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Montag, 04.01.2016

Notgeburt nach Explosion

In Görlitz gab es eine Explosion in einem Wohnhaus - nun ermittelt die Polizei gegen einen Polen und dessen Propangas-Praktiken.

Die Wohnung, in der es zu der Explosion kam, ist komplett verwüstet.
Die Wohnung, in der es zu der Explosion kam, ist komplett verwüstet.

© Nikolai Schmidt

Es ist ein trauriger Jahresbeginn. Wer die Verletzten sieht, weiß nicht, wie er sie beschreiben soll. Vier Menschen erleiden schwere Verbrennungen, schweben in Lebensgefahr. „Diese Bilder bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf“, sagt eine Nachbarin. Unsägliches Leid sucht am ersten Sonntag des Jahres eine Familie auf der Rauschwalder Straße in Görlitz heim.

Explosion in Görlitzer Wohnhaus

Warum sie in einem Haus lebt, das andere als Ruine schildern, wird noch zu klären sein. Der Familienvater sei der Hausmeister, sagt ein Handwerker. Er sei der Hausbesitzer, sagen Nachbarn. Fakt ist: Vater (42), Mutter (40) und Kinder (11, 9, 7, 3) leben per Einwohnermeldeamt registriert in der Rauschwalder Straße 16, alle anderen Etagen stehen leer. Ist es das Ziel der neuen Besitzer, sich das heruntergekommene Mehrfamilienhaus schrittweise herzurichten? Darauf deuten tschechische Handwerker, die am Sonntag im Hausflur werkeln – vom Familienvater beauftragt.

Minus acht Grad Celsius zeigt das Thermometer am frühen Sonntagnachmittag. Strom, Erdgas, Fernwärme indes fehlen im besagten Haus, für das die Stadtwerke lediglich einen Wasser-/Abwasser-Auftrag haben, wie Mitarbeiterin Belinda Brüchner bestätigt. Die Familie friert, doch dagegen gibt es zumindest Kachelöfen. Schnelle Wärme ist gefragt, der Wohnungsinhaber heizt mit Propangas an. So jedenfalls rekonstruiert es der Leiter der Görlitzer Feuerwehr, Brandrat Uwe Restetzki: „Es sieht so aus, als ob es dabei zur Verpuffung kam.“ Wie sich das Gas-Luft-Gemisch entzündete, versuchen Brandursachenermittler der Polizei herauszubekommen. Die Explosion indes hat gewaltige Folgen: Der Druck baut eine Feuerwalze auf, die durch das Haus zieht und überall Brandherde legt. „Es rauchte aus jeder Etage“, schildert Einsatzleiter Brandinspektor Remo Költzsch das Eintreffen der Feuerwehr. Menschen, die diese Feuerfront überrollt, tragen extreme Verbrennungen davon. Um Hilfe schreiend hält die Mieterin ein heftig blutendes Kind aus dem Fenster. Nachbarn wählen den Notruf der Polizei. Erst diese verständigt dann Notarzt und Feuerwehr. 15.26 Uhr löst die Rettungsleitstelle Großalarm aus. Neben den vier Schwerstbetroffenen gibt es weitere sieben Verletzte. Die beiden tschechischen Handwerker (28, 30), die ihrerseits eine Frau (31) und zwei Kinder (7, 4) dabeihaben, werden mit der Drehleiter aus dem Dachgeschoss gerettet, in das sie sich geflüchtet haben.

Die Wehrleute dringen unter Atemschutz in die Etagen vor. Sie schleppen mehrere Propangasflaschen unterschiedlicher Fabrikate aus dem Haus, entdecken später noch weitere in von Gerümpel verstellten Zimmern. Brandrat Restetzki ist von diesem Ausmaß erschüttert: „Wir können von Glück reden, dass es keine Toten gab.“ Die Brandbekämpfung geht dann mit mehreren Löschtrupps ziemlich schnell. Ein Mitarbeiter der Stadtwerke sichert einen Gasanschluss außerhalb des Gebäudes und unternimmt Erdgasmessungen, die ergebnislos verlaufen und damit eine Explosion durch solches Gas ausschließen.

Das Aufgebot der Retter und Helfer ist enorm. Allein 95 Feuerwehrleute sind beteiligt. Neben der Berufsfeuerwehr rücken freiwillige Feuerwehren aus allen Stadt- und Ortsteilen an. Zehn Löschfahrzeuge und neun Rettungswagen stehen schließlich bereit. Zwei Notärzte kümmern sich vor Ort, aus Dresden, Bautzen und Senftenberg machen sich Hubschrauber auf den Weg, um die Schwerverletzten in Spezialkliniken nach Berlin und Leipzig zu fliegen. Die Polizei sperrt die umliegenden Straßen ab. Mitarbeiter des Tierheims fangen den völlig verstörten Mischlingshund der betroffenen Familie ein. Und der Straßenwinterdienst muss ran, weil das Löschwasser die Straße in eine Eisfläche verwandelt hat.

Die Zahl der Betroffenen in Nummer 16 erhöht sich in der Nacht zum Montag auf zwölf, als die hochschwangere Mieterin ihr fünftes Kind im Klinikum per Notgeburt zur Welt bringt. „Inwieweit der Säugling durch die Verletzungen der Mutter beeinträchtigt ist, wird sich erst in den kommenden Wochen klären lassen“, sagt Polizeisprecher Tobias Sprunk. Er informiert auch darüber, dass die Kripo jetzt gegen den 42-jährigen Mieter ermittelt: wegen Herbeiführung eines Brandes.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Gerda

    Dubios. In einem leerstehenden Haus sind 7 Kinder und 5 Erwachsene bei einer Explosion und machen dort was mitten in der Stadt? Bin ja mal gespannt ob man zu den Personen und Umständen noch mehr erfährt.9 Schwer und 3 Leichtverletzte haben keinen schönen Jahresbeginn.

  2. Voker W.

    @Gerda: Im TV wurde gesagt, dass in dem Haus kein Strom, kein Wasser, keine Heizung existiert. Die Umstände sind sehr dubios.

  3. colate

    Auf den Bildern ist gut zu sehen, dass das Parterre bereits gegen unbefugtes Betreten gesichert war (die braunen Verkleidungen). Die Leute werden zu den Wohungslosen in Görlitz bzw. Zgorzelec gehören, die sich irgendwo Unterschlupf in leerstehenden Häusern suchen. Die Grenze ist doch offen, da ist es kein Problem in den deutschen Teil der Stadt zu wechseln. Es wird auch nicht das einzige Haus sein wo Leute illegal wohnen. Das Görlitzer Ordnungsamt interessiert das nicht, ob dort Menschen hausen. Es wäre doch mit Aufwand und unangenehmer Arbeit verbunden da mal einzugreifen. Lieber klappern sie die Stadt ab, um Hunde zu finden die nicht gemeldet sind und zu kontrollieren ob die Namen auf den Klingelschildern mit den Anmeldungen im Melderegister übereinstimmen. Es könnte ja einer die Zweitwohnung nicht gemeldet haben.

  4. Müller

    @colate: Nur wenn die Stadt auch Eigentümer das Hauses wäre, hätte sie die Aufgabe illegales Wohnen zu unterbinden. Wenn das Haus in Privatbesitz ist (wie die meisten Häuser), muss der Eigentümer für die Sicherheit des Haues sorgen, auch wenn es unbewohnt oder illegal bewohnt ist.

  5. Kurt Böttner

    Meine Hochachtung den Kameraden der Feuerwehren und den vielen anderen Helfern,die ihr Leben und ihre Gesundheit einsetzten. Aber Polizei und Zoll muß mit den wenigen Personal KFZ Diebstähle und Drogen fahnden und das Ordnungsamt ist auf Hundesuche.Früher hatte der ABV seinen Abschnitt unter Kontrolle.(Meldebuch)und die FW führte Brandschutzkontrollen durch.Die 12 Verletzten werden inSpezialkliniken versorgt.Aber wer bezahlt die Kosten?Ebenso für die Einsatzkräfte?Zu meiner aktiven Zeit gab es einen Katalog ,was eine Stunde der jeweiliegen Technik (ohne 4 Hubschrauber) Kostet.Das werden wir wohl nie erfahren.

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