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Freitag, 29.09.2017

Lehrermangel noch schlimmer als bisher bekannt

Mit einem Trick rechnet das Kultusministerium den Bedarf herunter. In den nächsten Jahren fehlen bis zu 1 300 Lehrer.

Von Andrea Schawe

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Geschlossene Schule wegen nicht vorhandener Lehrkräften.
Geschlossene Schule wegen nicht vorhandener Lehrkräften.

© dpa

Dresden. An der Chemnitzer Jan-Amos-Comenius-Grundschule fällt drei Tage der Unterricht aus – weil Lehrer krank sind und so Personal fehlt. In Zukunft könnte das auch an anderen Schulen Realität werden. Denn das Kultusministerium plant zu wenige Neueinstellungen. Nach einem Positionspapier der SPD-Bildungspolitikerin Sabine Friedel, das der Sächsischen Zeitung und dem MDR vorliegt, errechnet das Ministerium auf Basis des gekürzten Ergänzungsbereichs die notwendigen Lehrerstellen für die kommenden Jahre. Damit plant es den Bedarf an Lehrern auf Basis des jetzigen Lehrermangels.

Zum Unterricht, der in den Schulen laut Stundentafel gehalten werden muss, kommt noch ein Ergänzungsbereich: zusätzliche Stunden, um vorwiegend Vertretungen im Krankheitsfall zu organisieren, damit kein Unterricht ausfällt, oder für Förderunterricht und Projekte. Diese zusätzlichen Stunden werden seit Jahren massiv gekürzt. 2016 konnte an Grundschulen nur die Hälfte abgedeckt werden, in diesem Schuljahr sind es 25 Prozent.

Für das Schuljahr 2016/17 ging das Kultusministerium an Grundschulen von einem Bedarf von 209 061 Lehrerwochenstunden aus – das sind etwa 7 466 Lehrerstellen. Für alle Unterrichtsstunden plus mögliche Vertretungen in Krankheitsfällen würden aber 7 584 Lehrer gebraucht, die 212 360 Wochenstunden absolvieren. An den Oberschulen fehlten etwa 4 000 Stunden und 157 Stellen, um den Ergänzungsbereich vollständig abzudecken. „Damit wird der Lehrerbedarf systematisch kleingerechnet“, sagt SPD-Bildungspolitikerin Sabine Friedel. „Das führt bereits heute zu Unterrichtsausfall.“

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Dieser werde sich in den kommenden Jahren noch vervielfachen. Nach der langfristigen Lehrer-Bedarfsprognose sind 2018/19 insgesamt 1 750 Einstellungen geplant. Tatsächlich nötig wären aber 1 825 neue Lehrer. In zwei Jahren müsste das Kultusministerium 1 703 Lehrer einstellen. Geplant sind 1 360.

Das Kultusministerium spricht von „Luftschlössern“. „Wenn wir mit einem Ergänzungsbereich von 100 Prozent geplant hätten, wären entweder die Stellen unbesetzt geblieben oder der Seiteneinsteigeranteil wäre gestiegen“, sagt Sprecher Dirk Reelfs. Das Ministerium blicke nüchtern und realistisch auf den Lehrer-Arbeitsmarkt. Alle Lehrer werden gebraucht, um den Grundbereich abzusichern. Der Ergänzungsbereich stehe nur zur Verfügung, wenn es das Angebot von Lehrern zulässt. Die Stunden zu kürzen, sei eine sehr bittere Entscheidung gewesen, so Reelfs. Denn das führe zu Unterrichtsausfall. „Solange der Arbeitsmarkt leer gefegt ist, beißt sich die Katze in den Schwanz.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 30 Kommentare

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  1. Uhad

    Mir fällt dazu nur folgender Satz ein. Glaube nur der Statistik die du selbst gefälscht hast. Es ist Betrug vorallem an unseren Kindern und Jugendlichen. Es ist endlich Zeit alle Karten auf den Tisch zu legen und der Realität genüge zu tun um diesen Irrsinn zu beenden und Lösungen zu finden.

  2. Sven

    Im letzten Satz liegt der Schlüssel: „Solange der Arbeitsmarkt leer gefegt ist, beißt sich die Katze in den Schwanz.“. Das als Entschuldigung her zu nehmen ist nicht nur falsch, es ist auch hinterhältig. Seit Jahren wettet die CDU auf den Arbeitsmarkt und hat davor (vor 5 bis 10 Jahren) keinen Nährboden gesät. Lehrer wurden (und sind es immer noch) unterbezahlt bzw. ungleich. Lehrer müssen weit über 40 Stunden arbeiten (siehe aktuelle Klage in Niedersachsen). Und - und das ist besonders wichtig immer und immer wieder zu erwähnen - ausgebildete Lehrer mit Staatsexamen I wurden weggeschickt. Zu Tausenden. Wie kann man sich jetzt nur über diese bewusste Fehlkalkulation wundern und über ein desaströses Wahlergebnis überrascht sein? Hier muss Farbe bekannt werden, Verantwortung übernommen werden und endlich nachhaltige Maßnahmen ergriffen werden! Seideneinsteiger sind unserer Rettung? Eher im Gegenteil! Auch hier sollte viel mehr Berichterstattung erfolgen (was die SZ schon ganz gut macht).

  3. ENUOA

    Wie sieht denn ein Vergleich der Zahlen mit anderen Bundesländern, z.B. Bayern aus?

  4. Oswin

    Normalerweise müsste diese Frau ein Strafverfahren erhalten. Was hat sie der künftigen Generation angetan. Und nun schnell in ruhige Gefilde abhauen.

  5. Wer soll das bezahlen?

    Fakt ist, dass das Steueraufkommen in Sachsen immer noch massiv unter dem deutschen Schnitt liegt. In sofern sind auch die Mittel für Sonderwünsche wie dem genannten Ergänzungsbereich begrenzt, von besserer Bezahlung ganz zu schweigen. Nicht zu vergessen: In den meisten SPD-regierten Ländern ist das deutlich schlechter (siehe Pisa!), und das bei völlig kaputten Finanzen. Man kann nun mal nur das Geld ausgeben, was man einnimmt. In sofern kann man vor der sächsischen Regierung nur den Hut ziehen

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