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Freitag, 13.10.2017

Kora hilft, wenn’s brenzlig wird

Die Kontaktstelle gegen islamische Radikalisierung berät auch Gemeinden, in denen Gebetsräume entstehen.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Manche Bürgermeister kleinerer Gemeinden wollen aus Angst vor Bürgerprotesten keine muslimischen Gebetsräume oder Treffpunkte zulassen.
Manche Bürgermeister kleinerer Gemeinden wollen aus Angst vor Bürgerprotesten keine muslimischen Gebetsräume oder Treffpunkte zulassen.

© picture-alliance/dpa

Vor einem halben Jahr ist Kora in Sachsen gestartet, die Koordinierungs- und Beratungsstelle zur Radikalisierungs-prävention. Das Projekt von Innen-, Justiz- und Integrationsministerium kümmert sich um islamische Radikalisierung im Freistaat – und der Bedarf ist offenbar groß. Beim Podiumsgespräch „Wann wird’s brenzlig?“ am Mittwochabend in Leipzig zog Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) ein erstes Zwischenfazit: Mehr als 40 Beratungen habe Kora bereits durchgeführt, vor allem in Schulen und Kommunen, bei der Polizei und bei Flüchtlingshelfern. Hinzu kamen acht Anfragen von Menschen, denen in ihrem Umfeld jemand verdächtig vorgekommen war – es waren dann aber keine radikalen Islamisten.

„Die Verunsicherung ist groß“, sagt Köpping. „Wir müssen sehr viel aufklären.“ Sorge bereiten Kora und Co. auch Bürgermeister in kleineren Gemeinden, die aus Angst vor Bürgerprotesten keine muslimischen Gebetsräume oder Treffpunkte in ihrem Ort zulassen wollen. „Wenn die Bürgermeister sie nicht haben wollen, mieten sich die muslimischen Gemeinden selber etwas an. Aber wenn wir ausgrenzen, verlieren wir den Kontakt zu ihnen“, warnt Köpping. Kora schule daher gezielt Bürgermeister, wenn die es wünschten. Denn Moscheen würden bei der Flüchtlingsintegration einen großen Beitrag leisten, betont die Ministerin.

Allerdings bemühen sich auch die „Muslimbruderschaft“ und ihre deutsche Vertretung, die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“, um größeren Einfluss auf Gebetsstätten. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes vom März hat die ihr nahestehende „Sächsische Begegnungsstätte“ (SBS)mit Sitz in Dresden je eine Immobilie in Görlitz und Pirna gekauft. Zudem hat sie Räume in Dresden, Meißen, Zittau, Riesa und Leipzig gemietet oder gepachtet. Allerdings rückt Köpping die Größenordnungen von Islam und Islamismus im Freistaat zurecht: Es gebe in Sachsen mit seinen vier Millionen Einwohnern gerade mal 22 muslimische Gemeinden mit etwa 40 000 Muslimen. Und während der Verfassungsschutz etwa 2 700 aktive Rechtsextremisten und 845 Linksextremisten zähle, seien es 350 Islamisten. 190 von ihnen werden dem salafistischen Milieu zugeordnet.

Nach Einschätzung von Klaus Hummel, Politikwissenschaftler und Islamexperte beim Landeskriminalamt in Dresden, wird es immer zuerst für Lehrer und Sozialpädagogen brenzlig. Sie würden an der Basis Probleme viel schneller mitbekommen als andere. Für diese Berufsgruppen sei er froh, dass die Radikalisierungsstelle eingerichtet wurde. Gefährlich werde Radikalisierung immer dann, wenn soziale Gruppen gegeneinander hetzten, sich jagen und Flüchtlingsheime anzünden, sagt er.

Die Stigmatisierung der Muslime habe 2001 mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York begonnen. Zugleich warnt Hummel vor einer Brandmarkung von Leipzig als Hochburg der Islamisierung. Die jungen Leute Linda, Max und Samuel, die für den IS in den „Heiligen Krieg“ gezogen waren, seien eben aus der Region Dippoldiswalde gekommen. „Dort finden sie keinen Salafisten“, so Hummel. „Doch die jungen Leute hat keiner gefragt, ob sie gut integriert waren.“

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