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Freitag, 21.04.2017

Neues Schmuckstück für die Görlitzer Altstadt

Peter Michel baut eines der letzten unsanierten Häuser der Neißstraße aus, hat viel Ärger mit den Nachbarn – und findet ein verlorenes Zimmer.

Von Ingo Kramer

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Peter Michel und sein Sohn Franz-Josef freuen sich über die große Fensterfront in der Dachgeschoss-Wohnung. Oben rechts: Im Parterre haben sie einen kleinen Raum entdeckt, den sich (vermutlich seit Jahrhunderten) die Nachbarn einverleibt hatten. Unten rechts: Im ersten Stock gibt es aufwendig bemalte Holzbalkendecken. Fotos: Pawel Sosnowski
Peter Michel und sein Sohn Franz-Josef freuen sich über die große Fensterfront in der Dachgeschoss-Wohnung. Oben rechts: Im Parterre haben sie einen kleinen Raum entdeckt, den sich (vermutlich seit Jahrhunderten) die Nachbarn einverleibt hatten. Unten rechts: Im ersten Stock gibt es aufwendig bemalte Holzbalkendecken. Fotos: Pawel Sosnowski

© pawel sosnowski/80studio.net

  • Peter Michel und sein Sohn Franz-Josef freuen sich über die große Fensterfront in der Dachgeschoss-Wohnung. Oben rechts: Im Parterre haben sie einen kleinen Raum entdeckt, den sich (vermutlich seit Jahrhunderten) die Nachbarn einverleibt hatten. Unten rechts: Im ersten Stock gibt es aufwendig bemalte Holzbalkendecken. Fotos: Pawel Sosnowski
    Peter Michel und sein Sohn Franz-Josef freuen sich über die große Fensterfront in der Dachgeschoss-Wohnung. Oben rechts: Im Parterre haben sie einen kleinen Raum entdeckt, den sich (vermutlich seit Jahrhunderten) die Nachbarn einverleibt hatten. Unten rechts: Im ersten Stock gibt es aufwendig bemalte Holzbalkendecken. Fotos: Pawel Sosnowski
  • Das Haus Neißstraße 28 vor seiner Sanierung im Juni 2016 und mit fast fertiggestellter Fassade in dieser Woche. Nur im unteren Teil ist noch viel zu tun.
    Das Haus Neißstraße 28 vor seiner Sanierung im Juni 2016 und mit fast fertiggestellter Fassade in dieser Woche. Nur im unteren Teil ist noch viel zu tun.
  • Das Haus Neißstraße 28 vor seiner Sanierung im Juni 2016 und mit fast fertiggestellter Fassade in dieser Woche. Nur im unteren Teil ist noch viel zu tun.
    Das Haus Neißstraße 28 vor seiner Sanierung im Juni 2016 und mit fast fertiggestellter Fassade in dieser Woche. Nur im unteren Teil ist noch viel zu tun.

Peter Michel war mal kurz neugierig. Auf den alten Plänen vom Parterre seines Hauses Neißstraße 28 war noch ein kleiner Raum eingezeichnet, der aber in Wirklichkeit nicht da war. Alles zugemauert. „Da haben wir mal ein kleines Loch in die Wand geklopft“, erzählt er schmunzelnd. Dahinter fand er keinen Schatz, dafür aber die Besenkammer des Nachbarn, des Biblischen Hauses. „Das Zimmer wurde wahrscheinlich 300 Jahre lang von den Nachbarn genutzt“, sagt Michel. Jetzt haben sie ihre Tür zugemauert, Michel hat seine Seite geöffnet – und so gehört die Besenkammer wieder ihm. „Ein idealer Raum für einen Müllplatz“, findet Michel.

Der heute 54-Jährige stammt ursprünglich aus Ostritz, zog aber schon mit 18 Jahren nach Erfurt und acht Jahre später in den Raum Meiningen in Südthüringen, wo er bis heute lebt, für das Gericht arbeitet – und für die eigene Altersvorsorge ein paar Gründerzeit- und Jugendstilhäuser in Meiningen und Hildburghausen saniert hat. Den Bezug zur alten Heimat aber hat er nie verloren, sein Sohn Franz-Josef studiert inzwischen sogar seit einigen Jahren in Görlitz. Und irgendwie wünschte sich Peter Michel auch in der alten Heimat ein eigenes Haus, auf jeden Fall ein historisches. Eines, in dem er eine Wohnung nutzen kann, wenn er hier zu Besuch ist – und in dem er den Rest des Hauses vermieten kann. Auf die Neißstraße 28 wurde Franz-Josef Michel aufmerksam. Die Vorbesitzer wollten das unsanierte Gebäude loswerden. Der Student zeigte es seinem Vater. Und der sagte sich: „Wenn ich hier einen Fahrstuhl einbauen darf, dann kaufe und saniere ich es.“

Er durfte. Und so begann er im vorigen Sommer mit der Sanierung des alten Hauses. „Mein Keller stammt aus dem 14., das Haus eventuell aus dem 15. Jahrhundert“, sagt Michel. Die bemalten Holzbalkendecken könnten Spätrenaissance oder Frühbarock sein, also um das Jahr 1600 entstanden. Um zwei Etagen aufgestockt wurde das Haus vor etwa 170 Jahren. Jetzt läuft die erste Sanierung seit Langem. Mittlerweile ist die Frontfassade abgerüstet, bei der Hoffassade dauert es auch nicht mehr lange – und der Innenausbau läuft. Im Parterre, da wo einst Zigaretten hergestellt und verkauft wurden, entsteht ein Restaurant. Es soll auch die erste Etage mit einnehmen. Mit den aufwendig bemalten Holzbalkendecken ist es wohl die schönste Etage. „Das sind zusammen 180 Quadratmeter, also 80 bis 85 Plätze“, sagt der Bauherr. Er wünscht sich etwas Ausgefallenes, vielleicht ein südamerikanisches oder irisches Restaurant, hat aber noch keinen Mieter gefunden. Im zweiten und dritten Stock entstehen zwei große Dreiraum-Wohnungen mit jeweils 100 Quadratmetern und Balkon zum Hof. Die untere will Michel selbst nutzen und auch an Feriengäste vermieten, für die obere interessiert sich ein älteres Ehepaar, das in die schlesische Heimat zurückkehren will. Unter dem Dach schließlich plant Michel eine geräumige Maisonette-Wohnung mit 140 bis 150 Quadratmetern auf zwei Etagen, die auch vermietet werden soll.

Die große Herausforderung sind die Grundrisse: Das Haus ist vorn 8,50 Meter breit, hinten nur 6,20 Meter. Dazwischen ist es sehr tief. Früher gab es zwei Wohnungen pro Etage und viele fensterlose Räume. Michel hat jetzt einige Wände entfernt, sodass die hellen Räume vorn und hinten größer geworden sind. Ansonsten liegen im fensterlosen Mittelteil des Hauses vor allem Treppenhaus, Fahrstuhl, Bäder und Toiletten. Die Wohnungen sollen möglichst im Sommer fertig werden, die Gastronomie „hoffentlich auch noch dieses Jahr“. Allerdings will Peter Michel keinen Zeitdruck: Wenn es ein bisschen länger dauert als geplant, dann ist das eben so.

Ärger hat er ohnehin schon genug: Seine Nachbarn Manfred und Maria Laux, die Hausbesitzer der Neißstraße 27, hat er am Mittwoch vor Gericht getroffen. Michel klagt, weil sie ihre Dachterrasse bis an seine Außenmauer heran gebaut haben. Er sorgt sich, dass sich dort im Winter Schnee sammelt und seine Wand durchfeuchtet. Die Nachbarn haben eine Widerklage eingereicht, wonach Michels Dachziegeln zu weit in den Laux‘schen Luftraum hineinragen würden. Der Richter im Landgericht sprach von einem Nachbarschaftsstreit, in dem Emotionen wohl die Hauptrolle spielen – und riet beiden Seiten, miteinander zu reden. Der Laux‘sche Anwalt bot an, zwei Zuganker aus Michels Wand zu entfernen und die eigene Widerklage zurückzunehmen – wenn Michel die Dachterrasse akzeptiert. Der will es sich nun überlegen.

So oder so – mit der Sanierung blüht eines der letzten unsanierten Häuser der Neißstraße nach langem Leerstand wieder auf. So richtig unsaniert ist dann eigentlich nur noch der Braune Hirsch, direkt gegenüber. Aber der hat seine offizielle Postanschrift ja am Untermarkt 26.