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Samstag, 23.09.2017

Konzentration trifft Karneval

Europas beste Dartsspieler kommen am Wochenende nach Riesa. Der Pfeilsport wird in Deutschland immer populärer.

Von Michaela Widder

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Ganz so wild wie bei der WM im Alexandra Palace von London geht es in Riesa nicht zu, aber für Partystimmung wird auch in Sachsen gesorgt.
Ganz so wild wie bei der WM im Alexandra Palace von London geht es in Riesa nicht zu, aber für Partystimmung wird auch in Sachsen gesorgt.

© dpa

  • Ganz so wild wie bei der WM im Alexandra Palace von London geht es in Riesa nicht zu, aber für Partystimmung wird auch in Sachsen gesorgt.
    Ganz so wild wie bei der WM im Alexandra Palace von London geht es in Riesa nicht zu, aber für Partystimmung wird auch in Sachsen gesorgt.
  • Für Max Hopp ist das Turnier in Riesa ein Heimspiel. „Keine Frage, dass ich hier natürlich besonders gut performen will“, sagt der Wahl-Sachse.
    Für Max Hopp ist das Turnier in Riesa ein Heimspiel. „Keine Frage, dass ich hier natürlich besonders gut performen will“, sagt der Wahl-Sachse.

Es ist wie Ballermann – nur ohne Strand. Wie Oktoberfest – nur ohne Riesenrad. Und wie Karneval – nur ohne Kamelle. Wenn am Wochenende die besten Spieler zu den Darts Open in Riesa absteigen, verwandelt sich die Sachsen-Arena in einen Partysaal. Weihnachtsmänner treffen auf schräge Vögel und trinken, XXL-Plüschkondome jubeln Arm in Arm mit Superman. 3 000 Zuschauer singen, grölen, halten Plakate mit nicht immer jugendfreien Botschaften in die Kameras. Sie fühlen sich als Teil der Show. Und vorne stehen zwei Männer auf einer Bühne und werfen Pfeile auf ein Brett.

Bereits zum dritten Mal macht die European Tour halt in Riesa, in der sächsischen Kleinstadt, wo im vergangenen Jahr ein neuer Zuschauerrekord auf deutschem Boden aufgestellt wurde. 3 511 Fans feierten am 3. September in der Arena die besten Spieler des Wurfspiels – und mittendrin ein deutscher Profi. Max Hopp ist der „Maximiser“, der lokale Held. Wenn der gebürtige Hesse, der seit 2015 im vogtländischen Kottengrün wohnt, am Wochenende auf die Bühne tritt, wird es besonders laut. „Die Unterstützung aus der Menge ist super und hilft, die paar Extra-Prozente rauszukitzeln“, sagt Hopp im SZ-Interview. „Das pusht mich eher, als es mich ablenkt.“

Der frühere Junioren-Weltmeister wirft sich allmählich an die Weltspitze heran. Zu den ganz Großen in der Szene fehlt es dem 21-Jährigen noch an Erfahrung. „Da sind mir die Top-Jungs meilenweit voraus“, erklärt er. „Speziell auf der Bühne, wo sich vieles im Kopf abspielt, ist es Gold wert, all diese Situationen schon mal durchlebt zu haben.“ Hopp, der als Profi von seinem Sport leben kann, sieht sich selbst auf einem guten Weg. „Von den Punkten her spiele ich in diesem Jahr mein bestes Darts, jetzt müssen nur noch die Ergebnisse kommen.“ Hin und wieder kommt es sogar vor, dass er auf der Straße erkannt wird. „Natürlich sind wir noch weit weg von Fußballern, aber man merkt schon, dass es öfter passiert als noch vor drei Jahren.“

Der Triumphzug des Darts – seit vielen Jahren in England ein Phänomen – ist längst auch in Deutschland angekommen. Das Fernsehen hat dem Publikum hierzulande den Sport nähergebracht. Die Weltmeisterschaft rund um Weihnachten und Neujahr ist mittlerweile Kult. Das diesjährige Finale im Alexandra Palace von London hatten im Schnitt rund eineinhalb Millionen Menschen beim Spartensender Sport 1 gesehen – ein neuer Rekordwert für die Sportart. Von den Fernsehbildschirmen zieht es die Fans immer mehr in die Hallen, um dort die englischen Anhänger mit ihren verrückten Verkleidungen und Gesängen nachzuahmen.

Etwas ungewöhnlich ist dabei, dass noch kein deutscher Spieler ganz vorn dabei ist – und die Zuschauer trotzdem zu den Turnieren strömen. Die Faszination für den Sport hat viele Gründe. Er lebt von seinen Protagonisten. Jeder Dartsprofi bringt seine eigene Geschichte mit. Und es sind nicht die durchtrainierten Athleten, sondern Spieler mit Ecken und Kanten. Die Identifikation fällt den Fans leichter.

Für Hopp liegt der Reiz des Dartsspielens darin, „dass man bis zuletzt nie weiß, wer gewinnt. Innerhalb von Sekunden kann ein scheinbar sicherer Sieg aus den Händen gegeben und wieder zurückerobert werden“. Ziel ist es, die 501 Punkte exakt auf null herunterzuschießen. Es gehe, so Hopp, Schlag auf Schlag, in hohem Tempo, mit sehr großer Spannung. „Außerdem ist Darts einfach und verständlich. Jeder hat schon mal irgendwo auf eine Scheibe geworfen.“ Mit Kneipensport ist Darts auf Hopps Niveau nicht vergleichbar. Er trainiert täglich vier Stunden. „Vor einem großen Turnier kann es auch mal mehr sein.“ Es ist eine Tüftelei im Millimeterbereich. Was viele nicht wissen, auch Hopp muss auf Fitness und Ernährung achten. „Wenn ich kurz vorm Spiel ins Fresskoma verfalle, sind die Erfolgsaussichten dahin.“ Da die Turniere meist bis nachts gehen, ist ein gesunder Mitternachts-snack eine kleine Herausforderung.

Auch in Riesa beginnt das Finale erst Sonntagabend und wird nicht vor 23 Uhr enden. Die Top 16 in Europa treffen zunächst auf die 32 Qualifikanten, die am Freitag ermittelt wurden. Insgesamt sind für das Turnier, für das Tickets noch erhältlich sind, rund 153 000 Euro Preisgeld ausgelobt. Große Chancen auf den Sieg, der immerhin mit 28 000 Euro belohnt wird, hat Vorjahressieger Mensur Suljovic. Der Österreicher setzte sich voriges Wochenende bei der Champions League in Cardiff gegen die Besten um Rekordweltmeister Phil Taylor durch. „Ein Traum ist wahr geworden”, meint der 45-Jährige, der sich freuen kann wie kein Zweiter in der Szene – und er sagt: „Aber auf den Erfolgskurs bin ich eigentlich 2016 in Riesa gekommen. Dort habe ich gelernt, Turniere zu gewinnen.”

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