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Freitag, 09.04.2010

Kunst darf nicht alles – aber ziemlich viel

Die Oberbürgermeisterin von Dresden und eine Malerin streiten weiterüber das Orosz-Nacktbild.

Von Thilo Alexe

Richterin Praxedis Möhring eröffnet die Verhandlung mit einem verbalen Paukenschlag: „Kunst darf nicht alles“, sagt sie streng und blickt dabei die Malerin Erika Lust eindringlich an, die Oberbürgermeisterin Helma Orosz fast nackt vor der Waldschlößchenbrücke darstellte. Dann aber dreht sie den Kopf und nimmt die CDU-Politikerin ins Visier: „Die Frage ist, ob Sie das nicht dulden müssen.“ Damit umreißt Möhring gleich zum Auftakt der gestrigen Verhandlung das komplexe Spannungsfeld um die Grenzen von Kunst, Persönlichkeitsrechten und Meinungsfreiheit. Das Oberlandesgericht muss klären, ob das Bild „Frau Orosz wirbt für das Welterbe“ weiter unter Verschluss bleibt.

Aus Trauer über die 2009 verlorene Auszeichnung malte Lust die Oberbürgermeisterin in Öl vor der stählernen Elbquerung – in Strapsen, mit Amtskette und hängenden Brüsten. Orosz sah sich in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt. In einem Eilverfahren im Dezember setzte sie vor dem Landgericht durch, dass die Malerin das Bild nicht ausstellen oder auf ihrer Homepage zeigen darf. Lust ging daraufhin in Berufung.

Die Verhandlung mutet stellenweise kurios an. So, wenn kurzfristig erwogen wird, das umstrittene Bild nur noch mit Balken oder kleinen Vorhängen vor den Intimbereichen auszustellen. Oder wenn die Vorsitzende Richterin mit Blick auf satirische Nacktdarstellungen der Kanzler Gerhard Schröder und Angela Merkel fröhlich ruft: „Es geht noch schlimmer, Frau Orosz.“

Die Rathauschefin folgt dem Prozess mit angespannter Miene. Sie sieht sich durch die „brüskierende Darstellung“ in ihrer Ehre gekränkt, gar in die Nähe einer Prostituierten gerückt. Es habe „einen enormen Achtungs- und Autoritätsverlust gegeben“. Lust kontert. Auf Wunsch des Gerichts hat sie eine Fotografie des mittlerweile im Tresor eines Privatsammlers lagernden Bildes mitgebracht. Sie sei vor 20 Jahren aus dem autoritären Kasachstan nach Sachsen gekommen. „Ich habe mich sofort Dresden verliebt“, sagt sie. Damit verbunden sei ein Sinneswandel, sagt Lust. Sie habe begonnen, sich einzumischen, auch politisch aktiv zu werden. Aufgabe der Kunst sei es, kritisch zu sein, sagt Lust, die Orosz auch als peitschende Domina zeigte und historische Größen wie Päpste und Könige ebenfalls nackt malte. Verletzen wollte die Künstlerin die Oberbürgermeisterin mit dem skurrilen Akt nicht: „Ich habe so gemalt, weil ich es nicht anders malen konnte.“

Richterin Möhring drängt erfolglos auf einen Vergleich. Sie schlägt vor, dass Lust darauf verzichtet, das Bild im Netz zu zeigen. Orosz bietet an, die Prozesskosten – voraussichtlich etwa 5000 Euro – zu übernehmen, wenn die Malerin auf die Ausstellung verzichtet. Lust lehnt ab. Nur im Netz will sie das Bild nicht zeigen. Das Urteil ist für den 16.April angekündigt.