erweiterte Suche
Samstag, 05.03.2016

Neue Chance für Honeckers Hotel

Das DDR-Gästehaus am Park in Leipzigs bester Lage verfällt seit 20 Jahren. Jetzt ist ein Neuanfang in Sicht.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

3

Bild 1 von 4

Das ehemalige Gästehaus der DDR-Regierung in Leipzig verfällt immer mehr, obwohl es unter Denkmalschutz steht.
Das ehemalige Gästehaus der DDR-Regierung in Leipzig verfällt immer mehr, obwohl es unter Denkmalschutz steht.

© sebastian willnow

  • Das ehemalige Gästehaus der DDR-Regierung in Leipzig verfällt immer mehr, obwohl es unter Denkmalschutz steht.
    Das ehemalige Gästehaus der DDR-Regierung in Leipzig verfällt immer mehr, obwohl es unter Denkmalschutz steht.
  • Hotelier Klaus Eberhard hat Mobiliar aus dem ehemaligen Gästehaus Leipzig ersteigert. Es ziert nun eine DDR-Suite im Galerie Hotel Leipziger Hof.
    Hotelier Klaus Eberhard hat Mobiliar aus dem ehemaligen Gästehaus Leipzig ersteigert. Es ziert nun eine DDR-Suite im Galerie Hotel Leipziger Hof.
  • Eine Übernachtung in der originalgetreuen DDR-Suite kostet 165 Euro. Trotz des Preises sind die Betten häufig gebucht.
    Eine Übernachtung in der originalgetreuen DDR-Suite kostet 165 Euro. Trotz des Preises sind die Betten häufig gebucht.
  • Franz Josef Strauß und Erich Honecker fädelten im Gästehaus den historischen Milliardenkredit für die DDR ein.
    Franz Josef Strauß und Erich Honecker fädelten im Gästehaus den historischen Milliardenkredit für die DDR ein.

Zu DDR-Zeiten war das „Gästehaus am Park“ im Leipziger Musikerviertel eine der besten Adressen für internationale Staatsgäste, etwa während der Frühjahrs- und Herbst-Messen. 1984 trafen sich hier SED-Chef Erich Honecker und Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU), um einen Milliardenkredit einzufädeln. Doch heute ist die frühere Luxusherberge in bester Lage eine der traurigsten Schmuddelecken der Stadt.

Die Überbleibsel der großen grünen Buchstaben „GAP“ sind vom Clara-Zetkin-Park aus noch gut zu sehen. Sonst bietet der leere, kantige Sechsgeschosser mit Flachdach den jämmerlichen Anblick einer Ruine. Viele Scheiben eingeworfen, Wände besprüht, das Erdgeschoss zugemauert, der denkmalgeschützte Garten verwildert. Das einstige Gästehaus des Ministerrates und des Politbüros verfällt seit mehr als 20 Jahren. Zuletzt öffnete das „Hotel am Park“ 1995 seine Pforten – als der damalige Betreiber aufgab und das Inventar versteigerte. Seither steht die Herberge leer.

Jetzt immerhin keimt Hoffnung auf für einen Neuanfang: Der Leipziger Stadtrat hob eine alte Rathaus-Vorgabe von 2001 auf, nach der das Gästehaus zwingend als Hotel in festgesetzter Kubatur wieder eingerichtet werden sollte. Der neue Bebauungsplan für das Quartier lässt künftig zu, dass der Stahlbetonbau zum Beispiel als Ensemble für private Appartements oder als Seniorenresidenz ausgebaut werden kann. Rings um das Gästehaus sind teure Eigentumswohnungen entstanden und frei stehende Villen zu noblen Firmensitzen ausgebaut worden, es ist eine der besten Wohngegenden der Stadt. In dieser Nachbarschaft würden sich solvente Mieter gut einfügen – und nicht nur Hotelgäste. Auch Um- und Anbauten sind nun erlaubt. Eine teure Sanierung der 12 000 Quadratmeter großen Anlage könnte sich damit rechnen.

Ein Abriss, den der bisherige Eigentümer schon beantragt hatte, und ein völliger Neubau sind indes nicht möglich. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Der Stadtrat schrieb den Status, den das Landesamt für Denkmalpflege im Juli 2013 verfügte, nun fest. Das 1968 von Staats- und Parteichef Walter Ulbricht eröffnete Gebäude-Ensemble gilt den Denkmalschützern als erhaltenswertes kultur- und zeitgeschichtliches Zeugnis. Der nach Plänen von Wolfgang Scheibe und Frieder Gebhardt erbaute, markante Betonbau habe besondere geschichtliche Bedeutung und einen dokumentarischen, exemplarischen Wert für die sozialistische Architektur der DDR-Nachkriegsmoderne. Künstlerisch bedeutsam ist zudem ein Relief von Maler Bernhard Zeisig im Foyer.

Übernachten in der DDR-Suite

Erste Interessenten für eine Neugestaltung der Immobilie haben sich schon im Rathaus gemeldet. Bisher allerdings gehört das Haus der Leipziger Vicus AG. Sie ist spezialisiert auf die Wiederbelebung komplizierter Problemimmobilien, die sonst keiner haben will. Doch am Gästehaus am Park biss sich Vicus seit 2012 die Zähne aus. Vorigen Herbst erarbeitete das Unternehmen dann einen Abbruchantrag. Wie es nach dem Stadtratsbeschluss weitergeht, lässt Firmenchef Michael Klemmer offen. Auf mehrere Nachfragen der SZ reagierte er nicht. Der Leipziger Volkszeitung sagte er nur, er warte ab, was bei der Änderung des Bebauungsplanes herauskomme. Ob die Edelimmobilie in Zukunft ein großer Wurf werde oder eine Ruine bleibe, sei offen.

Die Chance, noch einmal wie im alten Gästehaus zu schlafen, besteht dennoch. Das „Galerie Hotel Leipziger Hof“ in der Leipziger Neustadt hat bei der Versteigerung 1995 die Möbel für eine komplette Zimmerausstattung erstanden. 2009, zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls, wurde damit eine originale DDR-Suite eingerichtet. In zwei Räumen auf 60 Quadratmetern ist beinah das ganze Mobiliar klassischer DDR-Schick der 60er-Jahre: Esstisch mit Stühlen, Sessel, Kleiderschrank, Doppelbett, Deckenlampen und Nachttischlämpchen, beleuchteter Spiegel, Anrichten und Garderoben. Nur Bad, Fernseher und Fenster sind auf neuestem Stand.

Der Hotelier, Professor Klaus Eberhard, Atomphysiker aus München und seit Anfang der 90er-Jahre bekannter Sammler Leipziger Kunst, hat das gesamte Interieur damals für nur 170 D-Mark ersteigert. „Ich wollte eine möglichst typische DDR-Einrichtung und habe mich von Kunsthistorikern beraten lassen“, erzählt der heute 75-Jährige, der Anfang der 90er-Jahre noch selbst im Gästehaus am Park übernachtete. Er wollte seine kunsthistorische Sammlung um eine passende Einrichtung ergänzen. Zunächst brachte er die Möbel in ein privates Depot. Er wollte sich weder dem Vorwurf aussetzen, die DDR vorzuführen, noch, sie zu verherrlichen. Heute ist das anders. Die Gäste kommen scharenweise, für 165 Euro die Nacht. „Die Suite ist jede zweite Nacht gebucht“, erzählt Eberhard.

Bei der Versteigerung kam das gesamte Inventar unter den Hammer, samt Meissener Porzellan, Möbeln aus den Hellerauer Werkstätten, Inventar der „Franz-Josef-Strauß-Suite“ in bayerischem Weiß-Blau und Kaffeekännchen, aus dem Stasi-Chef Erich Mielke angeblich schon morgens Wodka getrunken haben soll.

Die Immobile war Anfang der 90er-Jahre von der Treuhand an die Hamburger Gastronomie-Gruppe „Block“ verkauft worden. Doch die Chancen für weitere Hotels standen lange Zeit schlecht. Anderswo sind die Herbergen der DDR-Staatsmacht heute gut geführte und restaurierte Immobilien: Das einstige Gästehaus des DDR-Ministerrates in Gohrisch in der Sächsischen Schweiz ist heute das Hotel Albrechtshof. Im alten Gästehaus im Schlosspark von Schönhausen leben Berliner in Eigentumswohnungen. Und Honeckers ehemaliger Jagdsitz in Drewitz an der Mecklenburgischen Seenplatte ist eine noble Hotel- und Ferienhausanlage geworden.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Bernd

    Was machte Mielke im Gästehaus der DDR Regierung in Leipzig ? Das Haus wurde 1968 gebaut, im Januar 1968 Jahr erlitt Mielke einen Schlaganfall und hat seinen Alkoholkonsum drastisch gesenkt!. Ist er dennoch früh am Morgen von Berlin nach Leipzig gefahren um aus Kaffeekännchen Alkohol zu trinken? Oder ist der mit viel Aufwand gedrehten Doku- Film „Erich Mielke - Meister der Angst“ und das Buch „Ich- Erich Mielke“ falsch? Wozu wurde dazu extra über Jahre mit viel Aufwand in der Stasi-Unterlagenbehörde recherchiert, aber mit falschem Ergebnis? Oder musste der uns alle liebende Mielke einfach nur in den Artikel?

  2. knut knebel

    Der Denkmalschutz ist voll begründet, keine Frage, der Bau ist einer der auch in Leipzig seltenen gelungenen Zeitzeugen. Der Stil der Zimmereinrichtungen war wertig und menschlich. Nicht solch ein kühles grau-weißes modernistisch-minimalistisches Zeugs wie uns heute von „Designern“ feilgeboten wird. Was interessiert das Anliegen aber in Dresden? Hängt das mit dem Abriß des Robotronklopses zusammen? Leipzig hat längst seinen Robotronkomplex abgerissen und niemand krähte danach. Auch sonst hat Leipzig viel mehr Bausünden aus der DDR in seinem Zentrum getilgt als Dresden. Die Auswahl der Meldungen aus der Messestadt ist sehr selektiv - meist nur bei Randale, Morden oder wie hier bei DDR-Bezug. Es scheint noch die alte Städtestichelei zu wirken, die längst absurd ist. Nie wird über die vorbildliche Stadtentwicklung und die grandiosen Sanierungen aus Leipzig berichtet. In Vielem hat Dresden klar den Anschluß verloren.

  3. Martin Schmidt

    Ich hätte da ne Idee, was man mit dem Gebäude machen kann. Und das wäre auch noch artgerechte Nutzung. So kann man derzeit unbegrenzt Geld verdienen... dass da noch kein anderer drauf gekommen ist?

Alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein