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Montag, 07.11.2016

Körbeweise Eingaben für Ingrid II.

Wie Kurt Biedenkopf in einem Volkshochschul-Vortrag die Demokratie erklärt und Ministerpräsident Stanislaw Tillich keinen Rat gibt.

Von Karin Großmann

Volkshochschulkurs mit Sachsens Ministerpräsident a.D. Kurt Biedenkopf in der Dresdner Dreikönigskirche: viel Beifall im ausverkauften Saal.
Volkshochschulkurs mit Sachsens Ministerpräsident a. D. Kurt Biedenkopf in der Dresdner Dreikönigskirche: viel Beifall im ausverkauften Saal.

© Ronald Bonß

An diesem Freitag können Dresdner Volkshochschüler wählen zwischen tibetischer Honigmassage, Selbstverteidigung und einem Nähkurs für Anfänger. Die meisten entscheiden sich für zwei gebührenfreie Unterrichtseinheiten mit der Nummer 16H1101: Vortrag von Kurt Biedenkopf. Auf der Internetseite der Volkshochschule ist der Termin schnell mit einem gelben Einkaufswagen versehen. Ausgebucht. Die kleine unangemeldete Fangruppe vor dem Saal kommt trotzdem noch rein. Es verjüngt die Hörergemeinde nicht wesentlich.

Für Biedenkopf verspricht der Ort ein Heimspiel. In diesem Saal der Dresdner Dreikönigskirche konstituierte sich im Oktober 1990 der sächsische Landtag. Ministerpräsident des Freistaats zu werden, sagt Biedenkopf, habe er nicht auf dem Schirm gehabt. So, meint er, würden es seine Kinder sagen. Heftiges Nicken in der ersten Reihe. Die Dame in Rot wird an diesem Abend noch mehrfach Zustimmung signalisieren. Dabei hat sie manchen Satz schon zigmal gehört. Das gibt der Redner gern zu. Am Ende wird Ingrid Biedenkopf vom Chef der Volkshochschule mit einem üppigen Blumenstrauß bedankt. Im Hauptraum der Kirche proben inzwischen einige Chöre.

Im Vortragssaal geht es um Demokratie in der Sackgasse und neues Denken in der Politik. So steht es auch auf der Riesenleinwand, die das Christuskreuz im Wandbild verdeckt. Kurt Biedenkopf vergewissert sich immer mal mit einem Blick aufs Thema, dass er noch bei der Sache ist. Freihändig schwingt sich der 86-Jährige von Stichwort zu Stichwort und schneidet selbst mit, was er sagt. Wer weiß, wozu man das noch mal gebrauchen kann. Das Publikum lernt: Wer Probleme von heute auf morgen verschiebt, zahlt drauf. Wer nur an die Gegenwart denkt, sorgt nicht für die Zukunft vor. Wer Lösungen vom Vater Staat erwartet, degradiert sich selber zum Kind. Und wer behauptet, kein Vertrauen in die Politik zu haben, hat bloß kein Interesse am Dialog. Im Übrigen halte die Demokratie viel aus. Sie habe die Grünen integriert, die am Anfang keiner anfassen wollte, und werde das auch mit der AfD schaffen. Aber: „Die Leichtigkeitskurve läuft aus.“

Leidenschaftlich wirbt Kurt Biedenkopf für mehr bürgerschaftliches Engagement. Ähnlich habe das schon John F. Kennedy gesagt, meint der gastgebende Direktor Jürgen Küfner: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst! Der Redner antwortet mit Kästner: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Auch Immanuel Kant, Churchill und Shaw werden herbeizitiert, wie man das in einem Volkshochschulkurs erwarten darf.

Aus dem Publikum kommen praktische Fragen. Wie kann Bürgerengagement verhindern, dass die Mittelschicht ärmer und Konzerne reicher werden? Biedenkopf sagt: „Von Umverteilung halte ich gar nichts. Allein der bürokratische Aufwand wäre enorm.“ Er sagt auch, dass die Gewinne der Konzerne an die Belegschaft gehen. Es ist das einzige Mal, dass mit „nee, nee“ leiser Widerspruch hörbar wird.

Ein Mann aus den hinteren Reihen fragt: Wenn sich zeigt, dass ein Ministerpräsident ungeeignet ist für sein Amt und gerade keine Wahlen sind – wie kriegt man den weg? Herzliches Lachen im Publikum. Biedenkopf: „Denken Sie an einen speziellen Fall?“ Sollte der Freistaat gemeint sein, verbiete Loyalität eine Antwort. Allgemein aber könne er zur bewährten Methode der Eingabe raten. Seine Ehefrau Ingrid habe damals zunächst mit zwei, dann mit vier Mitarbeitern waschkörbeweise Eingaben der Bürger bearbeitet. „Die Leute haben sich bedankt, auch wenn wir nichts tun konnten.“ Biedenkopf empfiehlt, das Büro wiederzubeleben, mit anderer Besetzung.