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Freitag, 15.06.2012

Mal schauen, was da geht

Leute um die 30, die in der DDR geboren wurden, mieten einen Bus und touren durch ihre alte Heimat, die neuen Bundesländer. Sie wollen nicht nur reden.

Von Anna Hoben

Es will ihm einfach nicht in den Kopf. „Was sind denn eure Ziele?“, fragt Clemens Škoda. Wirtschaftliche Verknüpfung? Die Leute dazu bewegen, in der Heimat zu bleiben? Die „Dritte Generation Ostdeutschland“ ist zu Gast in Bautzen bei der Domowina, dem Dachverband der Sorben. Und wieder einmal erklären sie es geduldig, diesmal Škoda, 28, dem Referenten für kulturelle Angelegenheiten und Ausland: dass sie erst dabei sind, ihre Identität zu definieren und sich zu vernetzen, dass sie eine Debatte anregen wollen.

„Es geht um Diskussion zunächst“, sagt Mandy Schulze. Die 35-Jährige ist eine der Initiatoren des Netzwerks von jungen Menschen, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Im Herbst 2009 jährte sich der Fall der Mauer zum 20. Mal. Printmedien und Fernseh-Talkshows waren voll damit. Auf den Podien diskutierten meist alte Männer aus dem Westen; der Osten, seine Geschichte und seine Zukunft wurden höchstens mal von Gregor Gysi vertreten. Ein paar junge Menschen um die 30 dachten sich: Was hat das mit uns zu tun? Da war sie, die Idee zur „Dritten Generation Ostdeutschland“.

Ihre Großeltern hatten die DDR mit aufgebaut, ihre Eltern wurden in sie hineingeboren. Sie selbst sind in zwei Systemen groß geworden. Der Begriff der „Dritten Generation“ stammt aus der Migrationsdebatte, er bezeichnet die Enkel der ursprünglichen Einwanderer und Gastarbeiter, die ihre sozialen und kulturellen Wurzeln in zwei Ländern haben. Sie sind es meist, die beginnen, Fragen zu stellen, Geschichte aufzuarbeiten. Durch ihre Erfahrungen in zwei Systemen machen auch die Mitglieder der „Dritten Generation Ostdeutschland“ für sich eine Art Migrationserfahrung geltend. „Unser Vorteil heute ist: Wir waren damals unbedarfte Kinder“, sagt Mandy Schulze.

1976 wurde sie in Löbau geboren. Nach dem Abitur, mit 19, zog sie zum Studium – Betriebswirtschaft, Pädagogik und Soziologie – nach Mannheim. Als Ostdeutsche sei sie in der Stadt damals eine Besonderheit gewesen, sagt sie. Die meisten Menschen dort hätten sich nie mit der DDR beschäftigt. „Manche dachten wirklich, wir hätten zu wenig zu essen und kein Farbfernsehen gehabt.“ Mandy Schulze zog schließlich nach Berlin, dort promoviert sie jetzt über Erwachsenenbildung, dort lebt sie, wie die meisten aus dem Netzwerk. Heute werde sie wegen ihres osttypischen Vornamens oft auf ihre Erfahrungen in der DDR angesprochen, sagt Schulze. Ihr Mitstreiter Johannes Staemmler ist Politikwissenschaftler und kommt aus Dresden. Früher sagten die Leute zu ihm: „Ach, du kommst aus dem Osten? Hört man ja gar nicht.“ Heute will er nicht mehr stolz darauf sein, dass man ihm seine Herkunft nicht anhört.

Im Bus durchs Land

Vor zwei Wochen haben die Berliner einen grauen Reisebus gechartert, in pinken Buchstaben ihr Logo draufgeklebt und sich aufgemacht: in ihre alte Heimat, die neuen Bundesländer. „Wir dachten uns, wir sitzen hier und reden über den Osten – jetzt fahren wir mal hin und schauen, was da geht“, sagt Mandy Schulze. Seit sie fortgegangen ist aus der Oberlausitz, kommt sie nur noch Weihnachten und Ostern. Irgendwann, sagt sie, könne sie sich vorstellen, mit ihrer Familie wieder dort zu leben. Jetzt, mit den anderen, ist die Stimmung ein bisschen wie auf Klassenfahrt. Die Berliner sind Touristen in der eigenen Heimat.

Sie wollen ins Gespräch kommen mit Menschen, suchen nach persönlichen Geschichten aus der Vergangenheit, zwischen Ostalgie und Diktatur. Sie wollen Engagement sichtbar machen und fördern, vor allem aber wollen sie herausfinden: Was sind das für Leute, die so alt sind wie sie selbst und die in ihrer Heimat geblieben sind? Durch ihre Erfahrungen in zwei Systemen hätten sie besondere Kompetenzen und Eigenschaften, sagt Mandy Schulze. Sie seien pragmatisch und flexibel, hätten eine kritische Distanz zu den Dingen, und es falle ihnen leicht, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Dieses Selbstbewusstsein wollen sie stärken, die Stimme der „Dritten Generation“ hörbarer machen.

Auf den Postkarten, die sie verteilen, steht ein Plattenbau am Ende einer Wiese, darüber das Wort „beflügeln“. Sie haben professionelle Pressemappen und eine perfekte Homepage. Ein Filmteam dreht eine Dokumentation von der Tour. 2011 hatten sie in Berlin eine Konferenz veranstaltet; 130 junge Ostdeutsche kamen, um sich auszutauschen. Aus den Ergebnissen entsteht gerade ein Buch mit Essays, es erscheint im Sommer.

Jetzt stellen sie sich auf Marktplätze und sprechen Leute an, sie diskutieren mit Politikern, Künstlern und Schülern. In Schwedt plaudern sie mit Skatern, in Schwerin besuchen sie einen Biobauernhof. Über Facebook konnten sich Gruppen oder Initiativen um ein Treffen bewerben. „Am Anfang haben wir uns gefragt: Interessiert das nur uns? Beschäftigen wir uns so sehr mit uns selbst, weil wir sonst nichts zu tun haben? Ist das eine Sinnkrise mit Ende 20?“, sagt Johannes Staemmler. Doch die Resonanz war gewaltig. „Wir könnten drei Monate unterwegs sein“, sagt Mandy Schulze.

Bisschen wie ein Rockstar

Für ihre Konferenz bekamen die Netzwerker 40.000 Euro von der „Bundesstiftung Aufarbeitung“; auch die Bustour wird gefördert. Journalisten von überregionalen Zeitungen und Magazinen begleiten die Gruppe, sitzen mal einen Tag im Bus, mal zwei. Hop on, hop off. Bei manchen Veranstaltungen sind mehr Leute von der Presse zugegen als Diskussionspartner. „Man fühlt sich ein bisschen wie ein Rockstar“, sagt Mandy Schulze. Es ist der zweite Tag, an dem sie die Tour begleitet. Am ersten Tag hat sie sich im brandenburgischen Zossen einen Schnupfen geholt. Zu Hause in Berlin-Friedrichshain warten ihre beiden Kinder.

Die Aufsteigerstädte, Dresden oder Leipzig, lässt die Gruppe auf ihrer Tour aus; stattdessen fahren sie nach Neubrandenburg, Mittelherwigsdorf in Sachsen oder Seitenroda in Thüringen. Am sechsten Tag steht Bautzen auf dem Programm. „Hallo, wir sind die Dritte Generation Ostdeutschland“, so haben sie sich Clemens Škoda vorgestellt. Der grinst. „Ich auch.“ Trotzdem treffen an diesem Nachmittag zwei komplett verschiedene Welten aufeinander. Škoda, der Macher, und die „Dritte Generation“, die Akademiker und Debattierer.

So ganz hat Škoda auch am Ende nicht verstanden, was die Gruppe eigentlich will. Er fasst es so zusammen: „Ihr seid also ein Sammelsurium von jungen Leuten.“ Mandy Schulze sagt: „Wir sind eben noch nicht so weit wie ihr.“ Als anerkannte Minderheit sind die Sorben bestens organisiert und vernetzt. Jeder kennt jeden, man kommuniziert über Internetforen miteinander, es gibt einen Dachverband und eine eigene Fußball-Nationalmannschaft.

Vor dem Besuch in der Domowina ist die Gruppe zu Gast im Bautzner Steinhaus gewesen, einem soziokulturellen Zentrum. Alle sitzen an einem langen Tisch, es gibt eine Vorstellungsrunde bei Grünkernbratlingen und Penne mit Rucola und Walnüssen. Stefan Lehmann, 35, vertritt die dritte Generation in der Oberlausitz, er kümmert sich im Steinhaus um kulturelle Veranstaltungen. Nach dem Essen stellt die Gruppe Fragen. Gibt es auf dem Land wirklich so viele rechte Jugendliche? Womit verdienen die Bautzner ihr Geld? Gibt es Leute aus dem Westen, die hierherziehen? Und: Wie ist das eigentlich, wenn alle wegziehen und kaum jemand da ist, der so alt ist wie man selbst? „Wenn man sich mal entschieden hat zu bleiben, ist es leichter“, sagt Lehmann. Die meisten seiner Kumpels seien um die 50. Einsamkeit sei ein Thema, ja, aber das habe er überwunden.

Dann führt er die Gruppe durchs Haus. Probenräume, Veranstaltungsräume, Büroräume. Neben dem alten Kaminzimmer gibt es eine Bar, über dem Tresen hängen zylinderförmige Lampen aus DDR-Zeiten, Messing und Plastik. „Hier haben wir alles so gelassen, wie es war“, sagt Lehmann. „Wow“, sagt jemand. „Für solche Lampen würde man in Berlin viel Geld bezahlen.“

Selbsterfahrungstrip durch die Oberlausitz

Am Abend führt der Selbsterfahrungstrip nach Mittelherwigsdorf. Eine Dreiviertelstunde lang schlängelt sich der Tourbus über die Landstraßen der Oberlausitz, bis kurz vor Zittau. Als er in der „Kulturfabrik Meda“ ankommt, steht die Sonne tief. Die Berliner stellen fest, dass der Handy-Empfang auf dem Land schlecht ist. Sie haben fünf Vertreter der dritten Generation in der Oberlausitz zu einem Diskussionsabend eingeladen, die meisten sind Kulturschaffende. Außer ihnen sind kaum Besucher gekommen. „Es sieht wieder so aus, als würde es die dritte Generation nicht geben“, sagt eine. Mandy Schulze stellt die Oberlausitzer vor, sie sind Freiberufler und hangeln sich von Projekt zu Projekt. Auch nicht anders als in Berlin.

Das Gespräch dreht sich um Chaosbiografien, Räume zur Entfaltung, Pessimismus in der Bevölkerung und die Frage: Warum gehen die jungen Leute von hier weg? Die Diskussion zeigt: Das neue Selbstbewusstsein, von dem die Berliner sprechen, die Oberlausitzer haben es längst. Sie wissen, warum sie hiergeblieben sind – und auch, was sie an der Initiative stört. „Das Ostdeutschland in eurem Namen, das finde ich provokant“, sagt einer. „Klar geht es um Aufarbeitung, aber mir geht das auf den Zeiger, das muss ich einfach mal sagen.“ Manche aus dem Team nicken. Sie sind die erste Generation, die grenzenlos mobil war, sie haben im Ausland studiert, ihre Freunde sind auf der ganzen Welt verstreut. Eigentlich wollen sie nicht von Ost und West sprechen. Dann eben von Stadt und Land. „Mir kam es gerade so vor, als hätten wir eine Ewigkeit im Bus gesessen“, sagt Johannes Staemmler. „Als Städter kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man sich hier trifft.“ Es stellt sich heraus, dass auch das nicht so ganz anders ist als in Berlin: Da sitzt man eben eine Stunde in der Bahn, wenn man vom einen Ende zum anderen will.

Der Abend sei nicht ganz untypisch für die Tour gewesen, sagt Johannes Staemmler nach der Diskussion. „Wir merken, wir sind noch am Anfang.“ Es bleibt die Frage: Wovon eigentlich?