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Mittwoch, 05.10.2011

Mit Bodyscanner und Genanalyse

Die Universität Leipzig untersucht im Kampf gegen Volkskrankheiten zigtausend Kinder und Erwachsene und schafft damit eine der größten Körperdaten-Banken.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Josephine war kaum auf der Welt, da war sie bereits ein Forschungsobjekt. Schon mit drei Monaten wurden im „Roten Haus“ der Leipziger Uni-Klinik Blutdruck, Herz, Lunge und Reflexe genauestens getestet, durch die Fontanelle das Kopfinnere mit Ultraschall durchleuchtet. Dennoch ist das heute sechs Monate alte Baby ein normales, kerngesundes Mädchen. Nur: Josephine gehört zu den ersten Neugeborenen, die an der weltweit größten und tiefgründigsten Studie zu Erforschung von Volkskrankheiten teilnimmt.

Mehr als 20.000 Menschen vom Fötus bis zum Greis werden bis 2014 für das „Life“-Großforschungsprojekt von der Uni Leipzig vermessen, untersucht und befragt. Die Experten wollen damit etlichen Zivilisationskrankheiten genauer auf die Schliche kommen: Allergien und Diabetes, Depressionen und Demenz, Herz- und Kreislauferkrankungen, Kopf- und Halstumoren, Fettleibigkeit und Stoffwechselstörungen.

Hunderte von Daten

10.000 Erwachsene, 5.000 Kinder, 1.000 Neugeborene und 2.000 Schwangere werden derzeit eingeladen. Ihre Daten werden mit Befunden von mindestens 5.000 Patienten des Uni-Klinikums verglichen, die unter eben jenen Gesundheitsproblemen leiden. Diese Gegenüberstellung von Erkrankten mit einem großen Querschnitt der Bevölkerung mache neben der riesigen Dimension das Besondere der „Life“-Studie aus, sagt der Dekan der Medizinischen Fakultät, Joachim Thiery, einer der Leiter des Projekts. Es gehe darum, das Wechselspiel zwischen genetischen Anlagen, Umweltbedingungen und Lebensstil zu ergründen.

Um etwa herauszufinden, ob übergewichtige Kinder häufiger Mobbingopfer – oder gar Täter – in ihrer Schule sind, werden für „Life Child“ komplette Klassen eingeladen und zu ihrem Alltag, zu sozialen und sexuellen Beziehungen sowie Gewalt-, Drogen und Internet-Erfahrungen befragt. Zudem durchlaufen sie einen Parcours mit etlichen Gesundheitschecks und Tests von Motorik, Temperament und Wortschatz. Die Schüler sollen zehn Jahre lang regelmäßig untersucht werden, um lange Zeitreihen zu erhalten.

Auch erwachsene Teilnehmer durchlaufen ein fünfstündiges medizinisches Analyseprogramm. Zig verschiedene Blutparameter werden erfasst, 150 Körpermaße im Bodyscanner vermessen, Fett, Herzströme und Netzhautdicke ausgelotet, Allergien, Diabetes und die Stimme getestet, Haar- und Gewebeproben entnommen. Hinzu kommen umfangreiche Befragungen zu Wohlbefinden und Lebensstil.

Von Teilnehmern ab 65 Jahre werden zudem Hirnstrommessungen und eine Kernspintomografie des Kopfes angefertigt. Ein „Aktometer“ am Handgelenk zeichnet von einigen Probanden eine Woche lang sämtliche Aktivitäten auf.

Suche nach Auslösern

Die Fülle der zu verarbeitenden Informationen ist technisch und finanziell erst dank modernster Computer-Kapazitäten möglich. So kann für die Studie erstmals auch das Genom von bis zu 15.000 Personen bestimmt und gespeichert werden. „Life“ dürfte damit eine der größten Körper-Datenbanken der Welt werden.

Im Kern gehe es darum, Auslöser und Differenzierungen von Volkskrankheiten besser zu verstehen, Umwelteinflüsse auszumachen, Risikoprofile zu erstellen und nicht zuletzt neue Therapieformen und Medikamente zu entwickeln, erläutert Institutsdirektor Thiery. Dafür arbeitet die Uni-Klinik auch mit anderen Forschungsinstituten und der Industrie wie dem Schweizer Pharmakonzern Roche zusammen. Im Ergebnis solle Leipzig als Biomedizin-Standort gestärkt werden, weitere Ansiedlungen anlocken und Firmen-Ausgründungen befördern. Schon seit dem Start werde das Projekt weltweit wahrgenommen, sagt Thiery. Den Anstoß für das Wissenschaftsnetzwerk gab nicht zuletzt die Landesexzellenzinitiave des Freistaates. Sie fördert „Life“ zusammen mit der EU als höchst dotiertes Vorhaben mit insgesamt 40 Millionen Euro. Insgesamt sind rund 120 Mediziner und Wissenschaftler verschiedener Einrichtungen an dem Projekt beteiligt, 130 MItarbeiterstellen konnten sogar neu geschaffen werden.

Die Teilnehmer bekommen ihre Untersuchungsergebnisse an die Hand und können sich damit bei Bedarf von ihrem Hausarzt weiterbehandeln lassen. „In lebensbedrohlichen Fällen“, sagt Geschäftsstellenleiter Matthias Nüchter, „werden sie auch gleich in der Uniklinik behalten.“