundertste Schmerzmittel? „Wichtig ist für mich auch zu prüfen, wie groß die Belastung für das Tier ist und ob wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, um diese Belastung zu verringern.“ Außerdem wird geprüft, ob ein Versuch mit Tieren wirklich unerlässlich ist. Oder gibt es bereits ähnliche Studien? Ist die Forschungsfrage nicht auch mit Methoden ohne Tiere zu klären? „Und dann muss man abwägen.“

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