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Donnerstag, 05.12.2013

Leben in der Langen Lene

Wohnen in der Platte ist in Verruf geraten. Sie wirkt unpersönlich, gleichförmig. Im längsten Plattenbau Sachsens geht es aber munter zu und gar nicht so anonym wie man denkt.

Von Birgit Zimmermann

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Die Lange Lene im Leipziger Stadtteil Probstheida gilt als der längste Plattenbau in Sachsen. Bei einem Hausbesuch ist mehr zu entdecken als die erwartete Tristesse. Fotos: LVZ/Armin Kühne, dpa/Waltraud Grubitzsch (2)
Die Lange Lene im Leipziger Stadtteil Probstheida gilt als der längste Plattenbau in Sachsen. Bei einem Hausbesuch ist mehr zu entdecken als die erwartete Tristesse. Fotos: LVZ/Armin Kühne, dpa/Waltraud Grubitzsch (2)
  • Die Lange Lene im Leipziger Stadtteil Probstheida gilt als der längste Plattenbau in Sachsen. Bei einem Hausbesuch ist mehr zu entdecken als die erwartete Tristesse. Fotos: LVZ/Armin Kühne, dpa/Waltraud Grubitzsch (2)
    Die Lange Lene im Leipziger Stadtteil Probstheida gilt als der längste Plattenbau in Sachsen. Bei einem Hausbesuch ist mehr zu entdecken als die erwartete Tristesse. Fotos: LVZ/Armin Kühne, dpa/Waltraud Grubitzsch (2)
  • Roma Goldbergk (r.) mit einer Stammleserin der Bibliothek, die die Hausbewohner selbst betreiben.
    Roma Goldbergk (r.) mit einer Stammleserin der Bibliothek, die die Hausbewohner selbst betreiben.
  • Sidney, mit neun Monaten jüngster Hausbewohner, mit seiner Mutter Mandy Fischer im Kinderzimmer.
    Sidney, mit neun Monaten jüngster Hausbewohner, mit seiner Mutter Mandy Fischer im Kinderzimmer.

Dieses Gebäude ist eigentlich die pure Überforderung. Ein weiß-roter Plattenbau, 335 Meter lang, zehn Stockwerke hoch, vier Hauseingänge, 792 Wohnungen, Heimat für 1.600 Menschen in Leipzig – die Lene-Voigt-Straße 2-8, auch Lange Lene genannt.

Im Inneren auf jeder Etage ein Gang, in dem man von einem Ende zum anderen laufen kann. Leichten Schrittes dauert das knapp fünf Minuten. Die Lange Lene ist Sachsens längster Plattenbau und einer der längsten Wohnblocks in Deutschland. Zu Stein gewordene Langeweile, irgendwie kühl und unwirtlich, denkt man – bis man die Bewohner trifft. Während eines Hausbesuches in dem Betonkoloss mit der rot-weiß gestreiften Fassade passiert das beim Friseur, in der Bibliothek, auf der Minigolfanlage oder in der Physiotherapiepraxis. Die Lange Lene ist fast schon eine Stadt im Kleinformat.

Die Älteste. Es dauert eine Weile, bis auf das Klingeln an der Wohnungstür drinnen jemand reagiert. Schließlich ruft eine raue Stimme: „Ich komme!“ Amalie Elisabeth Anna Gerda Langrock ist nicht mehr so flott auf den Beinen, am 29. September hat sie ihren 101. Geburtstag gefeiert. Die älteste Bewohnerin der Langen Lene – weiße Locken, blaue Augen, früher Telefonistin. Sie schiebt einen Rollator vor sich her und bittet herein. Sie lebt in einer perfekt aufgeräumten Zwei-Raum-Wohnung und ist stolz, dass sie noch vieles alleine erledigen kann. „Was ich allein machen kann, das mache ich auch! Ich mache mir mein Essen selber, ich spritze mir mein Insulin selber und gehe ab und zu in die Kaufhalle.“ Dennoch setzen ihr Krankheiten zu. „Ich hab von allem ein bisschen“, sagt sie. Im Kopf ist sie fit. „Ich rätsele gerne. Und ich gucke Fernsehen – viel Sport, Leichtathletik, Schwimmen und neuerdings habe ich auch mal beim Boxen reingeguckt.“

In der Langen Lene lebt Gerda Langrock seit sieben Jahren. Ihr Sohn, der in einem Haus in der Nähe wohnte, hatte sie dazu überredet. Vor einem Jahr starb ihr Jürgen – mit 72. Jetzt hat sie noch drei Enkel, vier Urenkel und drei Ururenkel. Einer der Urenkel kümmert sich mehr um sie als die anderen. „Ich rufe ihn morgens an, dass ich noch da bin. Und er ruft mich abends an und sagt Gute Nacht.“ Ein kleines Klapphandy mit Schnur liegt immer griffbereit. „Das brauche ich“, sagt die 101-Jährige. Wenn Gerda Langrock mehr Betreuung braucht, kann sie sich jederzeit an den Verein „Alter, Leben und Gesundheit“ (ALeG) wenden. Der Verein ist Herz und Seele der Langen Lene. 60 Prozent der Mieter in dem Block der kommunalen Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB) sind älter als 65 Jahre. Der Verein ALeG bietet betreutes Wohnen an, mit Wäschedienst, Weihnachtsfeier und dem Erledigen vieler Wege. „Hier wohnen viele, die ihren Tagesablauf nicht mehr allein bewältigen“, sagt Gothild Lieber, der Vereinsvorsitzende. Der Verein erspart ihnen das Pflegeheim und bietet Geselligkeit, zum Beispiel in der hauseigenen Bibliothek.

Die Bibliothekarin: Roma Goldbergk sitzt zwischen Bücherregalen im Erdgeschoss. Mit ein paar Mitstreiterinnen hat sie die Bibliothek aufgebaut. „Wir haben mit 350 Büchern begonnen“, sagt die 87-Jährige. „Inzwischen haben wir 2.500 und keinen Platz mehr in den Regalen.“ Die Nutzung der Bibliothek ist kostenlos, der Betrieb wird von den Mietern allein gemanagt. „Das macht uns viel Spaß, weil wir selbst Leseratten sind.“

Roma Goldbergk nutzt die Angebote des betreuten Wohnens. „Ich nehme Hauswirtschaft in Anspruch, nutze die Fahrbereitschaft, lasse meine Wäsche waschen.“ Außerdem geht sie im „Café Galerie“ Mittag essen. Zwischen 100 und 120 Mahlzeiten gehen dort täglich über die Theke. Frisch gekocht, wie man im Verein betont, und durchaus schmackhaft, wie Roma Goldbergk sagt. „Sicher ist auch mal was nicht so – aber das passiert auch, wenn man selber kocht.“

Die 87-Jährige liebt den Ausblick aus ihrer Wohnung in der achten Etage. „Ich habe ein wunderschönes Panorama“, sagt sie. In der Langen Lene will sie bleiben, „bis sie mich raustragen mit den Füßen zuerst“, sagt sie und lacht. Sie erinnert sich an das Jahr 1968, als der Block fertiggestellt wurde. „Als das gebaut wurde, habe ich gesagt: ,Hier möchte ich mal nie wohnen.‘ Dieser Massenbau, das Große! Und jetzt wohne ich schon über 30 Jahre hier.“

Die Lange Lene wurde 1999 unter Denkmalschutz gestellt. Der Block sei ein „seltenes Dokument sozialistischen Städtebaus“, erklärt das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Die schiere Länge zeichne das Haus aus, und anders als etwa der „Block 10“ in Halle-Neustadt in Sachsen-Anhalt – auch er ein Mega-Bau – sei es viel weniger schematisch und monoton gestaltet. Das Gebäude gehöre zum Typus des „Leipziger Mittelwohnganghauses“, entworfen vom Architekten Erich Böhme und errichtet vom Leipziger Baukombinat.

Der Westdeutsche: Durch den Mittelgang, vorbei an „Annett’s Kosmetikstudio“, geht es in Hausnummer 8, hinauf in die neunte Etage. Dort wohnt Herbert Reiprich. Der 83-Jährige zog dieses Jahr aus Goslar in die Lange Lene. Seine Schwester hat ihm die Wohnung besorgt. „Wie ich hier zum ersten Mal unten stand, habe ich zu meiner Schwester gesagt: ,In diesen Block ziehe ich nicht! Dieses Riesenhaus!‘“ Jetzt ist er zufrieden.

Reiprich erzählt, wie er in den Wirren des Zweiten Weltkrieges von seinen Geschwistern getrennt wurde. Die kleine Schwester und der Bruder wuchsen bei der Oma in Leipzig auf, ihn verschlug es nach Westdeutschland. In Goslar arbeitete er im Bergbau, „Verhüttung von Erzen“. Nach dem Mauerfall habe er seine Schwester wiedergefunden. Als seine Frau in Goslar starb, habe die Schwester vorgeschlagen, er solle doch nach Leipzig kommen.

Auch Reiprich nutzt das betreute Wohnen, geht im „Café Galerie“ zum Mittagessen. „Was konnte ich denn schon? Ich konnte ein paar Bratkartoffeln machen, mehr nicht.“ Im Haus hat er auch schon Kontakte geknüpft, ein Leipziger hat eine Stadtrundfahrt mit ihm unternommen. „Mit der Straßenbahn – so was gibt‘s in Goslar ja nicht“, sagt er und verrät, warum er sich gut eingelebt hat: „Der Sachse ist umgänglicher als der Harzer. Der Harzer, der ist stur.“

Die Bemühungen des Vereins ALeG und des Vermieters um die älteren Menschen im Haus haben anscheinend Erfolg. Die Leerstandsquote in dem Riesengebäude liegt bei 6,5 Prozent. Als die Lange Lene von 1998 an für 45 Millionen D-Mark saniert wurde, stand noch ein Fünftel der Wohnungen leer. LWB-Mieterbetreuerin Marion Bergmann sagt, dass auch jüngere Bewohner die Lange Lene schätzen. Die 222 Drei-Raum-Wohnungen seien bei Familien begehrt. „Die Lange Lene ist ein echtes Mehrgenerationenhaus.“

Der Jüngste: Sidney guckt neugierig aus der Wäsche. Neun Monate ist der Steppke gerade mal auf der Welt – und damit der jüngste Bewohner des Hauses. Mutter Mandy und Vater Danny wohnen schon seit etwa 13 Jahren im Block, erst in einer Zwei-Raum-Wohnung und seit einem Jahr in drei Räumen mit Innenbad und Innenküche. „Man hat hier alles auf einem Fleck. Es gibt gute Spielplätze, die Krippe ist um die Ecke, eine Kita ist da“, sagt Mandy Fischer (29). Mit ihrem Kinderwagen ist sie zwischen den vielen älteren Bewohnern mit den Rollatoren schon eine kleine Attraktion. „Wir haben auch noch einen kleinen Hund. Und das Kind – das ist schon was“, sagt Mandy Fischer. Ihr gefällt das viele Grün vor ihrem Fenster. Der Stadtteil Probstheida, in dem die Lange Lene steht. In der Nachbarschaft liegt eine Einfamilienhaus-Siedlung. Der Stadtteil gehört zu den Außenbezirken Leipzigs. „Ich komme ja direkt aus der Stadt. Aber dort ist es mir zu laut“, meint die Verkäuferin.

Mandy Fischer findet das Wohnkonzept für die Lange Lene gut. „Ich könnte mir vorstellen, das wäre auch was für meine Eltern, wenn die mal nicht mehr so können“, sagt die 29-Jährige. Sie selbst möchte aus der Langen Lene auch nicht wieder weg. „Ich wohne gern im Plattenbau. Altbau käme für mich nicht infrage. Diese hohen Räume – das ist nichts für mich.“ (dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Bildungsbürger

    Sidney und Mandy - sagt alles...

  2. MoDD

    Haben Sie Vorurteile,Bildungsbürger? scheinbar ja,es sind ganz normale Vornamen.

  3. Karl F.

    @Bildungsbürger: und Ihr Kommentar, dass Sie kein solcher sind.

  4. Karl-Heinz Meier-Schulze

    @Bildungsbürger: freuen Sie sich jetzt über das Kopfschütteln und eventuell erboste Reaktionen, die Ihr Kommentar hier auslösen kann?

  5. Kevin-Justin von Wolffersdorff

    Sehr geehrter Herr Bildungsbürger, scheinbar haben Sie einen vornehmen althochdeutschen Vornamen aus Ihrem Elternhause bekommen, was jedoch (Gott sei's gedankt) absolut nicht "alles sagt"... Schämen Sie sich ob Ihrer Vorurteile!!

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