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Freitag, 10.11.2017

Mehr Sicherheit für Lebensretter

Gewalt in der Notaufnahme, aggressive Patienten im Rettungswagen – das Thema ist auch in Löbau-Zittau aktuell. Ein Lagebericht.

Von Anja Beutler

Oberarzt Steffen Boldt und die beiden Gesundheits- und Krankenpflegerinnen Sandra Ebermann (li.) und Sabine Hagemann arbeiten in der Notaufnahme in Ebersbach. Sie und ihre Kollegen wollen ihren Job vor allem ungestört und gut machen.
Oberarzt Steffen Boldt und die beiden Gesundheits- und Krankenpflegerinnen Sandra Ebermann (li.) und Sabine Hagemann arbeiten in der Notaufnahme in Ebersbach. Sie und ihre Kollegen wollen ihren Job vor allem ungestört und gut machen.

© Rafael Sampedro

Zittau/Ebersbach. Oberarzt Steffen Boldt und die beiden Gesundheits- und Krankenpflegerinnen Sandra Ebermann und Sabine Hagemann arbeiten gern in der Ebersbacher Notaufnahme des Klinikums Oberlausitzer Bergland. Und sie wollen das natürlich auch sicher tun. Deshalb hängen seit diesem Jahr in der Notaufnahme Plakate, die ganz klar sagen: Bei Gewalt hört bei uns der Spaß auf. Zwar macht Oberarzt Boldt deutlich: „Mit Großstädten ist das Thema Aggressivität in der Notaufnahme hier nicht zu vergleichen.“ Dennoch kommt es immer wieder zu Vorfällen zwischen Patienten und Personal. „Zu uns kommen eben auch Menschen, die frustriert sind, weil sie anderswo keine Hilfe erhalten haben“, skizziert Boldt eine Ursache. Oft haben Entgleisungen und Gewalt gegen Retter aber andere Gründe. Eine Analyse:

Wie sieht es aktuell in Notaufnahmen und beim Rettungsdienst aus?

Von Januar bis September sind in Zittau 43 Übergriffe auf Pflegepersonal und 16 in der Notfallambulanz registriert worden. Am Standort Ebersbach waren es im gleichen Zeitraum 36 auf den Stationen und fünf in der Notaufnahme. Eine Hochburg solcher Vorfälle ist der Kreis definitiv nicht, betont die Klinikleitung. Das Thema habe aber auch beim Personal generell an Gewicht gewonnen, bestätigt Geschäftsführer Steffen Thiele. Es sei nicht unbedingt die Menge der Vorfälle, sondern der bleibende Eindruck einzelner Erlebnisse, die eine Rolle spielen: So hat in der Zittauer Notaufnahme ein junger Mann in Rage mit einer Bierflasche die schützenden Glaswände eingeschlagen und das Personal attackiert. In Ebersbach gab es einen Fall, bei dem ein junger Mann mit einem spitzen Gegenstand das Personal attackierte und sich mit dem diensthabenden Chirurgen eine körperliche Auseinandersetzung lieferte.

Ist auch normale Stationsarbeit im Klinikum betroffen?

In gewisser Weise schon. Wie der Pflegedirektor des Klinikverbundes, Mathias Krause, erklärte, sei durchaus eine aggressivere Stimmung zu beobachten. Krause umschreibt die Lage mit einer höheren Diskussionsfreudigkeit und einem größeren Schimpfpotenzial der Patienten. „Das äußert sich beispielsweise verbal, aber auch durch eine ablehnende Haltung gegenüber den Pflegekräften im Alltag oder gegebenenfalls auch mit Anzüglichkeiten. Generell berichte häufiger das Pflegepersonal von solchen Vorfällen als die Ärzte. Betroffen seien eher Mitarbeiter in den Abend- und Nachtschichten von 14 bis 22 Uhr.

Sind auch die Rettungskräfte zunehmend davon betroffen?

Berichte darüber, dass Retter am Retten gehindert werden, sind derzeit vielfach in den Medien. Im Landkreis gebe es keinen Hype, eher Einzelfälle, berichten Jens Schiffner, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis, und Mario Kanzler, Leiter des ASB-Rettungsdienstes in Löbau. „Das Thema war vor zwei Jahren bei uns akuter als jetzt“, bilanziert Kanzler. Damals hatte beispielsweise im Raum Görlitz ein Drogenabhängiger einer Rettungsmannschaft so zugesetzt, dass diese nicht mehr helfen konnte und ein neues Team benötigt wurde. Kanzler persönlich schätzt aber momentan die Gefahren, die sich aus den Umständen des Einsatzes ergeben – zersplittertes Glas beispielsweise – höher ein als Gewalt gegen Retter.

Welche Ursachen lassen sich für die Zunahme an Aggressivität finden?

Aus Rettungsdienst und Klinik kommen hier vor allem zwei Gründe: Zum einen sei der Konsum von Drogen und Alkohol häufiger ein Grund, dass Patienten unerwartet ausfällig und handgreiflich werden. Zum anderen liege vieles in den Krankheitsbildern der Patienten begründet: Demenz führe mitunter zu solchem Verhalten, aber auch ein Schlaganfall kann unkontrollierte Reaktionen auslösen: „Ich habe im Einsatz auch schon eine Ohrfeige bekommen“, sagt Jens Schiffner, der Ärztliche Leiter des Kreis-Rettungsdienstes.

Was wird zum Schutz vor Gewalt am Klinikum getan?

Die Plakate in der Notaufnahme sind ein erstes Achtungszeichen und eine Warnung: „Wenn wir früher mit den Patienten eine halbe Stunde diskutiert haben, ziehen wir jetzt schneller die Bremse“, erklärt Geschäftsführer Steffen Thiele. So soll sich der Ärger gar nicht erst aufschaukeln – eine Strategie aus dem Deeskalationstraining im Haus. Neu ist auch, dass seit diesem Monat die gesamte Nacht hindurch ein Wachdienst am Standort Ebersbach unterwegs ist. Er kontrolliert die Stationen und kann bei Bedarf per Telefon herbeigerufen werden. Zuvor waren die Sicherheitsleute nur zu gewissen Zeiten da. Das Klinikum hat eine vierstellige Summe investiert. In Zittau können die Mitarbeiter den Patientenbegleitdienst zum Schutz herbeizurufen. Für Arbeitsplätze an abgelegenen Orten im Haus gibt es einen Notknopf, den Mitarbeiter bei sich tragen und so Hilfe rufen können. Zudem gibt es gerade für die Notaufnahme gesicherte Räume, in die sich das Personal zurückziehen kann.

Sind auch beim Rettungsdienst Vorkehrungen getroffen worden?

Gefahrenbewusstsein gehört im Rettungswesen dazu – ebenso wie Deeskalationstrainings und Schulungen. Zudem hält der ASB-Rettungsdienst in Löbau seit Kurzem auch stichfeste Westen zur Verfügung, die von den Teams nach Bedarf genutzt werden können. Es ist bislang die einzige Rettungswache mit einer derartigen Ausstattung, bestätigt auch der Amtsleiter für Brand-, Katastrophenschutz und Rettungswesen, Hans Richter. Generell gelte aber, dass die Mitarbeiter wachsam in den Einsatz gehen sollen, um Gefahren zu erkennen, betont Mario Kanzler vom ASB.

Warum wird nicht noch mehr in Schutz des Personals investiert?

Das Thema ist ein zweischneidiges Schwert: Das Krankenhaus muss grundsätzlich ein öffentliches, ein offenes Haus sein – und kein Hochsicherheitstrakt, betont die Klinikleitung. Es wäre auch realitätsfern, wenn der Eindruck entstünde, die Gefahrenlage sei derart schlimm. Auch die Schutzwesten beim Rettungsdienst werden nicht nur positiv bewertet: „Wenn wir in kritischen Situationen mit solchen Westen kommen, wirken wir wie die Polizei und verlieren unsere Neutralität“, gibt Jens Schiffner zu bedenken.

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