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Mittwoch, 27.01.2016

Neues Krisenlager

Die Flüchtlingswelle hatte das Rote Kreuz an Grenzen gebracht. Nun können 4 000 Menschen sofort versorgt werden.

Von Tobias Wolf

Schlafsäcke, Feldbetten, Zelte: Am Dienstag hat das Rote Kreuz das neue Notlager in der Bremer Straße mit Hilfsgütern bestückt.
Schlafsäcke, Feldbetten, Zelte: Am Dienstag hat das Rote Kreuz das neue Notlager in der Bremer Straße mit Hilfsgütern bestückt.

© Sven Ellger

Der Neubau an der Bremer Straße gleicht am Dienstag einem Bienenstock. Im Takt rollen Lastwagen an das Gebäude, Heckklappen öffnen sich, Paletten werden abgeladen. Bis Mitternacht werden die Regale des neuen Logistikzentrums gefüllt sein. Mit der Leichtbauhalle hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) jetzt eins der größten Krisenlager der Hilfsorganisation in der Bundesrepublik eröffnet, sagt Kai Kranich, Sprecher DRK Sachsen.

Das Grundstück neben der DRK-Zentrale an der Bremer Straße gehört den Katastrophenhelfern. Den Bau der 800 Quadratmeter großen Halle hat der Freistaat finanziert. Gut 200 000 Euro hat die Hallenkonstruktion gekostet. Noch einmal dasselbe dürfte für den Innenausbau und die Hochregale fällig werden. Genau einen Tag Zeit haben die Katastrophenhelfer, um ihr altes Lager an der Zwickauer Straße zu räumen. Der Mietvertrag endet zum Monatsende.

Gut 50 Mitarbeiter und Ehrenamtliche von DRK und Technischem Hilfswerk verteilen die Hilfsgüter aus den Lastwagen auf die knapp 900 Lagerplätze in drei Regaletagen. Inmitten des Gewusels steht Lars Werthmann. Der 31-Jährige ist stellvertretender Krisenmanager und Leiter des Arbeitsstabes Asyl des DRK-Landesverbands Sachsen. „Mit der Logistik steht und fällt ein Kriseneinsatz. Eine gut aufgestellte Logistik macht nahezu 70 Prozent des Erfolges aus“, sagt er und checkt kurz den Wareneingang auf einem Laptop. Bis zum Mittag sind 848 Schlafsäcke aus dem alten Lager angeliefert worden. Am Abend werden 10 000 in den Regalen verstaut sein - sorgsam verpackt in großen Kunststoffbehältern, die wie überdimensionierte Wäscheboxen aussehen.

Mit dem neuen Krisenlager führt das DRK auch erstmals eine effektive Lagerhaltung wie im Handel ein. Statt Inventarlisten wie bisher händisch zu pflegen, übernimmt ab sofort eine ausgeklügelte Software das Kommando. Sobald Schlafsäcke oder Feldbetten aus den Regalen abgeholt werden, erfasst künftig ein Barcodescanner die wichtigsten Daten und übermittelt sie an das System. Damit können alle Abläufe bei der Warenausgabe, aber auch bei Neubestellungen beschleunigt werden.

Rund 450 Tonnen Material werden am Dienstag auf die Bremer Straße verlagert. Neben Schlafsäcken und Feldbetten sind das vor allem Zelte, Heiz- und Trocknungsanlagen, aber auch Waschmaschinen, Trinkwasserpackungen und Hygieneartikel. Die Vorräte sollen schnelle Hilfe bei Katastrophen und Notfällen ermöglichen. Bis zu 4 000 Menschen können damit sofort mit allem Notwendigen versorgt werden.

Elbefluten, Bomben, Flüchtlinge

In der Vergangenheit wurden solche Güter oft nur bei Hilfseinsätzen im Ausland benötigt - die Vorratshaltung war bisher nur auf die Versorgung von 500 Menschen eingerichtet. Aber auch in Dresden kommen die Hilfsgüter immer wieder zum Einsatz, so bei Evakuierungen, wenn mal wieder auf irgendeiner Baustelle eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde. Erst am vergangenen Freitag hatte das DRK Pflegebedürftige aus Heimen in der Friedrichstadt in Turnhallen und einer noch nicht eröffneten Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht und versorgt.

Anfang Dezember war mit dem Neubau begonnen worden. Da hatte das DRK Sachsen gerade seinen bisher größten Inlandseinsatz hinter sich gebracht: die Unterbringung von Flüchtlingen in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Freistaats. Dabei wurden auch die logistischen Grenzen sichtbar. Insgesamt 35 Notunterkünfte betreut die Hilfsorganisation sachsenweit. Knapp 50 000 Asylbewerber wurden seit Juli in den Einrichtungen registriert, davon allein rund 16 000 in Dresden. Alle sächsischen Notunterkünfte werden nun zentral aus der Friedrichstadt beliefert.

Ein solch großes Lager zu bauen und zu bestücken, resultiere aus den Erfahrungen der Flüchtlingskrise 2015, aber auch aus den Flutkatastrophen von 2002 und 2013, so das DRK. Auf die Vorräte können künftig auch die sächsischen Landkreise zugreifen, wenn sie für eine Notlage mehr Material benötigen, als sie selbst haben. Kommen wieder Tausende Flüchtlinge innerhalb kürzester Zeit, können mit den Hilfsgütern zwei Erstaufnahmeeinrichtungen sofort bestückt werden. Denn derzeit weiß niemand, wie viele Menschen aus den Krisengebieten Afrikas und des Nahen Ostens sich in diesem Jahr auf den Weg machen werden.

Als letzten Sommer plötzlich Tausende kamen, musste das DRK auf die Vorräte von Partnerorganisationen in Dänemark, Kanada und den USA zugreifen. Das soll nicht noch einmal nötig sein.

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